„Was die Maschine dir nicht nehmen kann“: Dirk Brusch über die Frage, wer wir jenseits unserer Arbeit sind
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Wenn eine KI in Sekunden erledigt, wofür ein Mensch lange gebraucht hat, kann das mehr auslösen als Erleichterung. In „Was die Maschine dir nicht nehmen kann. Wer du bleibst, wenn die KI deine Welt verändert“ beschäftigt sich Dirk Brusch mit der Angst, an Bedeutung zu verlieren. Der Diplom-Ingenieur für Datentechnik verbindet seine eigene Verunsicherung mit einer persönlichen Frage: Worauf gründet unser Selbstwert, wenn vertraute berufliche Aufgaben sich verändern?
Beeindruckt und erschrocken zugleich
Dirk Brusch erinnert sich an einen Abend, an dem er einer KI eine Aufgabe überließ, für die er früher einen halben Tag gebraucht hätte. Nach seiner Schilderung war sie in zwanzig Sekunden fertig. Das Ergebnis fiel besser aus, als er erwartet hatte. Er saß davor und wusste nicht recht, ob er beeindruckt oder erschrocken sein sollte. Er war beides.
Diese Gleichzeitigkeit prägt sein Buch. Brusch kommt aus der Technik, arbeitet seit 1988 in der IT und hat unterschiedliche digitale Umbrüche erlebt. Trotzdem lässt ihn die Frage nicht los, ob er selbst weiterhin gebraucht wird.
Daraus macht er keinen Widerspruch, den es schnell aufzulösen gilt. Technisches Verständnis schützt in seiner Erfahrung nicht davor, die eigene Rolle infrage zu stellen. Gerade diese Offenheit bestimmt die Perspektive des Buches:
„Ich schreibe dieses Buch nicht von einem sicheren Ufer aus. Ich stehe mit dir im selben Wasser.“
Brusch beschreibt sich als Beteiligten. Seine Auseinandersetzung beginnt dort, wo Begeisterung über ein Werkzeug und Sorge um die eigene Zukunft nebeneinanderstehen.
Angst vor KI hat unterschiedliche Stimmen
Was genau macht Angst, wenn im Unternehmen der Einsatz künstlicher Intelligenz angekündigt wird? Brusch unterscheidet mehrere Fragen, die hinter einem zunächst diffusen Unbehagen liegen können.
Eine betrifft den eigenen Wert: Wofür zählen die Jahre der Ausbildung und Erfahrung noch, wenn bestimmte Ergebnisse plötzlich sehr schnell erzeugt werden können? Eine andere betrifft das Lernen: Werde ich die neuen Werkzeuge verstehen? Wieder eine andere gilt der Zugehörigkeit: Kann ich noch mitreden, wenn sich die Sprache und Arbeitsweise im Team verändern?
Mit seinem Bild der „fünf Stimmen“ gibt Brusch diesen Sorgen eine Form. Er lädt dazu ein, genauer hinzuhören, welche davon im eigenen Alltag besonders deutlich wird. Die Sorge, fachlich zurückzufallen, verlangt eine andere Auseinandersetzung als das Gefühl, von Kollegen abgehängt zu werden.
Damit bekommt Angst in seinem Ansatz eine orientierende Funktion. Sie verweist darauf, was einem wichtig ist: Anerkennung, Sicherheit, Verantwortung oder die Verbindung zu anderen Menschen. Die persönliche Frage lässt sich dann genauer formulieren als mit dem allgemeinen Satz, man habe eben Angst vor KI.
Wenn das Können zum Beweis des eigenen Wertes wird
Brusch interessiert besonders der Moment, in dem die Veränderung einer Tätigkeit das gesamte Selbstbild erschüttert. Wer sich über viele Jahre als guter Texter, verlässliche Sachbearbeiterin oder kenntnisreicher Berater verstanden hat, verbindet damit womöglich weit mehr als eine Berufsbezeichnung.
Im Buch veranschaulicht er solche Situationen anhand verdichteter, teilweise erfundener Szenen. Darin erleben Menschen, wie KI Ergebnisse liefert, an denen sie bislang ihr eigenes Können gemessen haben. Brusch kennzeichnet diese Geschichten als Rekonstruktionen; sie dienen dazu, die innere Erfahrung greifbar zu machen.
Sein zentraler Gedanke: Die berufliche Aufgabe und der Wert eines Menschen dürfen nicht ineinanderfallen. Ein Werkzeug, das einen Entwurf erzeugt, beantwortet noch nicht die Frage, welches Ergebnis für einen bestimmten Menschen oder eine konkrete Situation angemessen ist.
Hier lenkt Brusch den Blick auf Urteilskraft und Haltung. Ihn beschäftigt, wie Menschen Ergebnisse einordnen, Beziehungen gestalten und Entscheidungen verantworten. Empathie, Mut und Neugier gehören zu den Qualitäten, auf die er seine Antwort auf den technischen Wandel stützt.
Das ist seine Perspektive auf die Frage des Buchtitels: herauszufinden, was die eigene Person ausmacht und wie diese Qualitäten im veränderten Arbeitsalltag wirksam werden können.
Auf wie vielen Säulen steht das eigene Leben?
Besonders anschaulich wird dieser Gedanke, wenn Brusch das Selbstbild mit einem Dach vergleicht. Die verschiedenen Lebensbereiche sind die Säulen, die es tragen.
Wer fast sein gesamtes Gewicht auf den Beruf verlagert, macht sich in diesem Bild von einer einzigen Stütze abhängig. Gerät sie ins Wanken, betrifft die Erschütterung das ganze Dach. Brusch regt deshalb an, weitere tragende Bereiche wieder stärker wahrzunehmen.
Dazu zählen Beziehungen, in denen Zuneigung nicht von beruflicher Leistung abhängt. Ebenso gehören Tätigkeiten dazu, deren Wert im Tun selbst liegt: ein Instrument spielen, im Garten arbeiten, kochen oder sich ehrenamtlich engagieren.
Die Frage, ob eine Maschine dabei schneller oder geschickter wäre, verliert hier ihre Bedeutung. Entscheidend ist, was diese Beschäftigung dem eigenen Leben gibt. Für Brusch entsteht daraus ein Selbstverständnis, das weniger vollständig von Produktivität und äußerer Bewertung abhängt.
Seine Überlegung reicht damit über die KI-Debatte hinaus. Sie betrifft auch Menschen, deren Berufsleben sich durch Krankheit, Ruhestand oder andere Umstände verändert.
Aus der Sorge eine konkrete Erfahrung machen
Neben dieser persönlichen Auseinandersetzung schlägt Brusch kleine Schritte im Arbeitsalltag vor. Einer davon ist eine feste Stunde pro Woche, in der man eine konkrete Aufgabe mit einem im Unternehmen erlaubten KI-Werkzeug ausprobiert. Dabei gelten die betrieblichen Regeln zum Umgang mit vertraulichen und personenbezogenen Daten.
Der Zweck dieser Stunde ist eigene Erfahrung. Wo unterstützt das Werkzeug? Wo bleibt das Ergebnis unbrauchbar? Was muss geprüft oder anders gefragt werden? Die zunächst unüberschaubare Veränderung erhält einen begrenzten Rahmen.
Ein vertrauter Lernpartner kann dabei helfen, auch Schwierigkeiten offen anzusprechen. Brusch verbindet Handlungsfähigkeit mit der Bereitschaft, etwas noch nicht zu können und trotzdem anzufangen.
Zugleich berücksichtigt er die Grenzen persönlicher Initiative. Wenn Organisationen neue Systeme ohne ausreichende Orientierung einführen, liegt die Verantwortung auch bei der Führung. Einzelne Beschäftigte können die Bedingungen ihrer Arbeit nur zum Teil selbst gestalten.
Eine Antwort, die weiter reicht als der nächste Job
„Was die Maschine dir nicht nehmen kann“ lässt die Frage nach dem eigenen Wert bewusst persönlich bleiben. Brusch kann seinen Lesern nicht sagen, wofür sie morgens aufstehen oder welche Beziehungen und Tätigkeiten ihr Leben tragen.
Er macht jedoch einen Ausgangspunkt sichtbar: sich damit zu beschäftigen, während man noch gestalten kann. Die eigenen Fähigkeiten neu erproben, Unsicherheit aussprechen und Lebensbereiche stärken, die außerhalb beruflicher Bewertung liegen.
So führt das Buch vom erschrockenen Blick auf den Bildschirm zu einer Frage nach dem eigenen Leben. Welche Arbeit künftig gebraucht wird, lässt sich damit nicht abschließend beantworten. Worauf man den eigenen Wert gründet, verdient schon heute eine Antwort.