Monogam, offen oder polyamor? Natascha Ditha Berger über moderne Beziehungsgestaltung
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Monogamie gilt für viele Menschen noch immer als das klassische Beziehungsmodell: Zwei Menschen lernen sich kennen, verlieben sich und entscheiden sich füreinander. Doch muss eine glückliche Partnerschaft tatsächlich immer diesem vorgegebenen Muster folgen? Oder dürfen Beziehungen genauso individuell sein wie die Menschen, die sie führen?
Die Psychotherapeutin, Beziehungsexpertin und IT-Managerin Natascha Ditha Berger beschäftigt sich intensiv mit genau diesen Fragen. Ihr Ansatz: Beziehung ist nicht einfach gegeben – Beziehung ist verhandelbar. Statt gesellschaftliche Vorstellungen ungeprüft zu übernehmen, können Menschen herausfinden, welches Beziehungsmodell tatsächlich zu ihren Bedürfnissen passt.
Dabei geht es keineswegs nur um offene oder polyamore Beziehungen. Auch Menschen in monogamen Partnerschaften können davon profitieren, ihre Wünsche klarer zu formulieren, Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen und bestehende Vereinbarungen regelmäßig zu hinterfragen.
Beziehung nach den eigenen Regeln gestalten
Viele Menschen wachsen mit einem erstaunlich klaren Bild davon auf, wie eine Partnerschaft auszusehen hat. Verlieben, zusammenkommen, exklusiv sein und möglichst dauerhaft zusammenbleiben. Natascha Ditha Berger bezeichnet diese gesellschaftliche Prägung als eine Art „Monokultur“.
Das Problem liegt dabei nicht in der Monogamie selbst. Sie kann genau das richtige Beziehungsmodell sein. Problematisch wird es vielmehr, wenn Menschen nie bewusst entscheiden, wie sie eigentlich Beziehung leben möchten.
Genau hier beginnt individuelle Beziehungsgestaltung.
Statt sich ausschließlich daran zu orientieren, was gesellschaftlich als normal gilt, stellt Natascha Ditha Berger in ihrer therapeutischen Arbeit Fragen wie: Was ist einem Menschen in seiner Beziehung wirklich wichtig? Welche Wünsche gibt es? Welche Fantasien spielen eine Rolle? Gibt es etwas, das fehlt? Und besteht überhaupt der Wunsch, etwas an der bisherigen Partnerschaft zu verändern?
Damit verschiebt sich die entscheidende Frage. Es geht nicht länger darum, welches Beziehungsmodell vermeintlich richtig ist. Es geht darum, welches Beziehungsmodell zu den beteiligten Menschen passt.
Monogamie, offene Beziehung und Polyamorie: Kommunikation macht den Unterschied
Nicht-monogame Beziehungen verlangen nach Ansicht von Natascha Ditha Berger besonders viel Kommunikation. Sobald mehr als zwei Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen beteiligt sind, wird es schwieriger, Konflikte oder unausgesprochene Wünsche einfach zu verdrängen.
Gerade darin sieht sie jedoch eine Chance, von der auch monogame Paare profitieren können.
Menschen in offenen und polyamoren Beziehungen müssen häufig lernen, Bedürfnisse zu artikulieren, Grenzen anzusprechen und Eigenverantwortung zu übernehmen. Diese Fähigkeiten sind allerdings nicht ausschließlich für nicht-monogame Beziehungen relevant. Sie können grundsätzlich dazu beitragen, Partnerschaften bewusster zu gestalten.
Das bedeutet: Nicht das Beziehungsmodell entscheidet automatisch über die Qualität einer Beziehung. Entscheidend ist vielmehr, wie die beteiligten Menschen miteinander umgehen und kommunizieren.
Was passiert, wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen?
Besonders schwierig wird Beziehungsgestaltung, wenn zwei Menschen grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen haben. Was passiert beispielsweise, wenn eine Person monogam leben möchte, während die andere den Wunsch nach einer offenen oder polyamoren Beziehung entwickelt?
Natascha Ditha Berger zieht hier einen interessanten Vergleich zum Kinderwunsch.
Möchte eine Person unbedingt Kinder und die andere definitiv keine, lässt sich dieser Unterschied nicht durch einen einfachen Kompromiss aus der Welt schaffen. Ähnlich kann es bei grundlegend verschiedenen Vorstellungen von Partnerschaft sein.
Dann müssen die Beteiligten herausfinden, wie wichtig das jeweilige Bedürfnis tatsächlich ist. Ist eine Person bereit, zugunsten der Partnerschaft darauf zu verzichten? Gibt es ein Modell, das beide tragen können? Oder sind die Vorstellungen letztlich so unterschiedlich, dass eine Trennung die Konsequenz sein kann?
Eine allgemeingültige Antwort gibt es darauf nicht. Entscheidend ist, die unterschiedlichen Wünsche überhaupt auszusprechen und gemeinsam auszuloten, welche Möglichkeiten bestehen.
Die wichtigste Frage lautet: Was will die Person selbst?
Ein zentraler Gedanke in Natascha Ditha Bergers Ansatz ist die Eigenverantwortung.
Menschen können sich bewusst für Monogamie entscheiden. Ebenso können sie feststellen, dass sie sich zu mehreren Menschen hingezogen fühlen und diese Seite ihres Lebens nicht ausschließlich als Fantasie erleben möchten.
Entscheidend ist, diese Fragen nicht allein anhand gesellschaftlicher Erwartungen zu beantworten.
Das kann unbequem sein. Schließlich bedeutet ehrliche Beziehungsgestaltung auch, sich mit den eigenen Wünschen auseinanderzusetzen und gegebenenfalls festzustellen, dass diese nicht vollständig mit den Bedürfnissen des Partners oder der Partnerin übereinstimmen.
Doch genau diese Auseinandersetzung schafft die Grundlage dafür, bewusste Entscheidungen zu treffen.
Offene Beziehung und Polyamorie: Wie viel sollte das Umfeld wissen?
Wer von klassischen Beziehungsmodellen abweicht, beschäftigt sich häufig nicht nur mit der Partnerschaft selbst. Auch Familie, Freunde und Bekannte können plötzlich eine Rolle spielen.
Nicht jeder möchte offen kommunizieren, dass eine Beziehung polyamor oder nicht-monogam geführt wird. Und nicht jedes Umfeld reagiert darauf unvoreingenommen.
Natascha Ditha Berger empfiehlt deshalb einen individuellen Umgang und spricht von sogenannten „Testballons“. Ein Buch oder Zeitungsartikel über alternative Beziehungsmodelle kann beispielsweise zum Anlass genommen werden, beiläufig nach der Meinung des Gegenübers zu fragen.
So lässt sich zunächst herausfinden, wie offen eine Person gegenüber dem Thema ist, ohne unmittelbar die eigene Beziehung offenlegen zu müssen.
Denn auch hier gilt: Niemand ist verpflichtet, sämtliche Details seines Beziehungslebens mit seinem Umfeld zu teilen. Die Beteiligten dürfen selbst entscheiden, welche Informationen nach außen gehören und welche privat bleiben.
Braucht eine Beziehung feste Regeln?
Gerade beim Thema offene Beziehung taucht schnell die Frage nach Regeln auf. Darf bei anderen Menschen übernachtet werden? Was darf mit anderen Partnerinnen oder Partnern passieren? Welche Grenzen gelten?
Regeln können zunächst Sicherheit vermitteln. Natascha Ditha Berger betrachtet starre Vorgaben jedoch kritisch. Denn selbst eine klar formulierte Regel garantiert nicht, dass sie niemals gebrochen wird.
Stattdessen legt sie den Fokus stärker auf Vereinbarungen und gemeinsame Ziele.
Das bedeutet nicht, vollkommen ohne Grenzen zu leben. Vielmehr geht es darum, zu besprechen, was den Beteiligten wichtig ist und welche Vereinbarungen für ihre Beziehung sinnvoll sind, ohne zu glauben, jede zukünftige Situation im Voraus kontrollieren zu können.
Dieser Unterschied ist wesentlich: Eine Beziehung wird nicht automatisch sicher, nur weil möglichst viele Regeln aufgestellt wurden. Vertrauen entsteht auch dadurch, dass Menschen darüber sprechen können, wenn etwas anders läuft als vereinbart.
Der Beziehungsvertrag gehört regelmäßig auf den Prüfstand
Ein besonders anschauliches Bild von Natascha Ditha Berger ist der Vergleich einer Beziehung mit anderen Verträgen im Leben.
Finanzielle Verträge, Rechnungen und organisatorische Angelegenheiten werden regelmäßig überprüft. Doch bei Beziehungen gehen Menschen häufig davon aus, dass Vereinbarungen, die irgendwann einmal getroffen wurden, unbegrenzt gültig bleiben.
Dabei verändern sich Menschen.
Wünsche entwickeln sich weiter, Lebensumstände verändern sich und Bedürfnisse können nach einigen Jahren vollkommen anders aussehen als zu Beginn einer Partnerschaft.
Deshalb empfiehlt Natascha Ditha Berger, sich mindestens einmal im Jahr bewusst zusammenzusetzen und die eigene Beziehung zu betrachten. Dabei können beispielsweise folgende Fragen helfen:
- Leben die Beteiligten noch die Beziehung, die sie tatsächlich führen möchten?
- Welche Bedürfnisse werden aktuell erfüllt – und welche nicht?
- Gibt es Wünsche, über die bisher zu wenig gesprochen wurde?
- Welche Vereinbarungen funktionieren gut?
- Welche Vereinbarungen sollten neu verhandelt werden?
Ein solches Gespräch muss kein Zeichen dafür sein, dass eine Beziehung in einer Krise steckt. Im Gegenteil: Es kann eine Möglichkeit sein, Beziehung aktiv zu gestalten, bevor Unzufriedenheit über längere Zeit unausgesprochen bleibt.
Beziehung ist verhandelbar – unabhängig vom Beziehungsmodell
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus Natascha Ditha Bergers Arbeit lautet deshalb nicht, dass offene oder polyamore Beziehungen besser seien als monogame Partnerschaften.
Es geht um etwas Grundsätzlicheres.
Menschen dürfen hinterfragen, welche Vorstellungen von Beziehung sie übernommen haben und welche davon tatsächlich ihren eigenen Bedürfnissen entsprechen. Eine Person kann sich bewusst für Monogamie entscheiden. Eine andere kann eine offene Beziehung bevorzugen. Wieder andere Menschen können sich in polyamoren Beziehungskonstellationen wiederfinden.
Keine dieser Entscheidungen nimmt den Beteiligten die eigentliche Beziehungsarbeit ab.
Bedürfnisse müssen erkannt, ausgesprochen und miteinander verhandelt werden. Grenzen können sich verändern. Vereinbarungen müssen überprüft werden. Und manchmal zeigt ein ehrliches Gespräch auch, dass zwei Menschen unterschiedliche Wege einschlagen möchten.
Genau darin liegt jedoch die Chance moderner Beziehungsgestaltung: Partnerschaft nicht als unveränderliches gesellschaftliches Drehbuch zu betrachten, sondern als etwas, das die beteiligten Menschen bewusst miteinander gestalten.
Natascha Ditha Berger bringt diesen Gedanken bereits mit dem Titel ihres Buches auf den Punkt: „Mono, offen, poly? Beziehung ist verhandelbar!“
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb gar nicht: Welches Beziehungsmodell ist das richtige?
Sondern: Wie möchte die Person ihre Beziehung wirklich leben?