Neubeginn mit über siebzig: Wie Anne Glantz in Island Raum für ein anderes Leben fand

Expertenprofil von Dr. Anne Glantz anzeigen

Neubeginn mit über siebzig: Wie Anne Glantz in Island Raum für ein anderes Leben fand
Foto: Justin Bockey

Die Kündigung ihrer Praxisräume stellte Anne Glantz vor eine Entscheidung: noch einmal von vorn anfangen im vertrauten Beruf – oder einen neuen Lebensabschnitt wagen? Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie entschied sich für Island, Rucksack und Zelt. In „Neun Sommer in Island“ erzählt sie davon, wie aus einem zunächst ungewohnten Aufbruch eine wiederkehrende Rückkehr an einen See wurde. Im Mittelpunkt stehen die Begegnungen und Einsichten, für die dort Zeit entstand.

Die Entscheidung fiel vor dem ersten Zeltaufbau

Als das Spital die Praxisräume wegen Eigenbedarfs kündigt, steht Glantz kurz vor ihrem siebzigsten Geburtstag. Sie liebt ihren Beruf. Der Verlust des vertrauten Arbeitsortes trifft sie entsprechend schwer. Trotzdem entscheidet sie sich gegen die Suche nach neuen Räumen.

Der Norden ist ihr schon lange nah. In jüngeren Jahren reist sie im Sommer bevorzugt nach Lappland. Auch Island kennt sie bereits von Fahrten mit dem Auto und Übernachtungen im Hotel. Doch diesmal möchte sie länger bleiben und das Land anders erleben.

Ihr Vorhaben ist ebenso schlicht wie anspruchsvoll: drei Monate mit Rucksack und Zelt. Als sie zu ihrem ersten Zeltsommer aufbricht, ist sie bereits über siebzig. Camping-Erfahrung hat sie anfangs keine.

Glantz stellt diesen Schritt keineswegs als mühelosen Beweis besonderer Furchtlosigkeit dar. Sie bezeichnet sich selbst als eher ängstlichen Menschen. Die lange Anreise mit dem eigenen Auto traut sie sich im ersten Sommer noch nicht zu. Also plant sie, mit dem Bus durch Island zu reisen.

Ihr Neubeginn bekommt dadurch eine konkrete Form: Sie nimmt den Wunsch ernst und sucht nach einem Weg, der für sie machbar erscheint.

Der neue Lebensabschnitt beginnt im eigenen Garten

Bevor Island zur Wirklichkeit wird, steht das Zelt zu Hause. Glantz recherchiert Ausrüstung, beschäftigt sich mit leichten Materialien und probiert aus, was sie tatsächlich braucht.

Die ersten Nächte unter einer Plane im Garten verändern bereits ihre Wahrnehmung. Geräusche und Gerüche treten hervor. Obwohl das Haus ganz nah ist, fühlt sich die Umgebung neu an.

Dabei bleibt die Vorbereitung ausgesprochen praktisch. Sie überarbeitet ihre Kleidung, sucht nach einem passenden Rucksack und wägt Gewicht gegen Belastbarkeit ab. Nicht jede Anschaffung bewährt sich. Nachdem eine Zeltkonstruktion unter Schnee nachgibt, sucht sie nach einer robusteren Lösung.

Diese Passagen geben dem Aufbruch eine Bodenhaftung, die leicht verloren geht, wenn nur vom Mut zur Veränderung gesprochen wird. Glantz übt, verwirft und verbessert. Zwischen der Entscheidung und der Reise liegen viele kleine Handgriffe.

Die Nähe zur Natur entsteht in ihrer Geschichte somit auch durch Lernen. Sie muss herausfinden, wie sie draußen schlafen, kochen und ihren Alltag organisieren kann.

Aus einem Reiseziel wird ein vertrauter Ort

Der erste Zeltsommer führt sie mit dem Bus durch das Land. Der Platz, an den sie in den folgenden acht Sommern zurückkehren wird, begegnet ihr bei einem späteren Besuch im November.

Am Þingvallavatn setzt sie sich ans Ufer und nimmt eine besondere Ruhe wahr. Hinter einem kleinen Hügel entdeckt sie eine flache Grasfläche. Dort erlebt sie einen inneren Satz, den sie als klare Aufforderung versteht:

„Hier wird im nächsten Sommer dein Zelt stehen.“

Glantz beschreibt solche Momente als Teil ihrer persönlichen spirituellen Erfahrung. Ihrer inneren Stimme habe sie bei wichtigen Entscheidungen immer vertraut.

Im folgenden Sommer kommt sie zurück. Diesmal mit Zelt, im Regen und mit einer sehr handfesten ersten Aufgabe: Sie schiebt Gänsekot von der vorgesehenen Stelle und baut ihr Lager auf.

Das Nebeneinander von innerer Bedeutung und alltäglicher Notwendigkeit prägt ihren Bericht. Der See ist für sie ein besonderer Ort. Trotzdem muss dort gegessen, gewartet, aufgeräumt und mit dem Wetter gelebt werden.

Bleiben verändert den Blick

Die neun Sommer führen nicht durch eine Abfolge immer neuer Reiseziele. Ein großer Teil der Erfahrungen entsteht durch die wiederholte Rückkehr. Was beim ersten Ankommen fremd war, wird vertraut und bleibt dennoch veränderlich.

Glantz erinnert sich an die anfängliche Müdigkeit und Unsicherheit. Später lösen bereits die Zufahrtsstraße und der Blick auf den See Freude und Wiedererkennen aus. Die Landschaft ist mit persönlichen Erinnerungen verbunden.

Auch die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Mahlzeiten, Graugänse, Vögel am See und Begegnungen mit anderen Menschen erhalten eigene Kapitel. Das Buch nimmt sich Raum für Dinge, die auf einer raschen Rundreise leicht am Rand bleiben würden.

Die Autorin bringt dabei einen beruflichen und persönlichen Hintergrund mit, in dem die Beschäftigung mit innerem Erleben lange einen Platz hatte. Sie leitete über Jahrzehnte Kurse zu autogenem Training, Persönlichkeitsentwicklung und Meditation. In Island schreibt sie aus ihrer eigenen Erfahrung heraus: Sie beobachtet, wie Landschaft, Zeit und Alleinsein auf sie wirken.

Allein sein heißt für sie nicht, dass etwas fehlt

Andere Reisende fragen sie immer wieder, was sie den ganzen Sommer am See mache. Ob sie keine Angst habe. Ob es nicht langweilig werde.

Ihre knappe Antwort auf die Frage nach ihrer Beschäftigung lautet:

„Ich bin.“

Damit beschreibt sie eine Erfahrung, die sich schwer in Tätigkeiten übersetzen lässt. Einem älteren isländischen Paar gegenüber nennt sie es die „erfüllte Leere“. Der Mann antwortet, er wisse, was sie meine. Für Glantz entsteht daraus ein Moment unmittelbarer Verbundenheit.

Alleinsein und Einsamkeit unterscheidet sie deshalb deutlich. Das gewählte Alleinsein erlebt sie als Kraftquelle und als Möglichkeit, Natur intensiver wahrzunehmen. Es gehört für sie zu einem reichen inneren Leben.

Diese Sicht ist persönlich und spirituell geprägt. Im Buch verbindet sie Naturbeobachtungen auch mit Erfahrungen, die sie als Begegnungen mit unsichtbaren Wesen deutet. Sie gehören zu ihrer Wahrnehmung dieser Sommer und zu dem Weltbild, aus dem sie erzählt.

Ein Neubeginn muss nicht immer weiterführen

„Neun Sommer in Island“ verbindet Erinnerungen mit Haikus und Bildern, die auf eigenen Fotografien beruhen und in einen Aquarellstil übertragen wurden. Auch diese Gestaltung lädt dazu ein, bei einem Eindruck zu verweilen.

Der neue Lebensabschnitt bekommt darin einen eigenen Rhythmus. Glantz lernt zunächst das Unterwegssein mit ungewohnter Ausrüstung. Später gewinnt das Wiederkommen an Bedeutung. Derselbe Ort eröffnet ihr immer neue Beobachtungen.

So liegt die Veränderung ihrer Geschichte auch im Bleiben. Nach dem Verlust der Praxisräume entsteht ein Alltag, dessen Wert sich nicht an einem vollen Kalender bemisst. Am See muss sie nicht jeden Tag etwas Neues erreichen. Sie kann wahrnehmen, was sich zeigt – und herausfinden, wie sie selbst in diesem veränderten Leben ankommt.

Dr. Anne Glantz

Expertin für die Kraft der Stille

Themen

Persönlichkeitsentwicklung , Speaker , Spiritualität

Dr. Anne Glantz