Pferdegerechter Reitunterricht: Warum Tatjana Götz bei der Ausbildung der Reitlehrer ansetzt

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Pferdegerechter Reitunterricht: Warum Tatjana Götz bei der Ausbildung der Reitlehrer ansetzt
Foto: Justin Bockey

Wenn eine Übung nicht gelingt, richtet sich der Blick schnell auf das Pferd oder den Reiter. Tatjana Götz nimmt in „Die Ausbildungsskala des Reitlehrers – Wie pferdegerechter Reitunterricht gelingt“ die Person in den Mittelpunkt, die beide anleitet. Die staatlich anerkannte Pferdewirtin und Reitlehrerin verbindet fachliches Wissen mit Beobachtung, verständlicher Vermittlung und der Verantwortung für das Pferd.

Warum stärkeres Treiben nicht immer hilft

Ein Reiter hält die Zügelhand starr und folgt dadurch nicht geschmeidig der Bewegung des Pferdes. Das Pferd kann sich weniger frei bewegen. Der Reiter deutet dies als mangelnden Vorwärtsdrang und beginnt, stärker zu treiben.

Tatjana Götz beschreibt diese Situation als Beispiel für ein Missverständnis, das sich selbst verstärken kann: Vorne wird festgehalten, während gleichzeitig mehr Bewegung gefordert wird. Das Pferd gerät zwischen widersprüchliche Einwirkungen.

Aus ihrer Sicht liegt die entscheidende Aufgabe jetzt beim Reitlehrer. Er muss erkennen, wo die Schwierigkeit beginnt, statt lediglich mehr Aktivität einzufordern. Wird die Ursache übersehen, trägt das Pferd die Folgen einer fehlerhaften Anleitung.

Diese Szene verdichtet den Ansatz des Buches. Unterrichtsqualität zeigt sich für Götz darin, Zusammenhänge zu erkennen und daraus eine passende Korrektur abzuleiten. Eine Übung anzusagen reicht dafür nicht aus.

Die dritte Person im Ausbildungssystem

Die Klassische Reitlehre ist eine Grundlage von Götz’ Arbeit. Ihr Buch richtet den Blick jedoch auf eine Frage, die sie in der üblichen Betrachtung von Pferd und Reiter zu wenig berücksichtigt sieht: Welche Fähigkeiten braucht der Mensch, der beide miteinander verbindet?

Der Reitlehrer beobachtet, erklärt und entscheidet. Er wählt eine Aufgabe, passt sie an und beurteilt, ob Pferd und Reitschüler sie gerade bewältigen können. Damit beeinflusst er, wie Ausbildung tatsächlich stattfindet.

Mit ihrer „Ausbildungsskala des Reitlehrers“ möchte Götz diese Kompetenzentwicklung systematisch beschreiben. Sie versteht das Modell als Aufbau von Fähigkeiten, die auf Wissen, Verständnis, Wahrnehmung und praktischer Erfahrung beruhen.

Die Autorin bringt dabei eine persönliche Perspektive ein. Pferde begleiten sie seit ihrer Kindheit. Eine Islandstute, die sie mit zwanzig Jahren als erstes eigenes Pferd bekam, veränderte nach ihrer Darstellung ihren Blick auf Ausbildung und Kommunikation. Daraus entwickelte sich ihr Anliegen, Pferd und Mensch individuell zu betrachten und Unterricht nicht nach einem festen Schema abzuwickeln.

Pferdegerechter Reitunterricht beginnt vor der Reitstunde

Eine ihrer zentralen Aussagen lautet:

„Reitunterricht beginnt nicht auf dem Reitplatz. Er beginnt weit davor.“

Götz nennt dafür Haltung, Fütterung und tägliche Versorgung. Diese Themen gehören für sie zum Fundament des Unterrichts. Erst wenn die Bedürfnisse des Pferdes berücksichtigt sind, lässt sich sinnvoll über seine Ausbildung und seinen Einsatz als Schulpferd sprechen.

Daraus folgt ein umfassendes Berufsverständnis. Ein Reitlehrer soll in ihrer Vorstellung Gesundheit, Verhalten, Haltung und Ausbildung miteinander in Beziehung setzen können. Seine Verantwortung beginnt nicht erst mit der ersten Anweisung im Sattel.

Das Buch verbindet diese Perspektive auch mit der Frage nach dem Aufwand hinter einer Reitstunde. Pflege, Versorgung, Training, Ausrüstung und Erholungszeiten gehören für Götz zur Leistung eines Betriebs. Wer Unterricht beurteilt, müsse deshalb mehr betrachten als die Zeit, die ein Reitschüler auf dem Pferd verbringt.

Ihre Kritik gilt Strukturen, in denen Pferde vor allem funktionieren sollen. Sie fordert Unterricht, der die Voraussetzungen des Pferdes ernst nimmt und Anforderungen daran ausrichtet.

Eine gute Anweisung muss beim Reitschüler ankommen

Fachliches Wissen ist im Buch eng mit der Fähigkeit verbunden, es verständlich zu vermitteln. Begriffe wie „Anlehnung“, „Losgelassenheit“ oder „Durchlässigkeit“ sollen mit konkreten Wahrnehmungen und Erfahrungen verknüpft werden.

Dazu bringt Götz eine Erfahrung aus einem anderen Berufsfeld ein: Sie arbeitete mehrere Jahre im technischen Support eines Softwareherstellers. Dort musste sie komplexe Sachverhalte erfassen und für unterschiedliche Gesprächspartner nachvollziehbar erklären.

Diese Übersetzungsarbeit erkennt sie auch im Reitunterricht wieder. Eine fachlich präzise Anweisung hilft erst dann weiter, wenn der Schüler versteht, was damit gemeint ist und wie er sie umsetzen kann.

Das Buch formuliert den Maßstab knapp:

„Fachsprache erfüllt ihren Zweck nur dann, wenn sie verstanden wird.“

Für Götz gehört deshalb zur Unterrichtskompetenz, Erklärungen an den Lernenden anzupassen. Der Lehrer muss wahrnehmen, welche Information gerade hilft und wann zusätzliche Worte eher überfordern.

Unterricht braucht einen Aufbau – und die Freiheit, ihn anzupassen

Götz beschreibt Lernen als einen Prozess, der auf vorhandenen Fähigkeiten aufbaut. Bekanntes bildet die Grundlage für neue Aufgaben; einfache Abläufe bereiten komplexere vor.

Der Gedanke wird in ihren Unterrichtsbeispielen konkret. Ein Anfänger soll zunächst grundlegende Zusammenhänge der Hilfengebung verstehen. Neue Lektionen werden anschließend auf dem aufgebaut, was Pferd und Reiter bereits kennen.

Eine vorbereitete Stunde bleibt dabei veränderbar. Zeigen sich Unsicherheit oder Spannung, empfiehlt die Autorin, eine Aufgabe zu vereinfachen oder in kleinere Schritte zu unterteilen. Kurze Pausen und ein abschließender Austausch gehören ebenfalls zu ihren beschriebenen Unterrichtsabläufen.

Für die Betrachtung einer Reitstunde ergeben sich daraus vier hilfreiche Fragen:

  • Passt die Aufgabe zu den Voraussetzungen? Berücksichtigt sie den aktuellen Ausbildungsstand von Pferd und Reitschüler?
  • Ist die Anleitung verständlich? Weiß der Lernende, was er tun soll und worauf er achten kann?
  • Wird die Reaktion beobachtet? Erkennt der Lehrer, wie Pferd und Reiter auf die Aufgabe reagieren?
  • Wird bei Bedarf angepasst? Gibt es kleinere Schritte, Pausen oder eine andere Erklärung, wenn etwas nicht gelingt?


Die Qualität liegt in dieser Perspektive nicht in möglichst vielen Übungen. Sie liegt in der Auswahl und Begleitung der passenden nächsten Aufgabe.


Beobachten, bevor korrigiert wird

Das Buch beschäftigt sich ausführlich mit Wahrnehmung und Bewegungsbeobachtung. Götz verlangt vom Reitlehrer Präsenz: Er soll fortlaufend verfolgen, wie sich das Pferd bewegt, wie der Reiter einwirkt und was daraus entsteht.

Dazu gehört auch die Entscheidung, wann eine Korrektur nötig ist und wann der Reitschüler Zeit für eine eigene Erfahrung braucht. Eingreifen und Abwarten sind für sie gleichermaßen bewusste Bestandteile des Unterrichts.

„Die Ausbildungsskala des Reitlehrers“ macht damit sichtbar, wie viel Verantwortung zwischen einer beobachteten Schwierigkeit und der nächsten Anweisung liegt. Im eingangs beschriebenen Beispiel kann mehr Treiben den Konflikt verstärken. Eine richtig eingeordnete feste Hand eröffnet dagegen einen anderen Ansatz.

Pferdegerechter Unterricht beginnt für Götz genau mit dieser Bereitschaft, genauer hinzusehen. Der Lehrer muss verstehen, was zwischen Pferd und Mensch geschieht – und daraus eine Anleitung entwickeln, die beiden gerecht wird.