Über Darmgesundheit sprechen: Wie Christa Brühl mit „POethik“ ein Tabu aufbricht
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Über gutes Essen lässt sich leicht reden. Über das, was danach im Bauch und auf der Toilette geschieht, oft deutlich schwerer. Christa Brühl nimmt sich in „POethik“ dieser Zurückhaltung an: Mit Wortspielen, persönlichen Erfahrungen und einem Blick für die Fragen nach dem Arzttermin möchte sie Gespräche über Darm und Po erleichtern. Ihr Anliegen ist, Menschen zu ermutigen, Beschwerden anzusprechen und die eigene Rolle im Gesundheitsteam bewusster wahrzunehmen.
Ein Thron, über den kaum jemand spricht
„Thronbeherrschung“ heißt eines der ersten Kapitel. Es folgen Überschriften wie „Der Blick durch die Toilettenbrille“ oder „Stuhl in Form“. Schon diese Sprache zeigt, wie Christa Brühl ihr Thema zugänglich machen möchte: direkt, bildhaft und mit einem Augenzwinkern.
Der Humor richtet sich dabei auf Situationen, die gewöhnlich hinter der Badezimmertür bleiben. Der Toilettengang bekommt ebenso Raum wie Intimhygiene und Fragen zu Beschwerden. Was sonst peinlich erscheint, erhält im Buch eine selbstverständliche Sprache.
Damit verfolgt Brühl ein ernstes Anliegen. Die Kapitelüberschrift „Große Scham lässt lange leiden“ bringt es auf den Punkt. Wer das eigene Befinden kaum in Worte fassen mag, hat bereits vor dem Gespräch mit einer Fachperson eine Hürde zu überwinden. „POethik“ möchte diese Hürde verkleinern.
Die Wortspiele sind deshalb mehr als Schmuck. Sie schaffen einen Einstieg in ein Thema, bei dem vielen Menschen zunächst die Worte fehlen.
Vom eigenen Blähbauch ins Klinikmanagement
Brühl schreibt aus einer persönlichen und beruflichen Doppelperspektive. In der Einleitung erzählt sie, wie ihr eigener anhaltender Blähbauch sie dazu brachte, Antworten zu suchen und unterschiedliche Wege auszuprobieren.
Später verband sich diese Suche mit ihrer Arbeit im Praxis- und Klinikmanagement. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Koloproktologen, entwickelte sie die Idee einer integrativen Darmklinik. Im Buch beschreibt sie deren Gründung 1997 und ihre Aufgaben als Geschäftsführerin sowie im Patienten-, Ernährungs- und Qualitätsmanagement.
Ihr Ausgangsberuf lag allerdings in einem anderen Bereich. Über kaufmännische Ausbildungen und die Hotellerie entwickelte sie eine Haltung, die sie später auf den Klinikalltag übertrug: Menschen sollten sich willkommen und umsorgt fühlen. In ihrem Rückblick gehören Organisation und Menschlichkeit eng zusammen.
Diese Erfahrung prägt auch ihr Schreiben. Brühl betrachtet die Situation aus der Sicht einer Patientin, die Antworten sucht, und einer Organisatorin, die dafür verständliche Abläufe und Unterlagen schaffen möchte. Medizinische Fachfragen treffen bei ihr auf die sehr praktische Frage: Was braucht ein Mensch, um nach dem Gespräch tatsächlich etwas mitnehmen zu können?
Was nach dem Arztgespräch offenbleibt
Eine wiederkehrende Beobachtung der Autorin betrifft den Moment nach einem Termin. Im Gespräch kommen Informationen, Anweisungen und eigene Sorgen zusammen. Zu Hause stellt sich dann heraus, dass Fragen offen sind oder Einzelheiten nicht mehr sicher erinnert werden.
Brühl kennt das nach eigener Darstellung auch von sich selbst. Routinefragen können ihre Gedanken unterbrechen, während sie eigentlich etwas anderes erzählen wollte. Später fehlt ihr der Zusammenhang.
Aus solchen Erfahrungen entwickelte sie in ihrer Beratung Formulare und Handouts. Schriftliche Informationen sollten es ermöglichen, Inhalte in Ruhe nachzulesen und im Gespräch mehr Platz für persönliche Fragen zu haben.
Das ist auch ein Grundgedanke von „POethik“. Das Handbuch soll Orientierung bieten und dazu anregen, genauer zu beobachten und gezielter nachzufragen. Die Autorin formuliert ihr Anliegen so:
„Es soll Mut machen, genauer hinzuschauen, den eigenen Körper besser zu verstehen und die richtigen Fragen zu stellen.“
Der Erkenntnisgewinn liegt hier bereits in einer veränderten Gesprächshaltung. Eine Beobachtung muss nicht perfekt formuliert sein, um angesprochen werden zu dürfen. Eine Frage darf auch nach dem Termin noch wichtig sein.
Beobachtungen brauchen Worte
Das Buch führt von Toilettengewohnheiten und Hygiene über unterschiedliche Beschwerdebilder bis zu Ernährung und Lebensstil. Die Themenbreite zeigt, wie umfassend Brühl ihre eigene Suche nach Zusammenhängen angelegt hat.
Für das Gespräch über den Körper ist dabei eine Unterscheidung hilfreich: Was habe ich wahrgenommen, und welche Erklärung vermute ich dafür? Das Handbuch lädt zur Beschäftigung mit dem eigenen Befinden ein. Die medizinische Einordnung bleibt eine eigene Aufgabe.
Brühl bezeichnet ihr Buch in der Einleitung ausdrücklich nicht als Behandlungskonzept. Sie schreibt als unabhängige Autorin aus der Perspektive ihrer Erfahrungen und möchte den Austausch mit Fachleuten unterstützen.
So lässt sich auch ihr Gedanke der Eigenverantwortung verstehen: Die eigenen Fragen und Beobachtungen sollen im Gespräch Gewicht bekommen. Ihre Formulierung dafür lautet:
„Du bist der wichtigste Mensch in deinem Gesundheitsteam.“
Das Bild des Teams ist dabei entscheidend. Es gibt der persönlichen Erfahrung einen Platz neben dem Wissen der behandelnden Fachpersonen.
Mehr Leichtigkeit braucht auch Struktur
Brühl verbindet Leichtigkeit mit einem sehr nüchternen Thema: Organisation. Wer im Alltag etwas verändern möchte, braucht aus ihrer Sicht mehr als einen guten Vorsatz. Informationen müssen verständlich, Schritte überschaubar und Unterlagen wiederzufinden sein.
Darin klingt ihre berufliche Erfahrung besonders deutlich an. Patientenbroschüren, schriftliche Pläne und praktische Materialien ziehen sich als Gedanke durch ihre Arbeit. Wissen soll auch außerhalb eines Behandlungszimmers nutzbar bleiben.
„POethik“ ist als erster Band einer Trilogie angelegt. Im Handbuch steht die Vermittlung von Grundlagen und Orientierung im Vordergrund. Ein Workbook und ein Journal sollen die Beschäftigung mit dem eigenen Alltag und den persönlichen Beobachtungen weiterführen.
Der rote Faden bleibt der Wunsch, Menschen an ihrer eigenen Versorgung zu beteiligen. Brühl interessiert, was zwischen einer Information und ihrer Umsetzung liegt: Verständnis, Rückfragen, Alltag und die Bereitschaft, sich mit dem eigenen Körper zu befassen.
Aus Verlegenheit kann ein Gespräch werden
„POethik“ macht ein Thema sichtbar, das leicht aufgeschoben wird, weil schon seine Benennung unangenehm erscheint. Christa Brühls persönliche Erfahrungen und ihre Freude an Wortspielen geben dem Buch dabei einen eigenen Ton. Es darf geschmunzelt werden, während etwas zur Sprache kommt, das ernst genommen werden möchte.
Der erste Schritt muss deshalb keine große Veränderung sein. Er kann darin bestehen, beim nächsten Gespräch eine bisher verschwiegene Beobachtung auszusprechen oder eine Frage mitzubringen, die sonst wieder vergessen würde. Das Tabu verliert dort an Kraft, wo ein Mensch Worte für das eigene Befinden findet – und damit Gehör.