„Du zählst auch – jetzt und immer“: Wie Herta Steinbichl nach dem Unfall ihres Mannes lernen musste, Hilfe anzunehmen

Redaktion


„Du zählst auch – jetzt und immer“: Wie Herta Steinbichl nach dem Unfall ihres Mannes lernen musste, Hilfe anzunehmen
Foto: Justin Bockey

Nach einem schweren Unfall ihres Mannes wird Herta Steinbichl zur pflegenden Angehörigen. In „Du zählst auch – jetzt und immer“ erzählt sie von einem gemeinsamen Leben, das sich grundlegend verändert, von beharrlicher Hoffnung und wachsender Erschöpfung. Die zentrale Frage ihres Buches richtet sich schließlich auf die Person, die organisiert, begleitet und auffängt: Was braucht sie selbst, um weiterleben zu können?

Der letzte gewöhnliche Morgen

Eine Stoppuhr in der Jackentasche, ein Kuss zum Abschied. Bernhard freut sich auf die Vorbereitungen für eine Oldtimerrallye. Herta Steinbichl beschreibt diesen Junimorgen aus der Rückschau: Sie weiß beim Schreiben, was die Frau in der Küche noch nicht wissen kann.

Am 5. Juni 2021 stürzt ihr Mann beim Aufbau der Veranstaltung in Mattsee und erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Es folgen die Intensivstation, Krankenhausaufenthalte und Rehabilitation. Was danach beginnt, lässt sich für Steinbichl nicht allein in Behandlungen und Fortschritten erzählen.

Ihr Mann lebt. Doch das vertraute Miteinander verändert sich. In ihrem Vorwort beschreibt sie die Jahre mit einem Menschen, der körperlich anwesend ist und ihr innerlich zugleich immer ferner erscheint.

Diese Erfahrung trägt das Buch. Es geht um die Pflege eines geliebten Menschen und ebenso um den Verlust einer gemeinsamen Selbstverständlichkeit: Gespräche, Unternehmungen, geteilte Entscheidungen und die Nähe, die früher keiner besonderen Anstrengung bedurfte.

Wenn die Partnerin zur Organisatorin wird

Steinbichl erzählt von einem Alltag, in dem sie immer mehr Verantwortung übernimmt. Termine, Therapien und die Suche nach Unterstützung geben den Tagen eine Richtung. Sie motiviert, begleitet und hofft.

Die Erzählung zeigt, wie schwer es ihr fällt, zwischen dem Einsatz für Bernhard und den eigenen Grenzen einen Platz zu finden. Jeder neue Versuch trägt die Möglichkeit einer Verbesserung in sich. Gleichzeitig kostet das Weitermachen Kraft.

Dabei verschwindet ihre Rolle als Ehefrau nicht einfach hinter der Pflege. Gerade die Erinnerung an ihre Beziehung macht die Veränderung schmerzhaft. Die beiden hatten gemeinsam Reisen unternommen, eine Familie aufgebaut und ihre Freude an Oldtimern geteilt. Nun fehlt ihr zunehmend das Gegenüber, mit dem dieses Leben möglich war.

Der Untertitel „Wenn der Mensch, den du liebst, verschwindet – und du bleibst“ beschreibt ihre persönliche Wahrnehmung dieses Abstandes. Steinbichl schreibt aus der Perspektive der Frau, die sich an das frühere Miteinander erinnert und täglich mit der veränderten Wirklichkeit umgehen muss.

Anderen helfen können und selbst Unterstützung brauchen

Als Kinesiologin, Astrologin und Klangschalentherapeutin begleitet Steinbichl seit vielen Jahren Menschen in schwierigen Lebensphasen. In ihrem Buch wird diese Erfahrung vor allem durch einen Widerspruch bedeutsam: Sie ist daran gewöhnt, anderen zur Seite zu stehen. Die eigene Hilfsbedürftigkeit anzuerkennen, fällt ihr deutlich schwerer.

„Ich wusste, wie man hilft.“

Unmittelbar darauf folgt im Vorwort:

„Aber ich musste erst lernen, wie man Hilfe annimmt.“

Diese Sätze verbinden ihre berufliche Erfahrung mit der persönlichen Geschichte. Wissen über Belastung schützt sie nicht davor, selbst erschöpft zu sein. Die Fähigkeit, andere zu unterstützen, beantwortet noch nicht die Frage, wann sie Entlastung für sich beanspruchen darf.

„Du zählst auch“ stellt deshalb keine souveräne Begleiterin vor, die für jede Phase bereits eine Antwort hat. Steinbichl beschreibt, wie sie die eigenen Bedürfnisse lange zurückstellt und erst nach und nach wieder zulässt.

Die Frage, die beim Funktionieren keinen Platz findet

„Was ist mit mir?“

Im Vorwort steht diese Frage für den Wendepunkt ihrer Auseinandersetzung. Sie kommt nach dem Kämpfen, Organisieren und Hoffen. Und sie verlangt, etwas wahrzunehmen, das sich nicht mit dem nächsten Termin erledigen lässt.

Steinbichl schreibt offen über Erschöpfung und Einsamkeit. Auch darüber, dass Pflege sich in manchen Momenten nicht nach Liebe anfühlt. Die Verbundenheit mit Bernhard bleibt bestehen; trotzdem vermisst sie Austausch, Leichtigkeit und ein eigenes Leben.

Das Buch gibt diesen widersprüchlichen Empfindungen Raum. Liebe, Trauer und Müdigkeit müssen darin nicht zu einer aufgeräumten Haltung zusammenfinden. Gerade dadurch entsteht ein Blick auf Pflege, in dem auch die begleitende Person mit ihrer ganzen Erfahrung vorkommt.

Die Frage nach sich selbst führt dabei über eine kurze Pause hinaus. Sie betrifft die Erlaubnis, Freude zu suchen, Interessen wiederaufzunehmen und den eigenen Alltag nicht ausschließlich nach dem Bedarf des anderen auszurichten.

Hilfe anzunehmen war für sie keine organisatorische Frage

Als Steinbichl schließlich Unterstützung ins Haus holt, kommt zunächst an zwei Tagen pro Woche eine Pflegeperson. Für einige Stunden übernimmt jemand anderes. Sie beschreibt das als einen Anfang und als spürbare Entlastung.

Die größte Hürde liegt für sie im eigenen Verständnis ihrer Verantwortung. Hilfe anzunehmen fühlt sich zunächst wie eine Niederlage an. Als hätte sie versagt, sobald jemand anderes eine Aufgabe übernimmt, die sie nicht mehr allein schafft.

Später bewertet sie diesen Schritt anders:

„Ich hätte es früher tun sollen.“

Der kurze Satz verdichtet einen langen inneren Weg. Die Unterstützung verändert die Pflegesituation, ohne die Bindung zu ihrem Mann aufzuheben. Sie schafft Raum, in dem Steinbichl wieder eigene Interessen verfolgen kann.

Sie beginnt erneut zu malen, beschäftigt sich mit Online-Kursen und nimmt ihre Arbeit mit Klienten wieder auf. Diese Tätigkeiten erscheinen im Buch als Teile ihrer Persönlichkeit, die zwischen den Anforderungen des Alltags wenig Platz behalten hatten.

Ein Leben, das auch sie einschließt

„Du zählst auch – jetzt und immer“ erzählt keine geradlinige Entwicklung von der Krise zur Lösung. Die veränderte Beziehung bleibt Teil von Steinbichls Gegenwart. Unterstützung macht das Geschehene nicht rückgängig.

Was sich verschiebt, ist ihre Vorstellung davon, wie sie weiterleben darf. Sie muss ihre eigenen Bedürfnisse nicht bis zu einer ungewissen Besserung vertagen. Die Erlaubnis dazu entsteht in ihrer Geschichte allmählich – und schließlich durch eine eigene Entscheidung.

Darin liegt die Bedeutung des Buchtitels. Das Wort „auch“ hält beide Menschen im Blick: den Mann, der Unterstützung braucht, und die Frau, deren Leben weitergeht. Herta Steinbichl bleibt an seiner Seite. Zugleich beginnt sie, sich selbst wieder einen Platz in diesem Alltag zu geben.