Mehr als die Diagnose: Liane Klauke über Selbstwirksamkeit und Begleitung bei Brustkrebs

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Mehr als die Diagnose: Liane Klauke über Selbstwirksamkeit und Begleitung bei Brustkrebs
Foto: SEELEN

Untersuchungen, Therapiegespräche, ein Kalender voller neuer Termine: Nach einer Brustkrebsdiagnose stellt sich neben medizinischen Fragen auch die Frage nach dem eigenen Handlungsspielraum. In „Brustkrebs – und jetzt?“ beschreibt Heilpraktikerin Liane Klauke, wie sie Frauen während ihrer onkologischen Therapie begleitet. Ihr Buch verbindet ein persönliches Verständnis von ergänzender Begleitung mit einem zentralen Anliegen: den Menschen hinter der Diagnose im Blick zu behalten.


Wenn andere plötzlich den Kalender bestimmen

Eine Achterbahnfahrt, für die niemand ein Ticket gekauft hat: Mit diesem Bild eröffnet Liane Klauke ihr Buch. Es beschreibt das Erleben, das ihr Frauen nach einer Brustkrebsdiagnose schildern. Der gewohnte Alltag wird unterbrochen, Entscheidungen stehen an, und der eigene Körper kann plötzlich fremd erscheinen.

Später greift sie ein anderes Bild auf: Frauen fühlen sich wie Passagierinnen im eigenen Leben. Sie sitzen im Zug, während jemand anderes die Richtung bestimmt. Termine und Untersuchungen geben den Takt vor.

Klauke begleitet nach eigenen Angaben seit mehr als neun Jahren Frauen mit Brustkrebs während ihrer schulmedizinischen Therapie. Aus diesen Begegnungen ist ihr Buch entstanden. Es richtet den Blick auf das, was zwischen den medizinischen Abläufen liegt: Fragen, die noch keine Antwort gefunden haben, das Bedürfnis nach verständlichen Erklärungen und den Wunsch, an Entscheidungen beteiligt zu sein.

Orientierung bedeutet in ihrem Verständnis, in einer veränderten Lebenssituation wieder Boden unter den Füßen zu finden. Dafür muss eine Frau weder jede medizinische Einzelheit beherrschen noch sämtliche Unsicherheiten auflösen.

Selbstwirksamkeit bei Brustkrebs: Den eigenen Spielraum erkennen

Selbstwirksamkeit beschreibt Klauke als die Überzeugung, dass das eigene Handeln in bestimmten Bereichen einen Unterschied machen kann. Die Diagnose lässt sich dadurch nicht rückgängig machen. Der Umgang mit der Situation bietet jedoch Entscheidungen, die bei der betroffenen Frau bleiben.

Wen möchte sie an ihrer Seite haben? Welche Informationen helfen ihr weiter? Welche Frage möchte sie beim nächsten Gespräch stellen? Wo braucht sie Unterstützung?

Diese Unterscheidung trägt einen wesentlichen Gedanken des Buches: Zwischen vollständiger Kontrolle und völliger Ohnmacht liegt ein Raum, der sich gestalten lässt.

Besonders deutlich wird die Grenze dieses Gedankens in einem Satz der Autorin:

„Verstehen allein reguliert keine Erkrankung.“

Wissen erhält bei ihr eine andere Aufgabe. Es soll helfen, Vorgänge einzuordnen, Fragen zu formulieren und sich wieder als handelnder Mensch zu erleben. Wer eine Erklärung nachvollziehen kann, hat eine Grundlage, um im Gespräch nachzufragen oder die eigenen Bedürfnisse auszusprechen.

Das Buch verbindet Selbstwirksamkeit damit auch mit der Entscheidung, Hilfe anzunehmen. Unterstützung zu suchen gehört ausdrücklich zu den Handlungsmöglichkeiten, die Klauke beschreibt.

Die „Landkarte des Körpers“ als Orientierungshilfe

Für ihre Erklärungen verwendet die Autorin das Bild einer „Landkarte des Körpers“. Eine Landkarte macht Zusammenhänge sichtbar und erleichtert die Orientierung. Sie nimmt den Weg jedoch nicht vorweg.

So beschreibt Klauke auch ihr Modell: als Denkmodell, das verschiedene Bereiche miteinander in Beziehung setzt. Dazu gehören Verdauung und Darmbarriere, Entzündungen und Immunsystem, körpereigene Schutzmechanismen, Energie und Mikronährstoffe sowie chronische Belastungen.

Diese Bereiche bilden die Struktur ihres Begleitkonzepts. Die Landkarte ist ausdrücklich keine allgemeine Behandlungsvorgabe. Sie zeigt, welche Themen die Autorin in ihrer Arbeit betrachtet und wie sie ihre Sicht auf körperliche Zusammenhänge vermittelt.

Die Funktion dieses Bildes ist dabei entscheidend: Aus einer Vielzahl von Begriffen und Befunden soll eine verständliche Ordnung entstehen. Eine Patientin, deren Aussage Klauke wiedergibt, beschreibt Blutwerte dadurch nicht mehr ausschließlich als Anlass zur Angst, sondern als eine Sprache, die ihr erklärt werden kann.

Hier wird das Anliegen des Buches greifbar. Medizinische Informationen sollen besprechbar werden, auch für Menschen ohne fachliche Vorbildung.

 

Ergänzende Begleitung und ihre Grenzen

Klauke bezeichnet ihren Ansatz als „komplementär-wissenschaftlich“. Mit „komplementär“ meint sie eine Begleitung zusätzlich zur schulmedizinischen Behandlung. Sie grenzt diese ausdrücklich von einem Ersatz für die onkologische Therapie und von einem Heilungsversprechen ab.

Auch den Begriff „wissenschaftlich“ erläutert sie in einem eigenen Kapitel. In ihrem Verständnis umfasst er physiologische Überlegungen, biochemisches Verständnis, Laborbefunde und systematische Beobachtungen aus der Praxis. Sie weist dabei darauf hin, dass nicht jede von ihr beschriebene Maßnahme durch klinische Studien belegt ist. Die Bezeichnung ihres Konzepts bedeutet somit keinen pauschalen Wirksamkeitsnachweis für sämtliche darin vorgestellten Verfahren.

Diese Einordnung gehört zum Verständnis des Buches. Es stellt die Perspektive und Erfahrungen einer Heilpraktikerin vor, die ihren Ansatz selbst nicht als allgemeingültige Wahrheit verstanden wissen möchte.

Ein Schwerpunkt liegt auf dem Übersetzen: Diagnosen, Befunde und Therapieprozesse in verständliche Sprache bringen, Rückfragen ermöglichen und Beobachtungen ansprechbar machen. Die ärztliche Behandlung bleibt dabei der Rahmen, auf den sich die ergänzende Begleitung bezieht.

 

Kleine Entscheidungen, die wieder zum eigenen Leben gehören

Die Beispiele zur Selbstwirksamkeit sind bewusst alltäglich. Klauke nennt einen Anruf bei einem Menschen, der guttut, die Bereitschaft, Unterstützung anzunehmen, oder den Mut, eine bisher zurückgehaltene Frage zu stellen. Auch die Offenheit, eine Meditation auszuprobieren, gehört zu ihren Beispielen für persönliche Handlungsmöglichkeiten.

Daraus entsteht kein Pflichtprogramm. Die Auswahl soll zur jeweiligen Frau und ihrer Situation passen. Für den Alltag lassen sich aus dem Buch drei Fragen mitnehmen:

  • Was möchte ich verstehen? Eine offene Frage benennen, statt alle Informationen gleichzeitig verarbeiten zu wollen.
  • Wer darf mich unterstützen? Überlegen, bei wem Hilfe erwünscht ist und wie sie konkret aussehen könnte.
  • Was ist mein nächster Schritt? Eine überschaubare Entscheidung finden, die jetzt ansteht.

    Damit bleibt der Blick nah an der Lebenswirklichkeit. Orientierung muss nicht bedeuten, einen vollständigen Plan für die kommende Zeit zu besitzen. Manchmal reicht es, das nächste Gespräch vorzubereiten oder jemandem zu sagen, was gerade gebraucht wird.

„Brustkrebs – und jetzt?“ stellt diese Suche nach Orientierung neben die medizinischen Fragen. Die Frau bleibt mit ihrer Geschichte, ihren Beziehungen und ihren Bedürfnissen sichtbar. Den Gedanken dahinter verdichtet Klauke so:

„Zuversicht entsteht selten dadurch, dass wir alle Antworten kennen. Sie entsteht dadurch, dass wir den nächsten Schritt kennen.“

Liane Klauke

Mentorin für Frauen mit der Diagnose Brustkrebs

Liane Klauke