Wenn der geliebte Mensch plötzlich ein anderer ist: Herta Steinbichl gibt pflegenden Angehörigen eine Stimme
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Manchmal verändert ein einziger Moment ein ganzes Leben
Es gibt Ereignisse, die das Leben nicht beenden – aber vollständig verändern. Genau das erlebte Herta Steinbichl, als ihr Mann nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma körperlich überlebte, emotional und kognitiv jedoch nie wieder derselbe Mensch wurde. Aus einer aktiven Partnerschaft voller gemeinsamer Reisen, Abenteuer und Zukunftspläne wurde von einem Tag auf den anderen ein Alltag, der von Pflege, Verantwortung und Abschied geprägt ist.
Mit ihrem Buch macht Herta Steinbichl auf ein Thema aufmerksam, das Millionen Menschen betrifft und dennoch häufig im Verborgenen bleibt: das Leben pflegender Angehöriger. Dabei erzählt sie nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern möchte vor allem all jenen Mut machen, die täglich einen geliebten Menschen begleiten und dabei oft sich selbst aus den Augen verlieren.
Ein Unfall, der alles veränderte
Vor dem Unfall führte das Ehepaar ein außergewöhnlich aktives Leben. Gemeinsam unternahmen sie Fernreisen, erklommen Berge, liefen Marathons und engagierten sich ehrenamtlich. Ihr soziales Umfeld war groß, das Leben geprägt von Begegnungen und gemeinsamen Erlebnissen.
Dann kam der Anruf.
Während einer Fahrt mit Freunden erlitt ihr Mann einen Kreislaufzusammenbruch, stürzte auf den Hinterkopf und zog sich ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu. Wochenlang kämpfte er auf der Intensivstation ums Überleben. Danach begann ein langer Rehabilitationsprozess, in dem er grundlegende Fähigkeiten wie Schlucken, Sprechen und alltägliche Bewegungen neu erlernen musste.
Hoffnung kehrte zurück – aber nur für kurze Zeit
Mit beeindruckender Willenskraft arbeitete sich ihr Mann Schritt für Schritt zurück ins Leben. Er konnte wieder Auto fahren, Fahrrad fahren und sogar Reisen mit dem Wohnmobil unternehmen. Für Herta Steinbichl schien es, als würde das alte Leben langsam zurückkehren.
Doch nach einer Corona-Infektion änderte sich erneut alles.
Eine tiefe Müdigkeit bestimmte plötzlich seinen gesamten Alltag. Aus dem lebensfrohen, kommunikativen Menschen wurde ein stiller Beobachter, der kaum noch sprach und vollständig auf Unterstützung angewiesen war. Trotz zahlreicher Therapien, medizinischer Behandlungen und unermüdlicher Bemühungen verschlechterte sich sein Zustand kontinuierlich.
Der Tag, an dem plötzlich alles wieder normal war
Besonders eindrucksvoll beschreibt Herta Steinbichl einen einzigen Sommertag, der ihr bis heute im Gedächtnis geblieben ist.
Ohne jede Vorankündigung war ihr Mann plötzlich wieder der Mensch, den sie viele Jahre kannte. Er sprach, lachte, unterhielt sich mit Verwandten und wirkte vollkommen präsent. Für einige Stunden schien die Krankheit verschwunden zu sein.
Am Abend verschwand dieser Moment jedoch ebenso unerwartet, wie er gekommen war.
Für Herta Steinbichl wurde genau dieser Tag zum Wendepunkt. Sie erkannte, dass sie den Verlauf der Erkrankung nicht kontrollieren konnte – egal wie groß ihre Liebe oder ihr Einsatz waren. Diese Erkenntnis bedeutete schmerzhaften Abschied, aber zugleich auch den Beginn eines neuen Weges.
Wenn Pflege zum größten Liebesbeweis wird
Pflege bedeutet weit mehr als organisatorische Aufgaben oder medizinische Unterstützung.
Sie verlangt Geduld, Mitgefühl, Kraft und die Bereitschaft, Tag für Tag für einen anderen Menschen da zu sein. Gleichzeitig erleben viele Angehörige einen schleichenden Verlust ihres eigenen Lebens. Freundschaften verändern sich, soziale Kontakte werden weniger und persönliche Bedürfnisse treten immer weiter in den Hintergrund.
Herta Steinbichl beschreibt Pflege deshalb als den größten Liebesbeweis, den ein Mensch einem anderen schenken kann. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass Liebe allein nicht ausreicht, wenn dabei die eigene Gesundheit verloren geht.
Warum pflegende Angehörige sich selbst nicht vergessen dürfen
Eine der wichtigsten Botschaften ihres Buches richtet sich an alle Menschen, die täglich Verantwortung für Angehörige übernehmen.
Über Jahre stellte Herta Steinbichl ausschließlich ihren Mann in den Mittelpunkt. Sie suchte Ärzte, Therapeuten und alternative Behandlungsmöglichkeiten auf und versuchte mit aller Kraft, den früheren Menschen zurückzubringen.
Erst als ihre eigenen Energiereserven nahezu erschöpft waren, erkannte sie, dass auch sie selbst Unterstützung braucht.
Heute weiß sie, wie wichtig kleine Auszeiten sind. Kurze Momente der Ruhe, Meditation und bewusstes Innehalten helfen ihr dabei, neue Kraft zu schöpfen. Diese Erfahrungen gibt sie in ihrem Buch weiter, um anderen Betroffenen zu zeigen, dass Selbstfürsorge kein Egoismus ist, sondern eine Voraussetzung dafür, dauerhaft helfen zu können.
Ein Buch, das Hoffnung schenkt
Mit ihrem Buch möchte Herta Steinbichl nicht Mitleid erzeugen.
Ihr Ziel ist es, Hoffnung zu vermitteln.
Allein im deutschsprachigen Raum sind Millionen Menschen direkt oder indirekt von Pflege betroffen. Dennoch fühlen sich viele Angehörige unsichtbar und allein gelassen.
Genau diesen stillen Heldinnen und Helden gibt sie eine Stimme. Sie zeigt, dass selbst in den schwierigsten Lebenssituationen persönliches Wachstum möglich ist und dass jeder Mensch trotz aller Herausforderungen weiterhin zählt. Aus diesem Gedanken entstand nicht nur ihr Buch, sondern auch ihre Initiative „Du zählst auch“, mit der sie pflegende Angehörige ermutigen möchte, sich selbst wieder wahrzunehmen.
Fazit: Auch die Menschen hinter der Pflege verdienen Aufmerksamkeit
Die Geschichte von Herta Steinbichl macht deutlich, dass Pflege weit mehr bedeutet als körperliche Unterstützung. Sie ist geprägt von Liebe, Verantwortung, Abschieden und täglichen Herausforderungen, die Außenstehenden oft verborgen bleiben.
Gleichzeitig vermittelt ihre Geschichte eine wichtige Botschaft: Niemand muss sich selbst vollständig aufgeben, um für einen geliebten Menschen da zu sein.
Wer pflegt, darf Hilfe annehmen. Wer liebt, darf auch an sich selbst denken. Und wer jeden Tag für andere stark ist, verdient es ebenso, gesehen zu werden.