Würde ist kein Zusatz. Sie ist der Auftrag unseres Gesundheitswesens.
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Foto: Justin Bockey
Wir können immer mehr. Aber sehen wir noch den Menschen?
Unser Gesundheitswesen verfügt über Möglichkeiten, die vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar waren.
Medizinische Innovationen, moderne Diagnostik und hochentwickelte Technik helfen, Leben zu retten,
Krankheiten zu behandeln und Menschen auch unter schwierigsten Voraussetzungen zu begleiten. Dieser
Fortschritt ist wertvoll. Er eröffnet neue Chancen.
Doch mit jeder neuen Möglichkeit wächst auch unsere Verantwortung. Denn die Qualität des
Gesundheitswesens lässt sich nicht allein an technischen Leistungen, Behandlungszahlen oder
wirtschaftlichen Kennzahlen ablesen. Sie zeigt sich ebenso darin, wie wir Menschen begegnen, wenn sie
verletzlich, abhängig, verunsichert oder auf Hilfe angewiesen sind.
Seit mehr als zwanzig Jahren bin ich in der professionellen Pflege tätig. Besonders die Intensivpflege und die
außerklinische Langzeitbeatmung haben meinen Blick geprägt. Dort, wo Technik für das Leben unverzichtbar
sein kann, wird besonders deutlich: Der Mensch darf hinter seiner Erkrankung, seinem Pflegebedarf oder den
Geräten niemals verloren gehen.
Menschenwürde ist keine freiwillige Zusatzleistung
Würde ist nicht an Leistungsfähigkeit gebunden. Sie hängt nicht davon ab, ob jemand gesund ist, sich selbst
versorgen kann, Entscheidungen rasch formuliert oder auf andere angewiesen ist. Jeder Mensch besitzt Würde
– auch dann, wenn seine Möglichkeiten stark eingeschränkt sind.
Im Gesundheitswesen wird diese Überzeugung jeden Tag auf die Probe gestellt. Sie zeigt sich darin, ob wir
vor einer Handlung dem Patienten erklären, was wir tun. Ob wir die Privatsphäre schützen. Ob wir
aufmerksam zuhören, auch wenn die Kommunikation eingeschränkt ist. Ob wir persönliche Wünsche ernst
nehmen, selbst wenn sie nicht perfekt in einen standardisierten Ablauf passen.
Menschenwürde bedeutet nicht, dass jede Entscheidung einfach wird oder jeder Wunsch erfüllt werden kann.
Medizinische Sicherheit, rechtliche Rahmenbedingungen und begrenzte Ressourcen bleiben reale An- und
Herausforderungen. Würdevoll handeln heißt aber, die betroffene Person an diesen
Abwägungen zu beteiligen, sie verständlich zu informieren und ihr mit Respekt zu begegnen.
Die besondere Verantwortung professioneller Pflege
Pflege ist eine eigenständige Profession mit wissenschaftlicher Grundlage, klinischer Urteilskraft und hoher
Verantwortung. Pflegefachpersonen beobachten Veränderungen, erkennen Risiken, planen und evaluieren
Maßnahmen, begleiten Menschen in Krisen und unterstützen sie dabei, möglichst selbstbestimmt zu leben.
Gerade im hochkomplexen Versorgungsbereich der Heimbeatmung reicht es nicht, Geräte zu bedienen oder
vorgegebene Handgriffe auszuführen. Es braucht ein Verständnis für Atmung und Krankheitsverläufe, das
sichere Erkennen kritischer Situationen, fundierte Entscheidungen und die Fähigkeit, in Notfällen ruhig und
fachgerecht zu handeln ohne ein großes sofort greifbares Expertenteam hinter sich zu haben.
Doch professionelle Kompetenz und Menschlichkeit sind keine Gegensätze. Im Gegenteil: Wer die Situation
fachlich sicher einschätzen kann, schafft Raum für Zuwendung, Kommunikation und individuelle
Entscheidungen. Eine gute Versorgung schützt nicht nur vor Gefahren. Sie ermöglicht Teilhabe, Vertrauen und
Lebensqualität.
Wenn wir über die Zukunft des Gesundheitswesens sprechen, müssen wir deshalb auch über den Stellenwert
der Pflege sprechen: über Ausbildung, kontinuierliche Weiterbildung, Verantwortung, angemessene
Ressourcen und die Einbindung pflegerischer Expertise in Entscheidungen.
Wenn das System den Menschen aus dem Blick verliert
Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste stehen unter erheblichem organisatorischem und
wirtschaftlichem Druck. Personelle Engpässe, Dokumentationsanforderungen, komplexe Zuständigkeiten und
knappe Zeit prägen vielerorts den Alltag. Wer in diesem Umfeld arbeitet, kennt die Spannung zwischen dem,
was fachlich und menschlich notwendig wäre, und dem, was die Rahmenbedingungen zulassen.
Effizienz ist wichtig. Ein Gesundheitssystem muss verantwortungsvoll mit seinen Mitteln umgehen.
Problematisch wird es aber, wenn der organisatorische Ablauf zum alleinigen Maßstab wird. Wenn Gespräche
zu kurz kommen, persönliche Gewohnheiten kaum Platz finden oder Menschen das Gefühl haben, nur noch
als Fall, Diagnose oder Bett wahrgenommen zu werden.
Würde lässt sich nicht auf ein Leitbild reduzieren. Sie muss in Dienstplänen, Führungskultur,
Kommunikation, Entscheidungswegen und Qualitätsstandards erkennbar sein. Wer menschliche Zuwendung
fordert, muss auch Bedingungen schaffen, unter denen sie tatsächlich möglich ist.
Außerklinische Langzeitbeatmung zeigt, worauf es wirklich ankommt
In der Heimbeatmung treffen medizinische Hochtechnologie und persönlicher Alltag unmittelbar aufeinander.
Manche Menschen sind dauerhaft auf technische Atemunterstützung angewiesen. Dennoch bleiben sie
Menschen mit Beziehungen, Interessen, Gewohnheiten, Hoffnungen und Vorstellungen von einem guten
Leben.
Für die Betroffenen kann Lebensqualität bedeuten, in vertrauter Umgebung zu bleiben, Zeit mit der Familie
zu verbringen, Besuch zu empfangen, an gesellschaftlichen Ereignissen teilzunehmen oder eine Reise zu
planen. Was für andere selbstverständlich ist, erfordert hier oft eine sorgfältige fachliche Vorbereitung und
verlässliche Unterstützung.
Genau darin liegt eine wichtige Aufgabe professioneller Versorgung: Sicherheit nicht als Gegenpol zur
Freiheit zu verstehen, sondern als Voraussetzung dafür, dass persönliche Möglichkeiten erhalten bleiben. Der
Mensch soll nicht nur medizinisch stabil sein. Er soll – so weit es seine Situation zulässt – sein eigenes Leben
gestalten können.
„Ein Mensch, der auf Beatmung angewiesen ist, braucht nicht nur Luft
zum Atmen. Er braucht Raum zum Leben.“
Würde braucht Strukturen und Verantwortung
Gute Versorgung darf nicht vom Zufall abhängen: nicht vom Wohnort, nicht von einzelnen besonders
engagierten Personen und nicht von schwer durchschaubaren Zuständigkeiten und Strukturen. Gerade bei
komplexen Versorgungsformen brauchen wir nachvollziehbare Qualitätsstandards, klare Verantwortlichkeiten,
fachliche Qualifikation und tragfähige Formen der Zusammenarbeit.
Das betrifft Pflege, Medizin, Medizintechnik, Therapie, Kostenträger und Organisationen gleichermaßen. Die
Perspektiven der Betroffenen und ihrer Angehörigen müssen dabei frühzeitig einbezogen werden. Denn wer
täglich mit einer Versorgung lebt, kennt ihre Auswirkungen auf Selbstbestimmung und Alltag aus erster Hand.
Aus dieser Überzeugung heraus engagiere ich mich im Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für
außerklinische Langzeitbeatmung (ÖGALB). Unser Anliegen ist es, die fachliche Weiterentwicklung, Qualität
und interprofessionelle Zusammenarbeit in diesem Bereich zu stärken und den Menschen in den Mittelpunkt
zu stellen.
Mein Herzenswunsch: Ein Gesundheitswesen, das seine Haltung lebt
Mein beruflicher Herzenswunsch reicht über die Heimbeatmung hinaus. Ich wünsche mir ein
Gesundheitswesen, in dem Würde nicht nur in Leitbildern steht, sondern in jeder Begegnung spürbar wird. In
dem Menschen gehört werden, auch wenn sie kaum oder nicht verbal sprechen können. In dem Fachpersonen
Verantwortung übernehmen dürfen und die Voraussetzungen erhalten, diese Verantwortung gut zu tragen.
Ich wünsche mir, dass wir nicht ausschließlich fragen, welche Behandlung möglich ist, wie ein Prozess
beschleunigt werden kann oder welche Leistung finanziert wird. Wir sollten ebenso fragen: Was bedeutet
diese Entscheidung für den Menschen? Was stärkt seine Selbstbestimmung? Was bewahrt seine Würde?
Dabei geht es nicht um eine romantisierte Vorstellung von Pflege oder um einfache Antworten auf schwierige
Dabei geht es nicht um eine romantisierte Vorstellung von Pflege oder um einfache Antworten auf schwierige
Systemfragen. Es geht um einen klaren Maßstab für unser Handeln. Medizinischer Fortschritt, wirtschaftliche
Vernunft und professionelle Qualität sind wichtig – sie müssen jedoch dem Menschen dienen.
Eine Botschaft von Kapstadt, die in den Alltag gehört
Am 23. Oktober 2026 durfte ich meinen beruflichen Herzenswunsch bei internationalen Expertengesprächen
in Kapstadt vor Publikum präsentieren. Die von Hermann Scherer und dem Expertenportal organisierte
Veranstaltung brachte Menschen unterschiedlicher Professionen und Nationen zusammen, die ihre
persönlichen Visionen teilten.
Für mich war dieser Auftritt eine Gelegenheit, einem Anliegen Öffentlichkeit zu geben, das mich seit vielen
Jahren begleitet: Menschenwürde darf im Gesundheitswesen nicht zur Nebensache werden. Die Erfahrungen
aus der Intensivpflege und Heimbeatmung verleihen dieser Überzeugung eine konkrete, alltägliche
Bedeutung.
Ein internationaler Bühnenauftritt kann Aufmerksamkeit schaffen. Entscheidend ist jedoch, was wir daraus
machen: ob wir im eigenen beruflichen Umfeld anders zuhören, anders führen, Verantwortung teilen und
Entscheidungen bewusster am Menschen ausrichten.
Die Zukunft des Gesundheitswesens ist auch eine Frage der Haltung
Wir werden in den kommenden Jahren weiter über Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Finanzierung,
Fachkräfte und Strukturreformen diskutieren. Diese Debatten sind notwendig. Doch keine Innovation ersetzt
den respektvollen Umgang mit einem Menschen, der Hilfe braucht.
Die Zukunft des Gesundheitswesens entscheidet sich deshalb nicht nur in Forschungseinrichtungen,
Ministerien oder Vorstandssitzungen. Sie entscheidet sich auch in den kleinen Begegnungen des Alltags: im
ersten Gespräch, im Zuhören, im Umgang mit Angst, in der Wahrung der Privatsphäre und im Respekt vor
einer persönlichen Entscheidung.
Wenn ich mit meiner Arbeit etwas bewirken möchte, dann dies: dass Menschenwürde nicht als zusätzliche
Aufgabe verstanden wird, sondern als Grundlage aller Aufgaben. Dass wir hinter jeder Diagnose den
Menschen erkennen. Und dass wir Fortschritt daran messen, ob er nicht nur Leben verlängert, sondern Leben
in Würde ermöglicht.
Über den Autor
Bernhard Hofbauer, MSc, ist diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger mit Sonderausbildung in der Intensivpflege
und Masterabschluss in Pflegemanagement. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung im Gesundheitswesen
und ist auf außerklinische Intensivpflege und Langzeitbeatmung spezialisiert. Als Vorstandsmitglied der ÖGALB
engagiert er sich für Versorgungsqualität, Patientensicherheit und Menschenwürde.