Immer wieder dasselbe Drama? Janin Stötzner über Beziehungsmuster und den Weg zur Selbstliebe

Redaktion


Immer wieder dasselbe Drama? Janin Stötzner über Beziehungsmuster und den Weg zur Selbstliebe
Foto: Christina Poersch

Andere Menschen, neue Situationen – und doch wieder das vertraute Gefühl, nicht gesehen oder nicht genug zu sein. In „DRAMA, Babe! – Vom Schmerz zur Selbstliebe“ untersucht Janin Stötzner die Geschichten, Erwartungen und Beziehungsmuster, die sie durch ihr eigenes Leben begleitet haben. Die Autorin und Happiness-Coach verbindet persönliche Erfahrungen mit Humor, Reflexionsfragen und der Einladung, sich selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen.

Die „Queen of Drama“ schaut hinter die Kulissen

Janin Stötzner nennt sich selbst „Queen of Drama“. Der Titel ist ein Augenzwinkern, aber auch ein Bekenntnis: Sie schreibt über Situationen, in denen sie selbst verzweifelt, gehofft, gestritten und an Beziehungen festgehalten hat.

Das Buch führt durch Enttäuschungen, Vertrauensbrüche und die Frage, warum manche Erfahrungen trotz veränderter Umstände vertraut erscheinen. Stötzner beschäftigt sich nach eigener Darstellung seit mehr als zwanzig Jahren mit Meditation, Achtsamkeit und persönlicher Entwicklung. Ihr Ausgangspunkt bleibt dabei die eigene Geschichte.

Sie betrachtet Dramen als Hinweise auf etwas, das Aufmerksamkeit braucht: ein unerfülltes Bedürfnis, eine überschrittene Grenze oder eine Überzeugung über den eigenen Wert. Diese Deutung bildet den roten Faden des Buches. Sie verbindet die erzählten Erlebnisse mit der Frage, was sich daraus für den eigenen Umgang mit Beziehungen lernen lässt.

Der Ton wechselt zwischen Verletzlichkeit und Klartext. Mal steht die Autorin mitten in einem schmerzhaften Erlebnis, mal tritt sie einen Schritt zurück und kommentiert die Szene mit trockenem Humor. Die Distanz wächst im Erzählen – und mit ihr die Möglichkeit, eine vertraute Geschichte anders zu betrachten.

Wenn das Leben sich nicht an das innere Drehbuch hält

Ein Bild zieht sich besonders deutlich durch „DRAMA, Babe!“: das innere Drehbuch. Es enthält Vorstellungen davon, wie andere Menschen reagieren und wie eine Situation verlaufen soll. Schwierig wird es in Stötzners Betrachtung, wenn dieses Skript zur stillen Voraussetzung für Sicherheit oder Zugehörigkeit wird.

Sie erzählt von einer Reise nach Frankreich als Dreizehnjährige. In ihrer Vorstellung warteten Spaziergänge durch Paris, Croissants mit der Gastschwester und ein herzliches Zuhause. Tatsächlich beschreibt sie eine überfordernde Anreise und einen abgelegenen Hof, auf dem sie sich nicht willkommen fühlte.

Ihre rückblickende Formulierung bringt die Diskrepanz auf den Punkt:

„Ich hatte das Skript im Kopf – aber niemand hielt sich an den Text.“

Hinter dem Bild der gelungenen Reise erkennt sie später Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Sicherheit und Anerkennung. Genau diese Unterscheidung greift das Buch immer wieder auf: Was wurde konkret erwartet – und welches Gefühl sollte diese Erwartung eigentlich ermöglichen?

Für Beziehungsmuster eröffnet das eine andere Betrachtung. Eine bestimmte Nachricht, ein Zeichen von Aufmerksamkeit oder die erhoffte Reaktion eines Partners kann mit einer viel größeren Frage aufgeladen sein: Bin ich wichtig? Kann ich mich verlassen? Bin ich liebenswert?

Stötzners Ansatz besteht darin, diese Ebene sichtbar zu machen, statt ausschließlich die einzelne enttäuschte Erwartung zu betrachten.

Beziehungsmuster und die Frage: Bin ich genug?

Wie eng Beziehungserfahrungen und Selbstwert in ihrer Geschichte verbunden waren, schildert die Autorin am Ende einer langjährigen Partnerschaft. Sie berichtet von einem entdeckten Vertrauensbruch und einem anschließenden Streit, in dem ihr Partner ihre Attraktivität infrage stellte. Ihre unmittelbare Reaktion war die Frage, was sie tun könne, damit sich das ändere.

Im Rückblick untersucht sie daran einen schmerzhaften Mechanismus: Das Urteil eines anderen wurde zum Maßstab dafür, ob sie selbst genügte.

„Bin ich genug? Bin ich liebenswert? Habe ich versagt?“ Diese Fragen tauchen im Buch dort auf, wo eine äußere Erschütterung das Selbstbild trifft. Stötzner verbindet sie mit der Suche nach Anerkennung und dem Wunsch, eine Beziehung oder eine erhoffte Zukunft zu bewahren.

Ihre persönliche Schlussfolgerung richtet den Blick auf den eigenen Umgang mit sich selbst. Welche Bedürfnisse wurden zurückgestellt? Welche Grenzen waren spürbar, wurden aber nicht ernst genommen? An welcher Vorstellung hielt sie fest, obwohl die Beziehung längst anders aussah?

Der Weg zur Selbstliebe beginnt in dieser Perspektive damit, solche Fragen zuzulassen, ohne sich für die Antworten erneut abzuwerten.

Vom emotionalen Theaterstück zum bewussten Beobachten

Stötzner beschreibt eine frühere Beziehung als emotionales Theaterstück mit wechselnden Rollen. Sie fühlte sich abwechselnd hilflos, wurde anklagend oder wollte den Partner retten. Im Buch ordnet sie diese Erfahrung mithilfe des Dramadreiecks ein: Opfer, Verfolger und Retter stehen dort für unterschiedliche Positionen innerhalb einer Konfliktdynamik.

Entscheidend ist ihre Beobachtung, dass sie nicht dauerhaft dieselbe Rolle einnahm. Das vertraute Muster bestand gerade im Wechsel.

Daraus entwickelt das Buch einen praktischen Ansatz: vor der nächsten Reaktion einen Moment innehalten und beobachten, was gerade geschieht. Eine ihrer zentralen Fragen lautet:

„Was in mir wird gerade berührt?“

Die Frage soll den Blick auf das eigene Erleben lenken. Geht es um die aktuelle Bemerkung? Um das Gefühl, übergangen zu werden? Oder erinnert die Situation an etwas, das schon lange vertraut ist?

Als kleine Übung bietet Stötzner bewusste Atemzüge an. Sie nutzt sie als Anlass, Abstand zur unmittelbaren Reaktion zu gewinnen. Das Ziel ihres Vorschlags ist, wieder eine Entscheidung wahrzunehmen: Wie möchte ich auf diese Situation antworten?

Selbstliebe ohne die nächste Perfektionsaufgabe

Stötzner spricht Leserinnen und Leser an, die das Gefühl kennen, trotz großer Anstrengung nicht zu genügen. Entsprechend soll Selbstliebe in ihrem Buch keine neue Leistung werden, die erst fehlerfrei erbracht werden muss.

Gefühle zu bemerken, eigene Grenzen ernst zu nehmen und sich mit Mitgefühl zu betrachten gehören zu ihrer Vorstellung eines bewussteren Lebens. Achtsamkeit und Meditation ziehen sich als Übungen durch das Buch. Daneben stehen Reflexionsfragen, die sich auf konkrete Erlebnisse beziehen.

Aus ihren Impulsen lassen sich drei Fragen für die Selbstbeobachtung mitnehmen:

  • Welche Geschichte erzähle ich mir gerade? Beobachten, was tatsächlich geschehen ist und welche Bedeutung man selbst damit verbindet.
  • Was habe ich mir erhofft? Hinter einer konkreten Erwartung das Bedürfnis nach Sicherheit, Nähe oder Anerkennung erkennen.

Welche Antwort passt zu mir? Prüfen, ob die nächste Handlung aus dem vertrauten Muster entsteht oder eine bewusste Entscheidung ist.

Die Fragen sind eine Einladung zur Reflexion. Sie passen zum Anliegen der Autorin, die eigenen Reaktionen besser kennenzulernen, ohne daraus sofort ein Urteil über die eigene Person zu machen.


Ein „hässlich verpacktes Geschenk“ bleibt eine persönliche Deutung

Stötzner bezeichnet eine schwierige Erfahrung rückblickend als „verdammt hässlich verpacktes Geschenk“. Darin liegt die ungewöhnliche Perspektive des Buches: Sie sucht in den eigenen Krisen nach Erkenntnissen, die vorher nicht zugänglich waren.

Diese Lesart ist ihre persönliche Verarbeitung. Das Buch erzählt, wie sie aus Erlebnissen neue Fragen und Entscheidungen entwickelte. Es verspricht ausdrücklich kein Happy End.

Der Erkenntnisgewinn liegt deshalb weniger in der Vorstellung, jedes Drama müsse verschwinden. Er liegt darin, ein vertrautes Muster früher zu bemerken, die eigenen Bedürfnisse genauer zu verstehen und sich eine andere Reaktion zu erlauben. Die nächste Szene muss dann nicht zwangsläufig wieder nach dem alten Drehbuch verlaufen.