Neue private Altersvorsorge ab 2027: Warum Riester-Sparer jetzt nicht vorschnell wechseln sollten

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Neue private Altersvorsorge ab 2027: Warum Riester-Sparer jetzt nicht vorschnell wechseln sollten
Foto: Dominik Pfau

Die private Altersvorsorge steht vor einer Veränderung. Ab dem 1. Januar 2027 soll die neue geförderte private Altersvorsorge beginnen. Für Millionen Menschen, die bereits einen Riester-Vertrag besitzen, stellt sich deshalb eine entscheidende Frage: Was passiert mit dem bestehenden Vertrag – und lohnt sich ein Wechsel in die neue Förderung?

Der Altersvorsorge-Experte Martin Gattung warnt in diesem Zusammenhang vor vorschnellen Entscheidungen. Denn bestehende Riester-Verträge verschwinden mit der Reform nicht einfach. Vielmehr kann ein älterer Vertrag Eigenschaften und Garantien besitzen, die bei einem Wechsel verloren gehen könnten.

Seine zentrale Botschaft lautet deshalb: Es besteht kein Grund für Hektik. Bevor ein bestehender Riester-Vertrag aufgegeben oder in das neue System gewechselt wird, sollte genau geprüft werden, welche Leistungen, Garantien und Fördervorteile der bisherige Vertrag bietet.

Was passiert 2027 mit bestehenden Riester-Verträgen?

Wer bereits einen Riester-Vertrag besitzt, muss aufgrund der neuen privaten Altersvorsorge nicht automatisch handeln. Nach den Ausführungen von Martin Gattung genießen bestehende Verträge Bestandsschutz.

Dieser Bestandsschutz betrifft die Förderung, das Produkt und die zertifizierten Vertragsbedingungen. Zusagen, die ein Anbieter bei Vertragsabschluss gemacht hat, bleiben damit ein wichtiger Bestandteil der individuellen Bewertung.

Gerade bei Verträgen, die bereits vor vielen Jahren abgeschlossen wurden, kann das entscheidend sein. Denn je nach Abschlusszeitpunkt können Konditionen vereinbart worden sein, die heute nicht mehr in derselben Form erhältlich sind.

Deshalb sollte die Einführung der neuen Förderung nicht automatisch als Signal verstanden werden, einen alten Riester-Vertrag zu kündigen oder zu wechseln.

Riester wechseln oder behalten? Eine pauschale Antwort gibt es nicht

Ob sich ein Wechsel tatsächlich lohnt, hängt vom einzelnen Vertrag und von der persönlichen Lebenssituation ab.

Martin Gattung macht deutlich, dass es sowohl Fälle geben kann, in denen ein Wechsel sinnvoll erscheint, als auch Konstellationen, bei denen das Festhalten am bestehenden Vertrag Vorteile bietet.

Genau darin liegt die Schwierigkeit.

Für eine fundierte Entscheidung reicht es nicht, lediglich die alte und die neue Förderung miteinander zu vergleichen. Vielmehr müssen unterschiedliche Vertragsmerkmale berücksichtigt werden.

Dazu gehören unter anderem:

  • der Zeitpunkt des Vertragsabschlusses,
  • die Höhe der eigenen Beiträge,
  • die bisherige Förderung,
  • mögliche Kinderzulagen,
  • vorhandene Garantien,
  • der Garantiezins,
  • ein möglicher garantierter Rentenfaktor,
  • die konkrete Vertragsart,
  • die geplante Auszahlungsphase.


Je älter ein Vertrag ist, desto wichtiger kann ein genauer Blick auf seine ursprünglichen Konditionen werden.

Alte und neue Förderung unterscheiden sich

Ein wesentlicher Unterschied liegt nach Gattungs Erläuterungen in der Systematik der Förderung.

Bei der bisherigen Riester-Förderung spielen sowohl das Einkommen als auch die Höhe der Einzahlung eine Rolle. Bei der neuen Förderung soll dagegen stärker die tatsächliche Besparung entscheidend sein.

Das kann für unterschiedliche Einkommensgruppen sehr unterschiedliche Konsequenzen haben.

Besonders interessant ist diese Frage beispielsweise für Menschen mit vorübergehend niedrigem Einkommen. Gattung nennt hier unter anderem die Elternzeit als Beispiel. Unter bestimmten Voraussetzungen kann die bisherige Förderung bei vergleichsweise niedrigen Eigenbeiträgen attraktiv sein – insbesondere, wenn zusätzlich Kinderzulagen berücksichtigt werden.

Wer bislang mit einem relativ niedrigen eigenen Beitrag eine attraktive Förderung erhält, sollte deshalb genau prüfen, welche Einzahlung künftig notwendig wäre, um die neue Förderung optimal zu nutzen.

Ein Wechsel sollte gut überlegt sein

Äußerst relevant ist ein weiterer Punkt: Nach den Erläuterungen im Gespräch kann sich ein Riester-Sparer zwischen alter und neuer Förderung entscheiden. Ein erfolgter Wechsel zurück in das alte System ist jedoch nicht vorgesehen.

Damit bekommt die Entscheidung erhebliches Gewicht.

Ein Wechsel sollte deshalb nicht allein aufgrund allgemeiner Aussagen über die Riester-Rente erfolgen. Entscheidend ist vielmehr die Frage, was der konkrete Vertrag tatsächlich beinhaltet.

Gattung weist zudem darauf hin, dass von den vorhandenen Riester-Verträgen weiterhin Millionen aktiv bespart werden. Die Diskussion über nicht mehr bediente Verträge bildet daher nur einen Teil der Realität ab.

Warum das Abschlussjahr des Riester-Vertrags wichtig ist

Ein wichtiger Faktor bei der Bewertung ist das Jahr des Vertragsabschlusses.

Über die Jahre haben sich Rahmenbedingungen, Garantien und Vertragsmodelle verändert. Deshalb können zwei Riester-Verträge trotz gleicher Bezeichnung wirtschaftlich sehr unterschiedlich aufgebaut sein.

Unter anderem können steuerliche Besonderheiten bei ungeförderten Beiträgen eine Rolle spielen. Auch die Kalkulationsgrundlagen der Versicherer haben sich verändert.

Gattung verweist in diesem Zusammenhang beispielsweise auf sogenannte Bisex- und Unisex-Tarife. Die jeweils verwendeten Kalkulationsgrundlagen können Einfluss auf die späteren Rentenleistungen haben.

Für Verbraucher bedeutet das: Das Alter eines Vertrags ist nicht automatisch ein Nachteil.

Im Gegenteil. Bestimmte ältere Vertragsbedingungen können einen Wert besitzen, der bei einer oberflächlichen Betrachtung leicht übersehen wird.

Garantiezins und Rentenfaktor genau überprüfen

Auch der Garantiezins kann ein wichtiges Entscheidungskriterium darstellen.

Abhängig davon, wann und bei welchem Anbieter ein Vertrag abgeschlossen wurde, können unterschiedliche Garantien und Bonusvereinbarungen bestehen. Bei Versicherungsverträgen können zudem Bewertungsreserven relevant sein, während bei anderen Vertragsformen wiederum andere Bonus- oder Zuteilungsregelungen gelten.

Hinzu kommt der garantierte Rentenfaktor.

Er beeinflusst, welche lebenslange monatliche Rente aus einem bestimmten angesparten Kapital berechnet wird. Vor einem Wechsel sollte deshalb geklärt werden, ob der bestehende Vertrag einen garantierten Rentenfaktor enthält und wie dieser ausgestaltet ist.

Die entscheidende Frage lautet also nicht nur:

„Wie hoch ist mein aktuelles Vertragsguthaben?“

Mindestens ebenso wichtig ist:

„Welche Rechte und Garantien gebe ich möglicherweise auf, wenn ich diesen Vertrag verlasse?“

Auszahlplan oder lebenslange Rente?

Ein weiterer Unterschied zwischen dem bisherigen Riester-System und der geplanten neuen privaten Altersvorsorge betrifft die Auszahlung.

Beim bisherigen Riester-Modell steht die lebenslange Rentenzahlung im Mittelpunkt. Bei der neuen Variante soll nach den Ausführungen Gattungs zusätzlich ein Auszahlplan möglich sein, der mindestens bis zum 85. Lebensjahr läuft.

Ein solcher Auszahlplan kann höhere monatliche Auszahlungen ermöglichen, weil das vorhandene Kapital nicht zwingend für eine lebenslange Rentenzahlung kalkuliert werden muss.

Genau darin liegt jedoch auch das Risiko.

Niemand weiß im Voraus, wie alt er wird.

Gattung bringt das Problem mit einer anschaulichen Frage auf den Punkt: Was passiert, wenn am Ende des Geldes noch so viel Leben übrig ist?

Die Entscheidung zwischen einem zeitlich begrenzten Auszahlplan und einer lebenslangen Rente sollte deshalb nicht allein anhand der zunächst sichtbaren monatlichen Auszahlung getroffen werden.

Langlebigkeit wird bei der Altersvorsorge häufig unterschätzt

Die eigene Lebenserwartung ist einer der wichtigsten Faktoren einer langfristigen Altersvorsorgestrategie.

Gleichzeitig weist Martin Gattung darauf hin, dass Menschen ihre Lebenserwartung häufig deutlich unterschätzen. Dadurch besteht die Gefahr, dass der Finanzbedarf im hohen Alter zu niedrig kalkuliert wird.

Gerade deshalb sollte eine Altersvorsorge nicht ausschließlich danach bewertet werden, welche Variante zu Beginn des Ruhestands die höchste Auszahlung verspricht.

Entscheidend ist vielmehr, wie lange das Einkommen benötigt wird und welche finanziellen Verpflichtungen im hohen Alter entstehen können.

Eine höhere Auszahlung über einen begrenzten Zeitraum und eine niedrigere lebenslange Rente erfüllen unterschiedliche Ziele. Welche Variante besser geeignet ist, hängt von der persönlichen Situation und der gesamten Altersvorsorge ab.

Auch der gewünschte Rentenbeginn spielt eine Rolle

Neben Förderung, Garantien und Auszahlung ist der geplante Beginn der Altersvorsorge relevant.

Ältere Riester-Verträge können je nach Vertragsgeneration andere Möglichkeiten für den Beginn der Auszahlungsphase besitzen als neu abgeschlossene Produkte.

Auch deshalb lässt sich die Frage „alter Riester oder neue Altersvorsorge?“ nicht mit einer einzigen Faustregel beantworten.

Vor einer Entscheidung sollte geklärt werden:

  • Wann soll die Auszahlung beginnen?
  • Welche vertraglichen Möglichkeiten bestehen bereits?
  • Welche Garantien enthält der Altvertrag?
  • Wie verändert sich die Förderung bei einem Wechsel?
  • Welche Form der Auszahlung passt zur persönlichen Lebensplanung?


Erst wenn diese Faktoren gemeinsam betrachtet werden, entsteht ein realistisches Bild.

Keine Hektik: Die neue Förderung soll 2027 beginnen

Eine der wichtigsten Empfehlungen von Martin Gattung ist zugleich eine der einfachsten: Verbraucher sollten sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen.

Nach dem im Gespräch dargestellten Zeitplan beginnt die neue Förderung zum 1. Januar 2027. Die bisherige Förderung befindet sich damit in einer Übergangsphase.

Gerade diese Zeit sollte genutzt werden, um bestehende Verträge zu überprüfen und die eigene Altersvorsorge insgesamt zu analysieren.

Gattung weist darauf hin, dass je nach individueller Konstellation sogar ein Abschluss nach den bisherigen Bedingungen noch sinnvoll sein kann.

Pauschale Aussagen wie „Riester lohnt sich nicht mehr“ oder „Jeder sollte in die neue Förderung wechseln“ greifen daher zu kurz.

Erst die gesamte Altersvorsorge betrachten

Bevor ein einzelner Vertrag optimiert wird, empfiehlt Martin Gattung einen grundsätzlicheren Schritt: Zunächst sollte Klarheit darüber geschaffen werden, welche Altersvorsorge überhaupt vorhanden ist.

Dabei geht es nicht ausschließlich um Riester.

Entscheidend ist das Zusammenspiel aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge.

Als Ausgangspunkt empfiehlt Gattung die Digitale Rentenübersicht. Sie soll Verbrauchern dabei helfen, einen Überblick über ihre bereits bestehenden Ansprüche aus den verschiedenen Bereichen der Altersvorsorge zu gewinnen.

Ist dieser Status bekannt, lässt sich besser beurteilen, wo tatsächlich eine Versorgungslücke besteht und welche zusätzliche Vorsorge sinnvoll sein könnte.

Altersvorsorge sollte regelmäßig überprüft werden

Martin Gattung plädiert dafür, Altersvorsorge nicht als einmalige Entscheidung zu betrachten.

Sein Vergleich ist bewusst einfach: Ein Auto wird regelmäßig überprüft. Warum sollte eine finanzielle Entscheidung, bei der es über Jahrzehnte um erhebliche Vermögenswerte und die eigene Lebensqualität im Alter geht, nicht ebenfalls regelmäßig kontrolliert werden?

Eine jährliche Bestandsaufnahme kann helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen.

Das betrifft beispielsweise Einkommen, Familienstand, Kinder, Karriereentwicklung, bestehende Verträge oder die gewünschte Gestaltung des Ruhestands.

Gerade bei Anlagehorizonten von mehreren Jahrzehnten können sich die Voraussetzungen erheblich verändern.

Beratung kann beim Vergleich entscheidend sein

Die neue private Altersvorsorge soll grundsätzlich auch ohne Beratung zugänglich sein. Gattung sieht jedoch gerade beim Vergleich mit bestehenden Riester-Verträgen eine erhebliche Komplexität.

Denn Verbraucher müssen nicht nur verstehen, wie ein neues Produkt funktioniert. Sie müssen gleichzeitig beurteilen können, welchen wirtschaftlichen Wert ihr bestehender Vertrag besitzt.

Garantiezins, Rentenfaktor, Förderhöhe, Vertragsgeneration, steuerliche Besonderheiten und Auszahlungsbedingungen können die Entscheidung beeinflussen.

Wer diese Faktoren nicht selbst zuverlässig beurteilen kann, sollte sich deshalb umfassend informieren und gegebenenfalls qualifizierte Beratung einholen.

Dabei sollte nicht der schnelle Produktwechsel im Vordergrund stehen, sondern die Frage, welche Lösung langfristig zur persönlichen Situation passt.

Vorschaubild Video Martin Gattung - Was wird jetzt aus Riester?

Das ganze Interview zum Artikel anschauen: Hier klicken.

Fazit: Erst prüfen, dann über einen Riester-Wechsel entscheiden

Die neue private Altersvorsorge ab 2027 schafft neue Möglichkeiten. Für bestehende Riester-Sparer bedeutet das jedoch nicht automatisch, dass der bisherige Vertrag ausgedient hat.

Martin Gattungs zentrale Empfehlung ist eindeutig: keine Hektik.

Bestehende Riester-Verträge genießen nach seinen Ausführungen Bestandsschutz und können Konditionen enthalten, die bei einem Wechsel nicht ohne Weiteres ersetzt werden können. Gleichzeitig kann die neue Förderung für bestimmte Sparer durchaus interessant sein.

Deshalb sollte jeder bestehende Vertrag individuell geprüft werden.

Wie hoch ist die aktuelle Förderung? Welche Garantien bestehen? Welcher Rentenfaktor wurde vereinbart? Wann wurde der Vertrag abgeschlossen? Welche Auszahlung ist vorgesehen? Und wie fügt sich der Vertrag in die gesamte gesetzliche, betriebliche und private Altersvorsorge ein?

Erst die Antworten auf diese Fragen ermöglichen eine fundierte Entscheidung.

Die Reform sollte deshalb weniger als Aufforderung zum schnellen Wechsel verstanden werden, sondern vielmehr als Anlass, sich intensiv mit der eigenen finanziellen Zukunft auseinanderzusetzen.

Denn Altersvorsorge ist keine Entscheidung für die nächsten Monate. Sie beeinflusst im Zweifel die finanzielle Situation über mehrere Jahrzehnte.

Martin Gattung

Mentor für eine lebenswerte Zukunft

Martin Gattung