NEIN sagen im Spannungsfeld von Hochsensibilität und Vielbegabung
Sylvia Beate Würtele
Über die Freiheit, anders zu sein und einfach zu sein
„Du musst mehr NEIN sagen und endlich mal in die Pötte kommen“, „du machst dir viel zu viele Gedanken“, so Aussagen, die ich gerade in den letzten Tagen wieder vermehrt gehört und denen ich aus meiner Sicht heftig widersprochen habe. NEIN sagen habe ich inzwischen gelernt. Zu sehr vielen Dingen, vor allem zu Grenzverletzungen. Und ich habe auch JA sagen gelernt. Ein sehr bewusstes JA-sagen zum Leben und immer mehr auch zum Genießen. Es darf leicht sein und ich darf einfach sein. Ich darf mich vorbehaltlos freuen, ohne vorher hohe Anstrengungen unternommen zu haben, ich darf mich und alles was mir lieb ist bedingungslos lieben und geliebt werden. Der Liebe wert sein auch ohne Leistungsdruck. Ich darf sein. Und ich darf sein, wie ich bin.
Das war nicht immer so und ich habe noch ein Stück Weg vor mir, der sich mir kontinuierlich unter die Füße schiebt. Teilweise in einer rasenden Geschwindigkeit und in einer Wucht, die für die meisten Menschen nicht nachvollziehbar und unvorstellbar ist. Ich bin hochsensibel. Ich bin vielbegabt. Ich bin anders.
„Schreib mir einen Artikel über Hochsensibilität und Vielbegabung, ich bringe ihn im Expertenportal“, forderte mich Josua vor drei Tagen heraus. Gestern und vorgestern begrüßte ich ihn jeweils mit „ich hatte keine Zeit, ich war zu müde“. Was auch kein Wunder war, denn wir hatten bei unserer Masterclass in Kapstadt einfach unglaublich viel erlebt und ich eine noch größere Menge an Reizen zu verarbeiten. Außerdem trage ich komplexere Fragen vor mir her wie eine Kuh, die die Nahrung erst durch ihre vier Mägen jagen muss. Ich darf verdauen, wiederkäuen, wieder verdauen, wiederkäuen, verdauen, bis ich die vielen Aspekte endlich in meinem System gewendet, von allen Seiten betrachtet und aufbereitet habe, um sie in meinen Augen rund wieder auszuspeien.
Hochsensibilität und Vielbegabung – zwei verschiedene Welten?
Was bedeutet es eigentlich, hochsensibel und vielbegabt zu sein?
Die Psychologie beschäftigt sich seit den Untersuchungen von Elaine und Arthur Aron (1997) mit der sogenannten Sensory Processing Sensitivity, kurz SPS. Gemeint ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die beschreibt, wie empfänglich Menschen für Einflüsse ihrer Umwelt sind und wie sie diese verarbeiten.
Eine Untersuchung von Lionetti und Kollegen aus dem Jahr 2018 mit 906 Erwachsenen unterschied drei Gruppen: Rund 31 Prozent wurden als hochsensitiv, 40 Prozent als mittelsensitiv und 29 Prozent als niedrig sensitiv eingeordnet. Das sind Ergebnisse dieser Stichprobe, keine allgemeingültigen Bevölkerungsquoten. Hochsensibilität ist keine Krankheit und auch kein Synonym für Hochbegabung.
Vielbegabung beschreibt dagegen die Vielfalt von Interessen und Fähigkeiten, die sich nicht auf ein einziges Gebiet beschränken. Der Begriff ist wissenschaftlich nicht einheitlich definiert. Eine verlässliche Häufigkeitsangabe gibt es deshalb nicht.
Hochbegabung wiederum wird häufig über einen IQ von mindestens 130 abgegrenzt. Das entspricht bei der üblichen Normverteilung etwa 2,3 Prozent der Bevölkerung.
Für mich sind Hochsensibilität und Vielbegabung zwei vollständig getrennte Dimensionen.
Meine Hochsensibilität betrifft vor allem meine Wahrnehmung und die Herausforderung, das Wahrgenommene zu verarbeiten. Meine Vielbegabung füttert meine Interessen und Themenfelder.
Beides zusammen ist für mich Fluch und Segen zugleich. Als größtes Geschenk empfinde ich die Tiefe und die Fähigkeit, mir Welten zu erschließen, die für andere zunächst verschlossen bleiben oder überhaupt nicht sichtbar sind.
Muster erkennen. Prinzipien verstehen. Grenzen überschreiten.
Oft nehme ich etwas wahr, ohne es gleich bewusst benennen zu können. Eine Ähnlichkeit, eine Unstimmigkeit, einen Zusammenhang. Dann versuche ich, das Wahrgenommene zu greifen und einzuordnen. Ich suche nach Mustern, erkenne Prinzipien und frage mich beinahe automatisch, wo diese noch funktionieren könnten. Prüfe im nächsten Schritt, ob sich ein erkanntes Prinzip auf eine andere Problemstellung übertragen lässt.
Mustererkennung ist dabei nicht dasselbe wie Transferfähigkeit. Eine Ähnlichkeit zu entdecken ist der Anfang. Und nicht jede erkannte Ähnlichkeit erweist sich als tragfähig. Aber manchmal öffnet sie Türen zu Lösungen, die vorher niemand gesehen hat.
Du machst dir zu viele Gedanken
Ja, ich mache mir viele Gedanken, den Aussagen meiner Umwelt nach vielleicht tatsächlich zu viele. Was andere als Grübeln oder Verzetteln wahrnehmen, ist für mich allerdings häufig ein notwendiger Verarbeitungsprozess.
Ich recherchiere, verschaffe mir einen Überblick, lasse unterschiedliche Perspektiven zu Wort kommen und suche nach einer Struktur. Dann wechsle ich meinen Modus auf Fokus, um einen Meilenstein oder Abschluss erreichen zu können, kläre höchstens noch einzelne Punkte nach.
Diesen Wechsel erlebe ich wie das Atmen.
Nicht jedem Gedanken muss ich sofort folgen. Interessante Nebenwege parke ich unter „später betrachten“ oder „später entscheiden“. Manchmal streiche ich sie, wenn sie ihre Bedeutung verloren haben.
Nach intensiven Arbeitsphasen brauche ich einen Wechsel. Das muss kein Nichtstun sein. Vielleicht gehe ich in den Garten, räume auf, treffe Freunde. Und manchmal liegt gerade nach einer solchen Pause plötzlich eine Lösung vor mir, ohne dass ich bewusst weiter darüber nachgedacht habe. Was nach einem weiteren Themenwechsel aussehen kann, gehört für mich zum selben Prozess.
Vom Nein zum Ja
Früher habe ich häufig NEIN gesagt, weil ich Angst hatte, verletzt zu werden. Und JA, weil ich Angst hatte, nicht geliebt oder ausgeschlossen zu werden. Heute kann ich Grenzen setzen. Ich muss nicht jede Frage beantworten, nicht jede Unstimmigkeit auflösen und nicht jeden Menschen von meiner Sichtweise überzeugen.
„Jetzt nicht“ ist eine vollständige Antwort.
Aber ich möchte auch wieder mehr JA sagen. Zu Begegnungen, Möglichkeiten, Herausforderungen und zum Leben.
Lange habe ich bestimmte Seiten von mir zurückgehalten. Nicht unbedingt, weil ich meine Fähigkeiten nicht kannte, sondern weil ich erlebt hatte, dass es unangenehme Konsequenzen haben konnte, sie zu zeigen.
Ich verstelle mich nicht,
ich drehe mich nur,
zeige eine andere meiner Seiten.
Ich bleibe bei mir,
an meinem Ort,
authentisch. – Pashiba (2012)
Ich habe viele Seiten. Und ich möchte keine davon verstecken müssen, nur weil andere mich leichter einordnen können, wenn sie nur eine sehen.
Die Energie folgt dem Fokus
Eine der wichtigsten Erkenntnisse meines Lebens ist, dass ich meine Aufmerksamkeit bewusst lenken kann.
Ich nehme vieles wahr. Aber ich muss nicht mehr auf alles reagieren. Ich darf entscheiden, womit ich mich beschäftige, wem ich meine Zeit schenke und welche Auseinandersetzung ich führe. Die Energie folgt dem Fokus und den darf ich bei mir halten.
Was hat das alles mit dir zu tun?
Vielleicht kennst du solche Sätze auch: „Du denkst zu kompliziert.“ „Du verzettelst dich.“ „Du kannst doch nicht alles machen.“
Vielleicht hast du gelernt, deine Fähigkeiten zurückzuhalten, weil du mit ihnen angeeckt bist. Vielleicht fällt es dir leichter, andere zu fördern, als deine eigene Kompetenz sichtbar zu machen.
Oder du spürst, dass viel mehr in dir steckt, als du bisher lebst, kannst aber noch nicht erkennen, wie deine unterschiedlichen Fähigkeiten zusammengehören.
Dann möchte ich dir eine Frage stellen:
Was wäre, wenn du nicht weniger von dir zeigen müsstest, sondern lernen dürftest, deine vielen Seiten miteinander zu verbinden?
Nicht jede Schwierigkeit ist Ausdruck von Hochsensibilität. Nicht jede Vielbegabung führt zu Überforderung. Und nicht jeder Selbstzweifel bedeutet, dass wir unsere Fähigkeiten tatsächlich falsch einschätzen.
Manchmal fehlen uns passende Strukturen. Manchmal haben wir ungünstige Erfahrungen gemacht. Und manchmal brauchen wir einen anderen Blick auf das, was längst vorhanden ist.
Genau dort beginnt für mich Persönlichkeitsentfaltung.
Nicht darin, aus einem Menschen einen anderen zu machen. Sondern darin, seine Möglichkeiten zu erkennen, hinderliche Muster zu hinterfragen und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern.
Ich darf sein. Und du auch.
Aus Josuas Bitte um einen kurzen Artikel ist eine intensive Auseinandersetzung mit meiner eigenen Denkweise geworden. Vielleicht hätte ich schneller schreiben können. Aber vielleicht hätte ich dann weniger verstanden.
Ich muss nicht kleiner sein, damit andere sich größer fühlen können. Ich muss meine Fähigkeiten nicht verleugnen, um dazuzugehören. Und ich muss mich nicht auf eine einzige Seite meiner Persönlichkeit reduzieren lassen.
Ich darf mich drehen und eine andere davon zeigen.
Ich darf mich verändern und trotzdem bei mir bleiben.
Ich darf sichtbar werden, ohne eine Maske aufzusetzen.
Ich bin hochsensibel. Ich bin vielbegabt. Ich bin anders.
Und ich bin ich.
Und vielleicht ist es auch für dich an der Zeit, nicht länger zu fragen, warum du anders bist, sondern was du mit all dem anfangen möchtest, was dich ausmacht.
Über die Autorin
Sylvia Beate Würtele ist Diplom-Wirtschaftsingenieurin, Autorin, Speakerin, systemische Coachin und Aufstellungsleiterin sowie NLP-Lehrtrainerin.
Sie verbindet langjährige Erfahrung in der IT- und Unternehmenswelt mit systemischem Denken, Persönlichkeitsentfaltung und kreativer Arbeit. Im Mittelpunkt stehen Selbstwert, Selbstwirksamkeit, Grenzen, Entscheidungen und der Umgang mit vielfältigen Fähigkeiten.
Als Entwicklerin von SEELENFIRE® begleitet sie Menschen dabei, Zusammenhänge und wiederkehrende Muster zu erkennen, eigene Potenziale zu erschließen und ihren Weg selbstbestimmt zu gestalten.
Dein nächster Schritt
Du erkennst dich in diesem Artikel wieder? Du bist vielseitig interessiert, denkst komplex, hinterfragst vieles und hast vielleicht gelernt, dich kleiner zu machen, als du bist?
Dann lass uns gemeinsam herausfinden, was in dir steckt, welche Muster dich bisher zurückhalten und wie du deine Fähigkeiten bewusster für dich nutzen kannst.
Ich begleite dich mit Coaching, systemischer Prozessarbeit, Workshops und Reflexionsformaten – nicht mit einer Schablone, in die du passen musst, sondern mit einem offenen Blick auf das, was dich ausmacht.
Wissenschaftliche Grundlagen
Aron, E. N., & Aron, A. (1997). Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345–368. https://doi.org/10.1037/0022-3514.73.2.345
Lionetti, F., et al. (2018). Dandelions, tulips and orchids: Evidence for the existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals. Translational Psychiatry, 8, 24. https://doi.org/10.1038/s41398-017-0090-6
Greven, C. U., et al. (2019). Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: A critical review and development of research agenda. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 98, 287–305. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2019.01.009