„DER HAIR CODE“: Warum gute Friseurberatung vor dem ersten Schnitt beginnt
Expertenprofil von Rebecca Jesske anzeigen
„Nur die Spitzen bitte“ klingt eindeutig – bis Kundin und Friseur darunter unterschiedliche Längen verstehen. In „DER HAIR CODE“ widmet sich Friseurmeisterin Rebecca Jeßke den Missverständnissen zwischen „Kundisch“ und „Friseurisch“. Ihr Buch verbindet die Erklärung von Fachbegriffen mit einer grundsätzlichen Frage: Wie entsteht eine Beratung, bei der Wunsch, handwerkliche Umsetzung und Alltag wirklich zusammenpassen?
„Nur die Spitzen“ ist noch keine klare Absprache
Die Kundin möchte möglichst wenig Länge verlieren. Der Profi sieht, wie viel aus seiner Sicht abgeschnitten werden sollte. Beide sprechen über Spitzen, haben aber womöglich ein anderes Ergebnis vor Augen.
Rebecca Jeßke greift diesen Klassiker des Salonalltags auf, um das Problem hinter dem sogenannten Friseurzentimeter zu beschreiben. Die Formulierung klingt vertraut. Sie ersetzt jedoch keine konkrete Vereinbarung darüber, was geschnitten werden darf.
Ihre Empfehlung richtet sich deshalb an beide Seiten: Wünsche und fachliche Einschätzung offen besprechen, eine klare Verabredung treffen und diese beim Schneiden einhalten.
Das Beispiel zeigt den Kern von „DER HAIR CODE“. Verständigung entsteht dort, wo scheinbar eindeutige Begriffe überprüft werden. Was bedeutet „wenig“ für die Kundin? Welche Länge stellt sie sich danach vor? Und welche Veränderung schlägt die Friseurin tatsächlich vor?
Fachlich gelungen und trotzdem nicht passend
Jeßke erzählt von einer Kundin, deren Farbe und Schnitt aus ihrer fachlichen Sicht gelungen waren. Die Technik war wie besprochen umgesetzt. Dennoch spürte sie beim Blick in den Spiegel eine Distanz.
Dann sagte die Kundin:
„Das bin irgendwie nicht ich.“
Die Autorin beschreibt diesen Moment als einen Wendepunkt. Sie hatte ein optisch gelungenes Ergebnis erarbeitet, in dem sich die Kundin jedoch nicht wiederfand. Rückblickend erkannte sie, dass die Veränderung noch nicht zu deren Selbstbild passte.
Diese Erfahrung prägt ihren Blick auf Beratung. Jeßke ist als Tochter zweier Friseurunternehmer aufgewachsen. Spiegel, Föhne und die Beschäftigung mit dem Erscheinungsbild gehörten früh zu ihrem Alltag. Im Laufe ihrer Arbeit wurde für sie zunehmend wichtig, wie ein Mensch die Veränderung selbst erlebt.
Für die Autorin sind Haare deshalb auch Ausdruck davon, wie jemand gesehen werden möchte. Eine Beratung muss in ihrem Verständnis neben der Machbarkeit berücksichtigen, welche Wirkung gewünscht ist und mit welcher Veränderung sich die Kundin wohlfühlt.
„Friseurisch“ und „Kundisch“ brauchen eine Übersetzung
Die beiden Sprachen, die das Buch zusammenbringen möchte, lassen sich an einem weiteren Satz erkennen: „Ich hätte gern zwei Stufen.“
Jeßke beschreibt, welches Bild sie hinter diesem Wunsch vermutet: Haare, die nach dem Föhnen locker fallen und sich an bestimmten Stellen nach außen biegen. Zugleich erklärt sie, dass die handwerkliche Umsetzung nicht darin besteht, einfach eine bestimmte Anzahl von Stufen zu schneiden.
Der geäußerte Wunsch beschreibt eine Vorstellung. Die Fachkraft muss daraus eine Schnittform entwickeln – und zunächst prüfen, ob sie die Vorstellung richtig verstanden hat.
Diesen Übersetzungsauftrag formuliert das Buch so:
„Kundinnen sprechen in Gefühlen. Friseure sprechen in Technik.“
Die Zuspitzung macht Jeßkes Perspektive deutlich: Beratung soll die Wirkung, die eine Kundin sucht, mit den Möglichkeiten des Handwerks verbinden. Ein gemeinsames Bild ist dafür hilfreicher als ein Fachwort, das beide Seiten unterschiedlich verwenden.
Fotos betrachtet sie als wertvolle Unterstützung. Sie können einen Farb- oder Frisurenwunsch anschaulich machen. Im Gespräch muss allerdings geklärt werden, was genau daran gefällt und welche Umsetzung zum eigenen Haar und Alltag passt.
Die passende Frisur muss auch morgens funktionieren
Eine weitere typische Aussage lautet: „Meine Haare liegen nie.“ Jeßke fordert dazu auf, genauer zu werden. Fehlt an einer bestimmten Stelle Volumen? Fällt eine Seite anders als die andere? Oder war nicht klar, dass die neue Frisur tägliches Föhnen verlangt?
Die Beschreibung des Problems verändert die Beratung. Eine allgemeine Unzufriedenheit wird zu etwas, das gemeinsam besprochen werden kann.
Im Kapitel zur Beratung verbindet die Autorin den Frisurenwunsch deshalb mit konkreten Alltagsfragen:
- Welche Länge wird gebraucht? Müssen sich die Haare beispielsweise für Beruf oder Sport zusammenbinden lassen?
- Wie viel Styling ist realistisch? Wie viel Zeit möchte die Kundin morgens aufwenden, und welche Geräte kann sie sicher nutzen?
- Wie soll die Farbe herauswachsen? Passt der gewünschte Look zu den geplanten Abständen zwischen Salonbesuchen?
Was ist bereits mit dem Haar passiert? Welche bisherigen Farbbehandlungen oder anderen chemischen Anwendungen müssen bei der Planung berücksichtigt werden?
Damit rückt die Beratung über das Ergebnis direkt nach dem Termin hinaus. Jeßke möchte, dass Kundinnen vorab verstehen, welche Arbeit eine Frisur zu Hause verlangt. Was der Profi mit Bürste und Föhn mühelos gestaltet, muss im eigenen Badezimmer erst einmal gelingen können.
Vertrauen bedeutet nicht, auf Fragen zu verzichten
„Mach einfach, du bist der Profi.“ Auch dieser Satz erhält im Buch eine eigene Betrachtung. Jeßke erkennt darin Vertrauen, weist aber darauf hin, dass er ebenso aus Unsicherheit entstehen kann. Vielleicht weiß die Kundin noch nicht, was ihr steht oder welche Veränderung sie möchte.
Für die Fachkraft folgt daraus ein Auftrag: nachfragen und erklären, was sie vorhat. Freie Hand ist für Jeßke kein Grund, ohne eingehende Beratung zu beginnen.
Auch Pflegeempfehlungen gehören in ihrem Verständnis zum Gespräch. Die Autorin beschreibt, wie sie während der Behandlung erläutert, welche Produkte sie verwendet und warum. Der Gedanke dahinter: Kundinnen sollen die einzelnen Schritte nachvollziehen und wissen, wie sie ihre Haare anschließend zu Hause pflegen und stylen können.
„DER HAIR CODE“ ergänzt diese Alltagssituationen um Kapitel zu Schnittformen, Farben, Locken, Haarverlängerungen und alphabetisch geordneten Friseurbegriffen. Das Buch bietet damit sowohl Gesprächsimpulse als auch Erklärungen zum Nachschlagen.
Ein gemeinsames Bild, bevor die Schere angesetzt wird
Jeßkes Anliegen reicht über das Lernen von Fachvokabular hinaus. Sie möchte, dass Kundinnen ihre Wünsche genauer beschreiben können und Friseurinnen ihre Vorschläge verständlich machen. Beide Seiten tragen dazu bei, Erwartungen zu klären.
Der Maßstab für eine gelungene Beratung ist entsprechend konkret: Wissen beide, welche Veränderung geplant ist? Ist der Aufwand für Pflege und Styling besprochen? Und passt das Ergebnis zu dem Menschen, der es anschließend tragen wird?
Der erste Schnitt setzt dann eine Entscheidung um, die zuvor gemeinsam getroffen wurde. Genau darin liegt der „Hair Code“ dieses Buches: eine Sprache zu finden, in der aus einem Wunsch eine nachvollziehbare Vereinbarung wird.