„Du bist doch normal“: Savina Tilmann über Trauma, Selbstzweifel und den Weg zu mehr Selbstannahme
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Viele Menschen tragen einen Satz mit sich herum, der sie oft ein Leben lang begleitet: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Er entsteht häufig nicht aus der Realität, sondern aus Erfahrungen, Bewertungen und Verletzungen, die sich tief im Nervensystem verankern. Die Folge sind Selbstzweifel, ein permanenter innerer Kritiker und das Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Die Traumatherapeutin und Ausbilderin Savina Tilmann beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit genau diesen Mechanismen. Im Gespräch macht sie deutlich, dass viele Verhaltensweisen, die Menschen an sich selbst verurteilen, keineswegs Ausdruck persönlicher Schwäche sind. Vielmehr sind sie verständliche Schutzreaktionen auf frühere Erfahrungen.
Mit ihrem Buch „Du bist doch normal“ möchte sie genau dort ansetzen: Menschen entlasten, Verständnis schaffen und den Weg zu mehr Selbstannahme eröffnen.
Warum so viele Menschen an sich zweifeln
Selbstzweifel entstehen nach Savina Tilmann selten zufällig. Bereits in der Kindheit erleben viele Menschen Bewertungen, die sich tief einprägen.
Sätze wie:
- „Jetzt stell dich nicht so an.“
- „Mit dir stimmt doch etwas nicht.“
- „Das hätte aber besser sein können.“
werden oft gut gemeint ausgesprochen. Dennoch vermitteln sie unterschwellig eine Botschaft: So wie du bist, reicht es nicht.
Diese Erfahrungen begleiten viele Menschen bis ins Erwachsenenalter. Sie vergleichen sich ständig mit anderen, fühlen sich nicht erfolgreich genug oder glauben, dass andere ihr Leben besser im Griff hätten.
Savina Tilmann erklärt, dass daraus häufig ein dauerhaft negatives Selbstbild entsteht, obwohl objektiv überhaupt nichts „falsch“ an diesen Menschen ist.
Trauma beginnt oft viel früher, als viele denken
Spricht man von Trauma, denken viele zunächst an schwere Unfälle oder Katastrophen. Savina Tilmann beschreibt Trauma jedoch wesentlich differenzierter.
Aus ihrer Sicht entsteht Trauma immer dann, wenn ein Mensch eine Situation erlebt, die seine eigenen Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt.
Das kann sein:
- etwas, das zu plötzlich geschieht,
- zu überwältigend ist,
- zu lange anhält,
- oder emotional nicht verarbeitet werden kann.
Entscheidend sei dabei weniger das Ereignis selbst als die Wirkung auf den Menschen.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist der sogenannte Bruch im Kontakt.
Dieser kann entstehen:
- zum eigenen Körper,
- zu den eigenen Gefühlen,
- zu den eigenen Bedürfnissen,
- oder zu anderen Menschen.
Wer beispielsweise nicht mehr genau weiß, was er fühlt, was er möchte oder warum bestimmte Situationen starke emotionale Reaktionen auslösen, erlebt häufig genau diesen Verlust des inneren Kontakts.
Warum Schutzmechanismen häufig missverstanden werden
Viele Menschen verurteilen sich für ihr eigenes Verhalten.
Sie fragen sich:
- Warum stoße ich Menschen weg, obwohl ich sie liebe?
- Warum kann ich Vertrauen nicht zulassen?
- Warum reagiere ich über?
- Warum fühle ich mich ständig falsch?
Savina Tilmann macht deutlich, dass hinter diesen Verhaltensweisen meist keine Charakterschwäche steckt.
Es handelt sich vielmehr um Schutzmechanismen des Nervensystems.
Wer beispielsweise in der Vergangenheit verletzt wurde, testet unbewusst neue Beziehungen immer wieder.
Nicht aus Bosheit.
Sondern weil ein innerer Anteil wissen möchte:
Bleibt dieser Mensch wirklich? Kann ich ihm vertrauen?
Diese Prozesse laufen häufig vollkommen unbewusst ab.
Gerade deshalb fühlen sich Betroffene oft zusätzlich schuldig, weil sie ihr eigenes Verhalten nicht verstehen.
Sind Traumata heilbar?
Eine der häufigsten Fragen lautet, ob Trauma überhaupt überwunden werden kann.
Savina Tilmann beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja.
Sie verwendet bewusst unterschiedliche Begriffe wie:
- Heilung
- Integration
- Transformation
- Auflösung
Welcher Begriff gewählt wird, sei letztlich zweitrangig.
Entscheidend sei vielmehr, dass traumatische Erfahrungen ihre emotionale Macht verlieren können.
Das Erlebte verschwindet zwar nicht aus der Biografie.
Doch es muss das heutige Leben nicht dauerhaft bestimmen.
Menschen können lernen, ihre Geschichte zu integrieren, ohne ständig erneut von Triggern oder intensiven emotionalen Reaktionen überwältigt zu werden.
„Du bist doch normal“ – das Buch gegen den inneren Kritiker
Mit ihrem Buch verfolgt Savina Tilmann ein klares Ziel.
Sie möchte Menschen entlasten.
In insgesamt 111 Beispielen beschreibt sie Alltagssituationen, in denen Menschen häufig glauben, nicht normal zu sein.
Zum Beispiel:
- Schwierigkeiten, Vertrauen aufzubauen.
- Überforderung bei einfachen Aufgaben.
- Depressionen und Antriebslosigkeit.
- Übermäßige Selbstkritik.
- Schwierigkeiten mit Nähe oder Distanz.
Zu jeder Situation liefert sie eine traumasensible Erklärung.
Die Botschaft lautet dabei immer:
Du bist nicht falsch. Es gibt einen nachvollziehbaren Grund für dein Erleben.
Dieses Verständnis schafft häufig bereits eine enorme Erleichterung.
Denn erst wenn Menschen aufhören, sich permanent zu verurteilen, entsteht Raum für echte Veränderung.
Selbstannahme beginnt mit Verständnis
Viele Menschen kennen den Satz:
„Nimm dich einfach so an, wie du bist.“
Doch genau das fällt häufig unglaublich schwer.
Savina Tilmann beschreibt, warum.
Wer sich permanent bewertet, kann Selbstannahme kaum zulassen.
Erst wenn Menschen verstehen, weshalb sie so fühlen oder handeln, entsteht Entlastung.
Dieses Verständnis bildet die Brücke zwischen Selbstkritik und Selbstmitgefühl.
Aus diesem Grund versteht Savina Tilmann ihr Buch nicht nur als Ratgeber.
Es soll vor allem einen Perspektivwechsel ermöglichen.
Sowohl für den Leser selbst als auch für den Umgang mit anderen Menschen.
Mehr Verständnis schafft mehr Frieden
Ein weiterer Gedanke zieht sich durch das gesamte Gespräch.
Verständnis verändert Beziehungen.
Wer erkennt, dass hinter dem Verhalten anderer Menschen oft unverarbeitete Erfahrungen stehen, nimmt vieles weniger persönlich.
Das bedeutet nicht, problematisches Verhalten gutzuheißen.
Aber es hilft dabei, gelassener darauf zu reagieren.
Für Savina Tilmann entsteht genau daraus etwas sehr Wertvolles:
Frieden.
Frieden mit sich selbst.
Und Frieden im Miteinander.
Traumasensible Begleitung lernen
Neben ihrer therapeutischen Arbeit bildet Savina Tilmann in ihrer Akademie Fachkräfte und Coaches aus.
Dabei vermittelt sie nicht nur Methoden oder Fragetechniken.
Im Mittelpunkt steht vielmehr das Verständnis für das Nervensystem des Menschen.
Die Teilnehmenden lernen unter anderem:
- traumasensible Begleitung,
- Resonanz wahrzunehmen,
- Schutzmechanismen zu erkennen,
- angemessen auf emotionale Prozesse zu reagieren.
Für bereits ausgebildete Coaches, Therapeutinnen und Therapeuten sowie andere Fachkräfte bietet sie zudem eine vertiefende Trauma-Ausbildung an.
Alle Ausbildungsangebote finden online statt und ermöglichen so eine ortsunabhängige Teilnahme.
Fazit: Du bist nicht falsch
Die wohl wichtigste Botschaft von Savina Tilmann lautet:
Viele Menschen kämpfen nicht deshalb mit sich selbst, weil sie falsch sind.
Sie kämpfen mit den Folgen von Erfahrungen, die ihr Nervensystem geprägt haben.
Wer beginnt, diese Zusammenhänge zu verstehen, entwickelt häufig einen völlig neuen Blick auf sich selbst.
Selbstannahme entsteht nicht durch positives Denken.
Sie entsteht durch Verständnis.
Und manchmal genügt genau dieser Perspektivwechsel, um den Satz „Mit mir stimmt etwas nicht.“ gegen einen neuen auszutauschen:
„Ich bin doch normal.“