Gleichberechtigung im Bett: Susanne Golob über Tantra-Massage, weibliche Lust und neue Wege für Paare

Susanne Golob


Gleichberechtigung im Bett: Susanne Golob über Tantra-Massage, weibliche Lust und neue Wege für Paare
Foto: Justin Bockey

Gleichberechtigung ist längst nicht nur eine Frage von Beruf, Gesellschaft und Alltag. Sie beginnt dort, wo Menschen ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, aussprechen und ernst nehmen – und damit auch in der Sexualität. Doch wie gleichberechtigt geht es tatsächlich in deutschen Betten zu?

Susanne Golob beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dieser Frage. Sie ist Diplom-Sozialpädagogin, Buchautorin und arbeitet seit rund 20 Jahren mit Tantra-Massagen. In ihrem 2026 im Erfolgsritter Verlag erschienenen Buch „Mehr als Sex – Wie Tantra-Massage unseren Umgang mit Lust verändert und uns stärkt“ beschreibt sie, wie bewusste Berührung den Zugang zur eigenen Lust verändern und insbesondere langjährige Partnerschaften neu inspirieren kann.

Dabei geht es um weit mehr als Sexualität. Es geht um Selbstbestimmung, Körperwahrnehmung, Kommunikation und den Mut, vertraute Rollen und sexuelle Routinen zu hinterfragen.

Gleichberechtigung im Bett beginnt bei den eigenen Bedürfnissen

Nach der Erfahrung von Susanne Golob ist in Sachen Gleichberechtigung bereits einiges in Bewegung gekommen. Trotzdem beobachtet sie in ihrer täglichen Arbeit deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Ein Beispiel dafür liefert ihre eigene Tantra-Massage-Praxis in Hamburg: Der weitaus größte Teil ihrer Gäste ist männlich.

Gerade diese Beobachtung hat sie dazu gebracht, Frauen stärker auf die Möglichkeiten einer Tantra-Massage aufmerksam zu machen. Denn sexuelle Bedürfnisse sind keineswegs ausschließlich eine männliche Angelegenheit. Frauen haben ebenso Wünsche nach Lust, Nähe, Berührung und sinnlicher Erfahrung.

Doch ein Bedürfnis zu haben und diesem Bedürfnis tatsächlich Raum zu geben, sind zwei unterschiedliche Dinge.

Genau hier beginnt für Susanne Golob ein wichtiger Teil sexueller Selbstbestimmung. Zunächst muss ein Mensch überhaupt wahrnehmen können, was er möchte. Im nächsten Schritt braucht es die Fähigkeit und den Mut, diese Bedürfnisse in Worte zu fassen.

Das klingt zunächst einfach. In der Praxis kann genau das jedoch eine Herausforderung sein.

Wenn Sexualität zur Performance wird

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Sexualität findet nicht in einem kulturellen Vakuum statt. Vorstellungen darüber, wie Sex vermeintlich auszusehen hat, entstehen auch durch Medien und insbesondere durch Pornografie.

Susanne Golob beobachtet, dass Sexualität dadurch teilweise zur Performance werden kann.

Vor allem Jugendliche können heute sehr früh mit pornografischen Inhalten in Kontakt kommen und diese als Orientierung für ihre Vorstellungen von Sexualität nutzen. Klassische Pornografie sei jedoch häufig stark aus männlicher Perspektive produziert.

Das Problem entsteht dann, wenn daraus ein scheinbares Drehbuch dafür wird, wie Sexualität grundsätzlich funktionieren müsse.

Selbstbestimmte Sexualität bedeutet dagegen, solche vorgegebenen Skripte hinterfragen zu dürfen: Was fühlt sich für die beteiligten Menschen tatsächlich gut an? Was wünschen sie sich? Welche Berührungen genießen sie? Und was geschieht, wenn Leistung, Erwartungen und festgelegte Abläufe einmal keine Rolle spielen?

Damit rückt statt der Performance die Wahrnehmung in den Mittelpunkt.

Tantra-Massage als neue Erfahrung für Paare

Besonders interessant wird dieser Perspektivwechsel für Menschen, die bereits lange miteinander zusammen sind.

Mit den Jahren entwickeln Partnerschaften Routinen. Das gilt für den gemeinsamen Alltag ebenso wie für die Sexualität. Vertrautheit kann etwas Schönes sein. Gleichzeitig können sich bestimmte Abläufe so stark einspielen, dass kaum noch Raum für Neues entsteht.

Susanne Golob erlebt in ihrer Hamburger Praxis immer wieder Paare, die genau aus diesem Grund gemeinsam eine Tantra-Massage ausprobieren.

Manche verbinden den Besuch mit einem verlängerten Wochenende in Hamburg und entscheiden sich bewusst dafür, gemeinsam etwas Ungewohntes zu erleben.

Dabei steht vor allem ein Aspekt im Mittelpunkt, der im Alltag schnell verloren gehen kann: Zeit.

Wie verändert sich eine Berührung, wenn sie nicht möglichst schnell irgendwohin führen muss? Was geschieht, wenn der Körper ausführlich wahrgenommen werden darf? Und wie fühlt sich Nähe an, wenn die Beteiligten vertraute Routinen verlassen?

Nach den Erfahrungen von Susanne Golob können solche Erlebnisse Paaren neue Inspiration geben und eine Partnerschaft beleben.

Lust kann wiederentdeckt werden

Ein weiteres Thema begegnet Susanne Golob insbesondere in Gesprächen mit Frauen: Manche berichten, dass ihre Lust im Laufe der Zeit deutlich nachgelassen habe oder die Sexualität in ihrer Beziehung „eingeschlafen“ sei.

Gerade deshalb führt sie vor einer Massage mit Frauen ein ausführliches Vorgespräch.

Eine Tantra-Massage kann nach ihrer Erfahrung dabei helfen, den eigenen Körper und die eigene Lust wieder bewusster wahrzunehmen. Frauen erleben mitunter, dass sexuelle Empfindungen keineswegs verschwunden sind – auch wenn Sexualität längere Zeit kaum eine Rolle gespielt hat.

Berührung kann dann im tatsächlichen wie im übertragenen Sinn wieder etwas berühren.

Diese Erfahrung kann eine wichtige Erkenntnis ermöglichen: Lust muss nicht ausschließlich davon abhängen, ob sie in den vergangenen Monaten oder Jahren regelmäßig gelebt wurde. Der Zugang zum eigenen Körper kann neu entdeckt werden.

Mehr Körpergefühl statt festgelegter sexueller Skripte

Damit berührt Tantra-Massage ein grundsätzliches Thema: Wie bewusst nimmt ein Mensch seinen eigenen Körper überhaupt wahr?

Im Alltag funktioniert der Körper häufig einfach. Er bringt Menschen von einem Termin zum nächsten, sitzt am Schreibtisch, erledigt Aufgaben und soll möglichst zuverlässig Leistung erbringen.

Bewusste Berührung setzt einen anderen Schwerpunkt.

Sie richtet die Aufmerksamkeit darauf, was im jeweiligen Moment wahrgenommen wird. Damit entsteht die Möglichkeit, gewohnte Abläufe zu verlassen und genauer hinzuspüren.

Für Sexualität kann das bedeuten, weniger einem vermeintlich richtigen Ablauf folgen zu müssen. Stattdessen können Fragen wichtiger werden wie:

  • Was fühlt sich gerade angenehm an?
  • Welche Berührung möchte die Person?
  • Wo liegen persönliche Grenzen?
  • Welche Wünsche wurden bislang vielleicht nicht ausgesprochen?
  • Was verändert sich, wenn mehr Zeit für Nähe und Berührung entsteht?


Gerade für Paare kann daraus eine neue Form der Kommunikation entstehen.

Selbstbestimmte Sexualität braucht Sprache

Gleichberechtigung im Bett lässt sich nicht allein daran messen, wer welche Rolle übernimmt. Entscheidend ist auch, ob beide Beteiligten ihre Wünsche kennen und äußern können.

Denn ein Gegenüber kann Bedürfnisse nur berücksichtigen, wenn diese überhaupt wahrgenommen und kommuniziert werden.

Damit führt das Thema von der Sexualität unmittelbar in die Beziehung hinein.

Wer lernt, die eigenen Empfindungen genauer wahrzunehmen, kann möglicherweise auch klarer darüber sprechen. Und wer dem Partner oder der Partnerin zuhört, ohne automatisch von den eigenen Vorstellungen auszugehen, schafft Raum für eine Sexualität, die weniger von festen Rollen bestimmt wird.

Genau deshalb ist das Thema größer als die einzelne sexuelle Erfahrung.

Fazit: Gleichberechtigung im Bett bedeutet, Lust selbst bestimmen zu dürfen

Wie weit ist die Gleichberechtigung in deutschen Betten also gekommen?

Aus den Erfahrungen von Susanne Golob ergibt sich ein differenziertes Bild. Vieles hat sich verändert, gleichzeitig bestehen weiterhin Unterschiede darin, wie selbstverständlich Männer und Frauen ihre sexuellen Bedürfnisse wahrnehmen und ihnen Raum geben.

Für sie liegt ein wichtiger Schlüssel deshalb in einem selbstbestimmteren Umgang mit Lust.

Tantra-Massage kann einen Rahmen schaffen, in dem Menschen bewusst aus gewohnten Abläufen heraustreten, ihren Körper neu wahrnehmen und Berührung ohne den üblichen Erwartungsdruck erleben. Für langjährige Paare kann das neue Impulse setzen. Für einzelne Menschen kann es bedeuten, einen Zugang zur eigenen Lust wiederzufinden, der im Alltag verloren gegangen ist.

Vielleicht beginnt Gleichberechtigung im Bett deshalb nicht mit der Frage, ob Männer und Frauen exakt dasselbe tun.

Vielleicht beginnt sie viel früher: bei der Freiheit, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, sie auszusprechen und ihnen Bedeutung zu geben.

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