Innere Anteile verstehen: Wie Karin Kelterbaum mit Bodenankern Macher und Zweifler ins Gespräch bringt

Redaktion


Innere Anteile verstehen: Wie Karin Kelterbaum mit Bodenankern Macher und Zweifler ins Gespräch bringt
Foto: Justin Bockey

 
Ein Teil möchte loslegen, ein anderer warnt vor dem Scheitern. In „Die Bühne der inneren Anteile“ beschäftigt sich Karin Kelterbaum mit solchen inneren Gegensätzen. Die systemische Coachin beschreibt, wie Gefühle, Körperreaktionen und Gedanken bewusst wahrgenommen und mithilfe von Bodenankern räumlich dargestellt werden können. Ihr eigenes Buchprojekt liefert dafür ein persönliches Beispiel.

Wenn beim Schreiben mehr als eine Stimme mitredet

Das Buch soll fertig werden. Karin Kelterbaums Macher ist zuversichtlich: Die verfügbare Zeit reicht, das Projekt ist richtig, es kann vorangehen. Ihr Zweifler hält dagegen. Andere hätten über das Thema bereits geschrieben. Der Umfang sei zu groß. Und überhaupt: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“

Kelterbaum schildert diesen Konflikt bei der Arbeit an ihrem Manuskript. Damit gibt sie ihrem Ansatz einen konkreten Ausgangspunkt. Sie erklärt das innere Team auch anhand der eigenen Erfahrung, gleichzeitig überzeugt und verunsichert zu sein.

Ihre Antwort besteht darin, beide Positionen einzeln wahrzunehmen und anschließend nach einer Zusammenarbeit zu suchen. Der Macher soll nicht allein die Richtung bestimmen. Auch der Zweifler bekommt Gelegenheit, seine Einwände zu zeigen.

Daraus entsteht die leitende Frage des Buches: Was verändert sich, wenn widersprüchliche innere Reaktionen einen Namen, einen Platz und Aufmerksamkeit erhalten?

Das innere Team bekommt eine Bühne

Kelterbaum arbeitet seit über zehn Jahren als systemischer Coach im privaten und beruflichen Umfeld. Parallel zu ihrer Tätigkeit in einem Großkonzern begleitet sie Menschen auch in firmeninternen Coaching-Initiativen. Diese Verbindung zum Berufsalltag prägt ihre Beispiele: ein Gespräch mit Vorgesetzten, eine Präsentation, ein Stellenangebot oder ein Termin, der einen unerwartet aus dem Gleichgewicht bringt.

Mit dem Bild des inneren Teams beschreibt sie unterschiedliche Haltungen und Reaktionsweisen innerhalb einer Person. Macher und Zweifler sind zwei mögliche Teammitglieder. Je nach Situation können weitere Anteile hervortreten.

Das Bühnenbild aus dem Titel hilft dabei, diese Vielfalt zu betrachten. Eine besonders laute Stimme kann die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, während andere kaum zu Wort kommen. Selbstführung bedeutet in Kelterbaums Darstellung, diese Besetzung bewusster wahrzunehmen und mit ihr zu arbeiten.

Dabei geht es auch um Genauigkeit. Ein pauschales „Ich bin unsicher“ lässt noch offen, was einen beschäftigt. Wird daraus eine konkrete Befürchtung, lässt sich genauer erkunden, worauf sie sich bezieht.

Erst wahrnehmen, dann einordnen

Bevor Karten auf dem Boden liegen, führt das Buch durch ein Drei-Stufen-Modell: Gefühle wahrnehmen, Körperreaktionen bemerken und innere Worte erkennen.

Kelterbaum möchte damit die Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Ebenen derselben Situation lenken. Welches Gefühl ist vorhanden? Was geschieht im Körper? Welcher Satz geht einem durch den Kopf?

Diese Reihenfolge prägt ihren Zugang. Die Lesenden sollen zunächst beobachten und ihre Wahrnehmungen festhalten. Eine schnelle Erklärung ist dabei weniger wichtig als eine möglichst unverstellte Beschreibung.

Schon im Vorwort fordert sie dazu auf:

„Wenn du etwas aufschreiben sollst, dann beschönige bitte nichts.“

Das kann unbequem sein. Vielleicht klingt der innere Kommentar kleinlich, übertrieben oder wenig souverän. Für die Auseinandersetzung mit ihm ist nach Kelterbaums Ansatz jedoch entscheidend, dass er erkennbar wird. Ein freundlicher formulierter Satz würde möglicherweise verdecken, was tatsächlich beschäftigt.

Was sind Bodenanker?

Bodenanker sind in der beschriebenen Methode beschriftete Karten, die stellvertretend für innere Anteile auf dem Boden liegen. Jede Karte erhält den Namen eines Teammitglieds. Ihre Position und ihr Abstand zueinander bilden die momentan empfundene Situation räumlich ab.

Die Person tritt nacheinander auf diese Plätze und richtet ihre Aufmerksamkeit auf die jeweilige Perspektive. Welche Gedanken tauchen auf? Welche Gefühle werden wahrgenommen? Verändert sich die Körperhaltung?

Kelterbaum beginnt im Buch mit zwei Karten und erweitert das Vorgehen später. Entscheidend ist für sie, dass aus einem gedanklichen Durcheinander eine Anordnung wird, die sich betrachten und verändern lässt.

Die Karten dienen dabei als Platzhalter. Ihre Bedeutung entsteht durch die persönliche Zuordnung und die Wahrnehmungen während der Übung. Kelterbaum schildert diesen Prozess anhand eigener Erfahrungen; ihre Empfindungen sind keine Vorgabe dafür, was andere Menschen auf einer Karte erleben müssen.

Wenn der alte Schuh nicht mehr passt

Beim Macher beschreibt die Autorin einen stabilen Stand, lockere Schultern und Zuversicht für ihr Buchprojekt. Auf der Karte des Zweiflers erlebt sie dagegen weiche Knie und Druck. Die körperlichen Eindrücke verbindet sie mit den Einwänden, die ihr durch den Kopf gehen.

Besonders beschäftigt sie der Satz vom Schuster und seinen Leisten. Daraus entwickelt sie ein persönliches Sprachbild: Die alten Leisten gehören zu einem jüngeren Ich. Ihre Füße haben sich verändert, sind viele Wege gegangen und haben Lasten getragen. Warum sollte der heutige Schuh noch nach derselben Form gefertigt werden?

Die Metapher passt zu ihrer Vorliebe für Schuhe. Sie sollen gut sitzen, bequem sein und zu unterschiedlichen Anlässen passen. Auf den Glaubenssatz übertragen heißt das für sie: Eine frühere Begrenzung muss nicht unverändert für die heutige Person gelten.

Damit wird der innere Konflikt konkreter. Hinter dem Widerstand gegen das Buchprojekt steht nun ein Satz, dessen Gültigkeit sie überprüfen kann. Wie Kelterbaum die beiden Anteile anschließend zusammenführt, gehört zu den vertiefenden Übungen des Buches.


Klarheit für die eigene Entscheidung

Bodenanker stellt die Autorin als Möglichkeit vor, vergangene Situationen zu untersuchen, sich auf Herausforderungen vorzubereiten oder eigene Positionen bei einer Entscheidung zu erkunden.

Ein Beispiel ist ein beruflicher Aufstieg, dessen Einsatzort weit von der Familie entfernt liegt. Die äußeren Bedingungen sind bekannt. Offen bleibt, wie die unterschiedlichen Wünsche und Bedenken innerhalb der Person gewichtet werden.

Hier setzt Kelterbaum eine klare Grenze:

„Was nicht geht, ist, Entscheidungen von anderen zu beeinflussen.“

Der Blick bleibt auf die eigenen Reaktionen, Gefühle und Gedanken gerichtet. Bei einer Entscheidung kann die Methode aus ihrer Sicht helfen, diese besser kennenzulernen. Sachfragen wie Kosten, Zeitbedarf oder organisatorische Möglichkeiten verlangen weiterhin eine eigene Prüfung.

„Die Bühne der inneren Anteile“ verbindet diese Selbstbeobachtung mit einer räumlichen Arbeitsweise. Am Beispiel ihres Buchprojekts zeigt Kelterbaum, wie persönlich die dabei entstehenden Bilder sein können. Ein Zweifler wiederholt einen alten Satz, ein Macher möchte vorangehen – und zwischen beiden entsteht die Frage, welche Unterstützung für den nächsten Schritt tatsächlich gebraucht wird.