Als Paar getrennt, als Eltern verbunden: „100 Herausforderungen der Trennung“ über Kinder, Konflikte und klare Entscheidungen

Redaktion


Als Paar getrennt, als Eltern verbunden: „100 Herausforderungen der Trennung“ über Kinder, Konflikte und klare Entscheidungen
Foto: Justin Bockey

Die Beziehung ist zu Ende, doch der gemeinsame Alltag als Eltern muss weiter organisiert werden. In „100 Herausforderungen der Trennung“ zeigen Tatjana Michaelis und Jacqueline Steiner, welche Fragen dabei leicht übersehen werden: von der Übergabe der Kinder bis zu Ferien, Kommunikationsregeln und persönlichen Grenzen. Die beiden Trennungsberaterinnen verbinden konkrete Alltagssituationen mit Reflexionsfragen, die helfen sollen, Entscheidungen bewusst zu treffen.

Ein Abholtermin ist noch kein Paargespräch

„Wann holst du die Kinder?“ Eine organisatorische Frage, die nach einer Trennung weit mehr auslösen kann als eine Uhrzeit. Im Buch beschreiben die Autorinnen, wie alte Verletzungen in alltäglichen Nachrichten mitschwingen. Plötzlich wird über Zuverlässigkeit, Schuld oder vergangene Enttäuschungen gestritten, obwohl zunächst nur der nächste Nachmittag geregelt werden sollte.

Michaelis und Steiner stellen dazu eine Frage, die ihren Ansatz auf den Punkt bringt:

„Sprechen wir miteinander, um uns zu organisieren, oder um uns weiterhin emotional aneinander abzuarbeiten?“

Die Unterscheidung zwischen Paar- und Elternebene zieht sich durch das Buch. Eine Beziehung kann beendet sein, während Entscheidungen über Betreuung, Schule und Gesundheit weiterhin Abstimmung verlangen. Dafür schlagen die Autorinnen eine neue Form der Zusammenarbeit vor: sachlich, verbindlich und auf die Kinder ausgerichtet.

Ihr Vergleich ist bewusst pragmatisch. Eltern sollen sich vorstellen, sie leiteten mit dem ehemaligen Partner ein gemeinsames Projekt: das Wohl ihrer Kinder. Welche Informationen wären dafür nötig? Welche Absprachen müssten feststehen? Und welche Vorwürfe würden die Aufgabe lediglich erschweren?

Hundert Herausforderungen statt einer Patentlösung

Tatjana Michaelis bringt unter anderem ihre Ausbildung als Trennungsberaterin und ihre Tätigkeit als Mediatorin ein. Jacqueline Steiner ist ebenfalls Trennungsberaterin sowie diplomierte psychologische Beraterin SGfB und zertifizierte Fachbeiständin. Beide beschreiben ihre berufliche und ehrenamtliche Begleitung von Menschen in Trennungssituationen als Ausgangspunkt des Buches.

Die Perspektive bleibt nah am Alltag. Neben Finanzen und Eigentum geht es um gemeinsame Haustiere, Kleidung, die nach einem Besuch nicht zurückkommt, Feiertage oder den Umgang mit neuen Partnern. Daneben stehen die leiseren Fragen: Wie lässt sich Einsamkeit aushalten? Wo braucht es Grenzen? Wie wächst das Vertrauen in die eigenen Entscheidungen wieder?

Die einzelnen Herausforderungen verbinden jeweils eine Situation, eine Reflexionsfrage und eine Perspektive auf mögliche nächste Schritte. Das Buch lässt sich deshalb gezielt dort aufschlagen, wo gerade Klärungsbedarf besteht.

Der Untertitel „Was du klären solltest, bevor andere für dich bestimmen“ beschreibt das Anliegen: Wer die eigenen Fragen kennt, kann bewusster entscheiden. Die Autorinnen möchten Orientierung geben, ohne einen einheitlichen Weg für jede Familie festzulegen.

Kinder müssen keine Seite wählen

Ein besonders prägnantes Bild verwenden Michaelis und Steiner beim Thema Loyalität:

„Die Loyalität deines Kindes gehört ihm allein. Sie ist kein Kuchen, den man aufteilen kann.“

Damit wenden sie sich gegen die Vorstellung, die Zuneigung eines Kindes müsse nach der Trennung zwischen den Eltern verteilt werden. Sie beschreiben Situationen, in denen Kinder in den Konflikt hineingezogen werden: durch abfällige Bemerkungen, Ausfragen über den anderen Haushalt oder den Versuch, mit Geschenken eine Seite attraktiver zu machen.

Ihre Empfehlung lautet, die Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil aktiv zu respektieren. Im Buch steht dafür ein einfacher Satz: „Ich freue mich, wenn du eine gute Zeit mit deinem Papa/deiner Mama hast.“

Auch die Reaktionen der Kinder betrachten die Autorinnen nicht als Aufgabe, die sich mit einer schnellen Erklärung erledigen lässt. Sie schildern Wut, Rückzug und scheinbare Unberührtheit. Statt jedes Gefühl sofort verändern zu wollen, lenken sie den Blick auf die Frage, was das Kind gerade braucht: eine Lösung oder zunächst die Erlaubnis, dieses Gefühl zu haben?

Die Haltung dahinter ist anspruchsvoll. Eltern sollen die eigenen Verletzungen wahrnehmen und zugleich darauf achten, welche Rolle sie den Kindern im Konflikt geben.

Ein Elternplan beginnt dort, wo „Wir regeln das schon“ aufhört

Die Betreuungszeiten festzulegen ist für Michaelis und Steiner erst der Anfang. Sie empfehlen einen Elternplan, der auch die weniger offensichtlichen Fragen des Alltags berücksichtigt.

Dazu zählen beispielsweise:

Feiertage und Ferien: Wie werden besondere Anlässe verteilt, und wann werden Ferienwünsche abgestimmt?
Krankheiten und Termine: Wie werden Arztbesuche, Therapien und Informationen aus der Schule organisiert?
Zusätzliche Kosten: Welche Absprachen gelten etwa für Hobbys und Klassenfahrten?
Veränderungen im Familienleben: Wie wird mit neuen Partnern oder veränderten Bedürfnissen der Kinder umgegangen?
Der Wert solcher Absprachen liegt in ihrer Konkretheit. „Du kümmerst dich darum“ lässt offen, was genau erwartet wird und bis wann. Ein benanntes Ergebnis mit einem vereinbarten Termin gibt beiden Seiten eine gemeinsame Grundlage.

Gleichzeitig behandeln die Autorinnen Vereinbarungen als anpassbar. Kinder werden älter, Schulwege ändern sich, neue Arbeitszeiten entstehen. Ein Plan soll den Alltag abbilden; er muss deshalb überprüft werden können, wenn die Voraussetzungen nicht mehr passen.

Die Haustür ist kein Ort für Grundsatzdebatten

An der Übergabe der Kinder wird die Verbindung zwischen Organisation und Haltung besonders anschaulich. Für die Autorinnen ist dieser Moment eine sensible Schnittstelle zwischen zwei Haushalten. Ihre Leitfrage lautet: Mit welchen Gefühlen soll das Kind zum anderen Elternteil wechseln?

Sie empfehlen kurze, freundliche und sachliche Übergaben. Streitfragen über Geld, Termine oder vergangene Vorfälle gehören in ein gesondertes Gespräch. Die Haustür wird damit zur Grenze: Hier wechselt das Kind den Haushalt; hier muss nicht gleichzeitig der Paarkonflikt verhandelt werden.

Auch der Kommunikationskanal lässt sich bewusst wählen. Im Buch werden E-Mails für organisatorische Themen empfohlen, weil sie Zeit zum Nachdenken geben können. Entscheidend ist dabei die vereinbarte Form: Welche Themen werden auf welchem Weg besprochen, und wie lassen sich spontane Konfliktnachrichten vermeiden?

Aus diesen kleinen Entscheidungen entsteht die Art von Verlässlichkeit, auf die Michaelis und Steiner ihren Blick richten.

Nicht jede Uneinigkeit muss verschwinden

Das Buch fordert keine Harmonie um jeden Preis. Die Autorinnen beschäftigen sich ausdrücklich mit der Frage, wann Distanz hilfreicher sein kann als ein weiterer Versuch, sich zu einigen.

Sie unterscheiden zwischen Themen, die geregelt werden müssen, und Unterschieden, die möglicherweise bestehen bleiben können. Betreuungszeiten und finanzielle Absprachen brauchen Klarheit. Bei manchen unterschiedlichen Vorstellungen kann es dagegen entlastend sein, die Uneinigkeit anzuerkennen, statt dieselbe Debatte immer wieder zu führen.

So erhält der Titelgedanke „als Eltern verbunden“ eine konkrete Bedeutung. Gemeinsame Verantwortung setzt keine Freundschaft voraus und verlangt nicht, jede Verletzung bereits überwunden zu haben. In der Perspektive dieses Buches beginnt sie damit, den nächsten notwendigen Schritt zu klären – und die Kinder aus den ungelösten Fragen der ehemaligen Paarbeziehung herauszuhalten.