Wenn das Haustier stirbt: Warum Tiertrauer auch für Unternehmen zum Wirtschaftsfaktor wird
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Wenn ein geliebtes Haustier stirbt, verlieren Menschen häufig weit mehr als „nur“ einen Hund, eine Katze oder ein Pferd. Sie verlieren einen langjährigen Begleiter, einen festen Bestandteil ihres Alltags und manchmal sogar eine ihrer wichtigsten emotionalen Bezugspersonen. Die Trauer kann entsprechend tief sein.
Trotzdem wird Tiertrauer gesellschaftlich noch immer unterschätzt. Im beruflichen Umfeld zeigt sich das besonders deutlich: Betroffene entschuldigen sich teilweise sogar dafür, dass sie nach dem Tod ihres Tieres nicht so leistungsfähig sind wie gewohnt.
Dabei betrifft Tiertrauer nicht ausschließlich das Privatleben. Sie kann sich auf Konzentration, Leistungsfähigkeit und das gesamte soziale Umfeld eines Menschen auswirken – und wird damit auch für Unternehmen zu einem relevanten Thema.
Die Diplom-Psychologin, Tierpsychologin und Autorin Dr. Anne Christina Mess beschäftigt sich intensiv mit der Trauer nach dem Verlust eines Tieres. Sie zeigt, warum Unternehmen, Vereine und Verbände dieses Thema ernst nehmen sollten und wie Menschen Trauernden angemessen begegnen können.
Wenn ein Tier stirbt, verschwindet ein Teil des gewohnten Lebens
Ein Tier begleitet seinen Menschen häufig über viele Jahre. Gemeinsame Routinen entstehen, der Alltag richtet sich teilweise nach ihm und zwischen Mensch und Tier entwickelt sich eine enge emotionale Beziehung.
Stirbt das Tier, endet diese Beziehung nicht einfach in dem Moment, in dem das Tier nicht mehr da ist.
Dr. Anne Christina Mess beschreibt im Gespräch Situationen, die auch aus der Trauer um Menschen bekannt sind: Betroffene glauben beispielsweise für einen kurzen Moment, das vertraute Tapsen ihres Tieres zu hören. Pferdebesitzer können meinen, das Wiehern ihres Pferdes wahrzunehmen. Erst unmittelbar danach setzt wieder die Erkenntnis ein, dass das Tier nicht mehr da ist.
Gerade deshalb hält sie einen Vergleich mit menschlicher Trauer grundsätzlich für angebracht. Die Bindung an ein Tier könne sehr eng sein. Entsprechend real sei auch der Schmerz, wenn diese Bindung durch den Tod unterbrochen wird.
Warum sich Menschen für ihre Tiertrauer rechtfertigen
Neben dem eigentlichen Verlust wartet auf Betroffene häufig ein weiteres Problem: Ihr Umfeld erkennt ihre Trauer nicht vollständig an.
Aussagen wie „Es war doch nur ein Hund“ oder der gut gemeinte Hinweis, man könne sich schließlich ein neues Tier aus dem Tierheim holen, können den Schmerz zusätzlich verstärken.
Auch am Arbeitsplatz führt diese gesellschaftliche Haltung dazu, dass Betroffene ihre eigene Trauer herunterspielen. Im Interview wird das Beispiel einer Mitarbeiterin genannt, deren Katze gestorben war und die sich dafür entschuldigte, deshalb neben sich zu stehen.
Genau hier zeigt sich ein entscheidendes Problem: Wer das Gefühl bekommt, die eigene Trauer erklären oder sogar rechtfertigen zu müssen, trägt neben dem Verlust zusätzlich den Druck, möglichst schnell wieder „normal“ funktionieren zu müssen.
Dabei können gerade Tiere für einzelne Menschen eine außerordentlich wichtige soziale Funktion übernehmen. Dr. Anne Christina Mess verweist beispielsweise auf ältere Menschen, für die ein Hund oder eine Katze ein zentraler Ansprechpartner im Alltag sein kann. Stirbt dieses Tier, kann ein wesentlicher Teil der bisherigen Lebensstruktur wegbrechen.
Tiertrauer als Wirtschaftsfaktor: Warum Unternehmen hinschauen sollten
Tiertrauer ist zunächst ein menschliches und emotionales Thema. Sie besitzt aber auch eine wirtschaftliche Dimension.
Denn Trauer endet nicht automatisch an der Bürotür.
Ist ein Mitarbeiter nach dem Tod seines Tieres emotional stark belastet, kann darunter zumindest zeitweise auch seine Leistungsfähigkeit leiden. Konzentration und Belastbarkeit können beeinträchtigt sein. Aus einem vermeintlich privaten Thema wird damit eine Angelegenheit, die auch Unternehmen betrifft.
Besonders sichtbar wird dieser Zusammenhang beim Bürohund.
Immer mehr Menschen dürfen ihren Hund mit zur Arbeit nehmen. Davon profitiert nach Einschätzung von Dr. Anne Christina Mess nicht ausschließlich der Hundehalter. Sie verweist darauf, dass Hunde durch ihre Anwesenheit Ruhe in ein Arbeitsumfeld bringen können.
Über längere Zeit kann ein solcher Hund dadurch gewissermaßen Teil des Teams werden.
Stirbt er, trauert möglicherweise nicht allein sein Besitzer. Auch Kollegen können emotional betroffen sein. Die Auswirkungen eines einzelnen Verlustes können sich somit auf mehrere Menschen innerhalb eines Unternehmens erstrecken.
Unternehmen sollten Tiertrauer deshalb nicht als nebensächliches Privatproblem betrachten. Wo Menschen emotional belastet sind, können sich schließlich auch Auswirkungen auf deren Arbeit zeigen.
Trauer braucht keine perfekte Antwort
Doch wie sollte ein Kollege, eine Führungskraft oder ein Arbeitgeber reagieren, wenn ein Mitarbeiter sein Tier verloren hat?
Nach Ansicht von Dr. Anne Christina Mess ist dafür kein komplizierter Gesprächsleitfaden notwendig. Entscheidend ist zunächst ehrliche Anteilnahme.
Eine einfache Frage wie „Wie geht es dir?“ kann bereits einen wichtigen Unterschied machen.
Das gilt selbst dann, wenn das Gegenüber selbst keine besondere Beziehung zu Tieren besitzt. Es muss nicht nachvollziehen können, warum jemand intensiv um einen Hund, eine Katze oder ein Pferd trauert. Entscheidend ist vielmehr, anzuerkennen, dass der Verlust für diesen Menschen eine große Bedeutung besitzt.
Auch Fragen wie „Was bedeutet dieser Verlust für dich?“ können eine Brücke bauen.
Damit verändert sich die Perspektive. Es geht nicht darum, den Wert eines Tieres von außen zu beurteilen, sondern den Schmerz des betroffenen Menschen wahrzunehmen.
Tiertrauer in Unternehmen, Vereinen und Verbänden sichtbar machen
Ein professioneller Umgang mit Tiertrauer bedeutet nicht, dass Unternehmen jeden Trauerprozess therapeutisch begleiten müssen.
Es bedeutet zunächst, das Thema überhaupt ernst zu nehmen.
Führungskräfte und Teams können ein Umfeld schaffen, in dem ein Mitarbeiter nicht das Gefühl bekommt, sich für seine Emotionen entschuldigen zu müssen. Gerade bei langjährigen Haustieren oder einem Bürohund kann es sinnvoll sein, den Verlust anzuerkennen und dem betroffenen Menschen Raum zu geben.
Auch Vereine und Verbände können mit Tiertrauer konfrontiert werden. Das gilt insbesondere dort, wo Tiere selbst ein wesentlicher Bestandteil des gemeinsamen Lebens oder der Tätigkeit sind.
Hinzu kommen Berufsgruppen, die regelmäßig unmittelbar mit dem Tod von Tieren konfrontiert werden. Dr. Anne Christina Mess nennt beispielsweise Tierärzte, die nach dem Tod eines Tieres vor der Herausforderung stehen können, angemessen mit den trauernden Haltern zu sprechen.
Damit wird deutlich: Kompetenz im Umgang mit Tiertrauer ist in unterschiedlichen beruflichen und gesellschaftlichen Kontexten relevant.
„Emmas Sternenreise“: Kindern einen Zugang zur Tiertrauer ermöglichen
Dr. Anne Christina Mess beschäftigt sich nicht nur mit Erwachsenen und Organisationen. Mit ihrem Buch „Emmas Sternenreise“, das nach ihren Angaben in fünf Sprachen übersetzt wurde, widmet sie sich insbesondere Kindern zwischen vier und zehn Jahren.
Im Mittelpunkt steht das Mädchen Emma, dessen Meerschweinchen stirbt. Emma ist traurig über den Verlust. In der Nacht erscheint ein Fantasiewesen und nimmt sie mit auf eine Reise zu den Sternen, wo sie ihrem Meerschweinchen wieder begegnet.
Die Geschichte schafft damit einen kindgerechten Zugang zu Themen wie Abschied, Trauer und Loslassen.
Das Buch geht jedoch über die eigentliche Erzählung hinaus. Ein weiterer Teil bietet Kindern abhängig von ihrem Alter Möglichkeiten, selbst etwas zu gestalten. Zusätzlich erhalten Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen Informationen, Gedanken und psychologisches Hintergrundwissen, das ihnen bei der Begleitung trauernder Kinder helfen soll.
Damit richtet sich der Blick nicht ausschließlich auf das trauernde Kind, sondern auch auf die Menschen, die in dieser Situation Orientierung geben müssen.
Fazit: Tiertrauer verdient auch im Berufsleben Aufmerksamkeit
Der Tod eines Haustieres ist für viele Menschen ein einschneidendes Erlebnis. Wie tief dieser Verlust empfunden wird, lässt sich nicht daran messen, ob ein Mensch oder ein Tier gestorben ist. Entscheidend ist die individuelle Bindung.
Genau deshalb sollte Tiertrauer auch dort ernst genommen werden, wo bisher häufig wenig darüber gesprochen wird: am Arbeitsplatz, in Unternehmen, Vereinen und Verbänden.
Wenn Trauer Konzentration, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit beeinflusst, besitzt das Thema neben seiner menschlichen auch eine wirtschaftliche Dimension. Noch wichtiger ist jedoch die Frage, welche Kultur ein Unternehmen im Umgang mit seinen Mitarbeitern leben möchte.
Oft braucht es dafür keine großen Programme. Aufrichtige Anteilnahme, eine offene Frage und die Bereitschaft zuzuhören können bereits entscheidend sein.
Dr. Anne Christina Mess setzt sich dafür ein, Tiertrauer sichtbar zu machen und Menschen sowie Organisationen einen angemessenen Umgang damit zu vermitteln.
Denn wer einen tierischen Begleiter verliert, sollte sich nicht auch noch dafür entschuldigen müssen, um ihn zu trauern.