Altersvorsorgedepot 2027: Was die neue staatlich geförderte Altersvorsorge für Verbraucher verändert
Expertenprofil von Martin Gattung anzeigenDie private Altersvorsorge in Deutschland steht vor einer grundlegenden Veränderung. Mit dem neuen Altersvorsorgedepot (AVD) soll die staatlich geförderte Altersvorsorge moderner, flexibler und stärker auf renditeorientierte Kapitalanlagen ausgerichtet werden. Aktien, Fonds und ETFs spielen dabei künftig eine wesentlich größere Rolle.
Doch mit den neuen Möglichkeiten entstehen auch neue Entscheidungen. 100 Prozent Garantie, 80 Prozent Garantie oder überhaupt keine Garantie? Standarddepot, Versicherung oder ETF-Sparplan? Und wie hoch fällt die staatliche Förderung tatsächlich aus?
Martin Gattung, Gründer und Geschäftsführer der Aeiforia GmbH, ordnet in der Sendereihe Vorsorge. Einfach. Besser die geplanten Veränderungen ein und macht deutlich: Die Reform eröffnet Verbrauchern neue Chancen – gleichzeitig steigt jedoch der Bedarf, die eigene Altersvorsorge ganzheitlich zu betrachten.
Was ist das Altersvorsorgedepot?
Das Altersvorsorgedepot, kurz AVD, ist ein zentraler Bestandteil der neuen privaten geförderten Altersvorsorge. Der Begriff kann allerdings leicht einen falschen Eindruck vermitteln. Denn die staatliche Förderung soll sich nicht ausschließlich auf klassische Depotlösungen beschränken.
Auch andere Formen der privaten Altersvorsorge können Bestandteil des neuen Systems sein. Dazu gehören beispielsweise Spar- und Versicherungsverträge. Damit wird nicht lediglich ein neues Depot geschaffen, sondern die bestehende staatlich geförderte private Altersvorsorge umfassend weiterentwickelt. Ein wesentlicher Gedanke dahinter ist, Verbrauchern mehr Möglichkeiten bei der Kapitalanlage zu eröffnen.
Aktien und ETFs sollen stärker gefördert werden
Einer der größten Unterschiede zum bisherigen Riester-System liegt in der Kapitalanlage.
Die bisherige Beitragsgarantie stellte Anbieter vor eine besondere Herausforderung: Eingezahlte Beiträge und Zulagen mussten zum Beginn der Auszahlungsphase vollständig zur Verfügung stehen. Eine solche Garantie begrenzt jedoch die Möglichkeiten, langfristig stärker in renditeorientierte Anlageklassen zu investieren. Mit der neuen privaten Altersvorsorge soll sich das ändern.
Vorgesehen sind drei unterschiedliche Garantiemodelle:
- 100 Prozent Garantie
- 80 Prozent Garantie
- ohne Garantie
Insbesondere die Variante ohne Garantie soll größere Spielräume für Anlagen in Aktien, ETFs, Fonds und andere Wertpapiere schaffen.
Damit können Verbraucher stärker selbst entscheiden, welches Verhältnis zwischen Sicherheit und Renditechancen zu ihrer persönlichen Situation passt.
Genau diese Wahlfreiheit macht die neue Altersvorsorge interessant – aber auch komplexer. Denn eine höhere Renditechance bedeutet grundsätzlich auch, dass Wertschwankungen und Verlustrisiken stärker berücksichtigt werden müssen.
Das Standarddepot soll Kosten begrenzen
Neben höheren Renditechancen verfolgt die Reform ein weiteres Ziel: Die Kosten der privaten Altersvorsorge sollen transparenter und begrenzter werden.
Anbieter eines Altersvorsorgedepots sollen deshalb auch ein standardisiertes Produkt anbieten. Für dieses Standarddepot ist eine Kostenbegrenzung vorgesehen. Laut den von Martin Gattung erläuterten Regelungen sollen maximal ein Prozent des Guthabens pro Jahr als Kosten anfallen. Ein Grund für diese Kostenbegrenzung ist der weitgehend digitale Abschluss.
Verbraucher, die sich ausreichend mit Kapitalanlage und Altersvorsorge auskennen, sollen auf eine persönliche Beratung verzichten und das Produkt elektronisch abschließen können. Dadurch öffnet sich der Markt zugleich für eine Anbietergruppe, die bei privaten Anlegern in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat: Neobroker. Über solche Anbieter könnten künftig beispielsweise staatlich geförderte ETF-Sparpläne innerhalb eines Altersvorsorgedepots angeboten werden.
Sicherheit oder Rendite: Verbraucher bekommen mehr Wahlfreiheit
Die neue Struktur führt zu einer grundsätzlichen Frage: Wie viel Sicherheit benötigt die eigene Altersvorsorge?
Eine Person mit langer Ansparphase und entsprechender Risikobereitschaft kann zu einer anderen Entscheidung kommen als jemand, der nur noch wenige Jahre bis zum Ruhestand hat. Martin Gattung betont deshalb, dass es den einen typischen Verbraucher nicht gibt. Alter, Einkommen, familiäre Situation, vorhandenes Vermögen, bestehende Rentenansprüche und die verbleibende Zeit bis zum Ruhestand können erheblichen Einfluss darauf haben, welche Lösung sinnvoll erscheint. Das Altersvorsorgedepot sollte deshalb nicht isoliert betrachtet werden.
Anbieterwechsel sollen einfacher werden
Mehr Wettbewerb entsteht nicht nur durch neue Anbieter und Anlageformen. Auch ein späterer Wechsel soll erleichtert werden.
Nach den neuen Regelungen soll ein Anbieterwechsel nach fünf Jahren möglich sein, ohne dass der bisherige Anbieter dafür zusätzliche Wechselkosten verlangen darf.
Damit verfolgt die Reform mehrere Ziele gleichzeitig:
- mehr Transparenz,
- niedrigere Kosten,
- mehr Wettbewerb und eine größere Auswahl für Verbraucher.
Gerade bei einer Altersvorsorge, die möglicherweise mehrere Jahrzehnte läuft, kann eine solche Flexibilität relevant werden. Trotzdem sollte die Möglichkeit zum Wechsel nicht mit kurzfristigem Handeln verwechselt werden. Altersvorsorge bleibt eine langfristige Entscheidung.
Warum Geringverdiener genauer hinschauen sollten
Ein besonders wichtiger Bestandteil der Reform ist die staatliche Förderung. Dabei spielt die Förderung für Kinder eine wichtige Rolle. Damit kann die neue Systematik für verschiedene Haushalte attraktive Fördermöglichkeiten schaffen. Martin Gattung weist allerdings auch auf eine wichtige Einschränkung hin: Eine höhere maximale Förderung bedeutet nicht automatisch, dass jede Person gegenüber dem bisherigen System bessergestellt wird.
Gerade bei Menschen mit sehr niedrigem Einkommen sieht Martin Gattung einen kritischen Punkt. Im bisherigen System konnte bereits mit einem vergleichsweise geringen Eigenbeitrag eine hohe Förderquote erreicht werden. Nach der neuen Systematik soll der Mindestbeitrag höher ausfallen. Wer nur geringe Beiträge leisten kann, erhält die Förderung entsprechend anteilig. Besonders relevant kann dieser Aspekt für Menschen sein, deren Erwerbsbiografie durch Teilzeitarbeit oder Kindererziehung geprägt ist. Deshalb reicht es nicht, ausschließlich die maximale staatliche Förderung zu betrachten. Entscheidend ist vielmehr, wie hoch der notwendige Eigenbeitrag ist und welche Förderung sich daraus für die individuelle Lebenssituation tatsächlich ergibt.
Warum Beratung trotz digitaler Angebote wichtig bleiben kann
Ein Altersvorsorgedepot lässt sich künftig möglicherweise mit wenigen Klicks abschließen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Entscheidung einfach ist. Martin Gattung empfiehlt Verbrauchern, sich vor einem Abschluss umfassend zu informieren und insbesondere die Kosten zu hinterfragen.
Dabei geht es nicht nur um die laufenden Produktkosten. Auch mögliche Beratungs-, Abschluss- und Verwaltungskosten sollten transparent betrachtet werden. Wer auf Beratung verzichtet und beispielsweise direkt über einen Neobroker abschließt, übernimmt diese Analyse selbst. Dazu gehört auch, die gewählte Kapitalanlage langfristig im Blick zu behalten. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Welches Produkt bietet die höchste Renditechance? Vielmehr muss die private Altersvorsorge zur gesamten finanziellen Situation passen.
Die vier Säulen einer ganzheitlichen Altersvorsorge
Martin Gattung betrachtet Altersvorsorge deshalb übergreifend. Für eine langfristige Strategie sollten aus seiner Sicht vier Bereiche zusammenspielen:
- gesetzliche Rente
- betriebliche Altersvorsorge
- private Altersvorsorge
- Eigentum beziehungsweise Wohneigentum
Das neue Altersvorsorgedepot ist innerhalb dieses Modells lediglich ein Baustein. Eine sinnvolle Entscheidung entsteht erst dann, wenn geklärt wird, welche Ansprüche bereits bestehen, welche Versorgungslücken vorhanden sind und welchen Beitrag die private Vorsorge zum gewünschten Lebensstandard im Alter leisten soll.
Genau hier zeigt sich die Kehrseite der größeren Flexibilität: Je mehr Möglichkeiten Verbraucher bekommen, desto wichtiger wird eine fundierte Auswahl und Beratung.
Altersvorsorge ist kein kurzfristiger Sparvertrag
Ein Punkt ist Martin Gattung besonders wichtig: Altersvorsorge muss langfristig gedacht werden. Er rät daher:
- Die Möglichkeit, Anbieter oder Anlageformen zu wechseln, sollte nicht dazu verleiten, die Altersvorsorge wie ein kurzfristig verfügbares Sparkonto zu betrachten.
- Wer Vermögen für den Ruhestand aufbaut, verfolgt ein Ziel, das Jahrzehnte in der Zukunft liegen kann. Kurzfristige Konsumwünsche sollten deshalb nicht die langfristige Vorsorgestrategie bestimmen.
- Gerade bei kapitalmarktorientierten Anlagen ist dieser langfristige Horizont relevant. Schwankungen gehören zu Aktien- und Wertpapieranlagen dazu. Wer langfristig investiert, benötigt deshalb nicht nur eine passende Strategie, sondern auch die Bereitschaft, an dieser Strategie festzuhalten.
Fazit: Das Altersvorsorgedepot schafft Chancen – aber keine Universallösung
Mit dem Altersvorsorgedepot verändert sich die staatlich geförderte private Altersvorsorge deutlich:
- Aktien, ETFs und Fonds erhalten mehr Raum,
- unterschiedliche Garantiestufen ermöglichen eine individuellere Gewichtung von Sicherheit und Renditechancen und
- standardisierte Produkte sollen den Wettbewerb und den Kostendruck erhöhen.
Für Verbraucher entsteht dadurch eine größere Auswahl. Genau diese Auswahl macht eine sorgfältige Beschäftigung mit der eigenen Altersvorsorge jedoch umso wichtiger. Eine Person mit 30 Jahren Anlagehorizont benötigt möglicherweise eine völlig andere Strategie als jemand kurz vor dem Ruhestand. Ebenso können Einkommen, Kinder, bestehende Rentenansprüche und Wohneigentum die Entscheidung beeinflussen.
Martin Gattung macht deshalb deutlich, dass das neue Altersvorsorgedepot nicht losgelöst von der gesamten Vorsorgesituation betrachtet werden sollte. Die zentrale Frage lautet nicht, welches neue Produkt grundsätzlich das beste ist. Entscheidend ist, welche Kombination aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge sowie möglichem Wohneigentum zur individuellen Lebenssituation passt. Die neue private Altersvorsorge schafft dafür zusätzliche Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen, bleibt jedoch eine langfristige und individuelle Entscheidung.