Emotionale Kommunikation im Unternehmen: Warum Echtheit stärker verbindet als Perfektion

Linda Wolf


Emotionale Kommunikation im Unternehmen: Warum Echtheit stärker verbindet als Perfektion
Foto: Justin Bockey

Was hat die Kommunikation in einem Unternehmen mit Gesprächen am Familientisch zu tun? Auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders viel. Hier das professionelle Arbeitsumfeld mit Führungskräften, Teams, Meetings und klaren Verantwortlichkeiten, dort das private Miteinander mit all seinen persönlichen und manchmal sehr direkten Momenten.

Doch Linda Wolf, Storytelling-Speakerin und Expertin für emotionale Kommunikation, sieht eine entscheidende Gemeinsamkeit: Am Ende kommunizieren immer Menschen miteinander.

Und Menschen haben Emotionen – unabhängig davon, ob sie gerade mit der Familie am Tisch sitzen, vor einem Team sprechen oder ein Unternehmen führen. Genau deshalb plädiert Linda Wolf dafür, im beruflichen Kontext weniger auf vermeintliche Perfektion und stärker auf Echtheit zu setzen.

Emotionale Kommunikation beginnt mit Ehrlichkeit

Im Berufsalltag existieren Erwartungen. Menschen übernehmen bestimmte Rollen, erfüllen Aufgaben und müssen funktionieren. Das gehört zum Arbeitsleben dazu. Problematisch wird es aus Sicht von Linda Wolf allerdings dann, wenn dieses Funktionieren dazu führt, dass eigene Empfindungen dauerhaft unterdrückt werden.

Emotionale Kommunikation bedeutet für sie nicht, jede Emotion ungefiltert herauszulassen. Vielmehr geht es darum, ehrlich wahrzunehmen und auszudrücken, was gerade passiert.

Ein Satz wie „Das funktioniert so für mich nicht“ kann dabei bereits viel verändern. Statt Unzufriedenheit lange mit sich herumzutragen, wird sie ansprechbar. Dadurch können Reibungspunkte und Druck reduziert und gemeinsame Prozesse erleichtert werden.

Echtheit ersetzt dabei nicht die Professionalität. Sie erweitert sie um einen menschlichen Faktor.

Wie viele Emotionen dürfen im Unternehmen sein?

Gerade im beruflichen Kontext stellt sich schnell die Frage, wie viel Emotionalität überhaupt angemessen ist.

Für Linda Wolf beginnt die Antwort schon bei der Formulierung dieser Frage. Denn Emotionen sind ohnehin vorhanden. Menschen bringen Freude, Begeisterung und Motivation ebenso mit an den Arbeitsplatz wie Unsicherheit, Frustration oder Wut.

Entscheidend ist deshalb weniger, ob eine Emotion sein darf, sondern wie mit ihr umgegangen wird.

Wer beispielsweise merkt, dass die eigene Wut gerade zu stark wird, kann das benennen und sich für einen Moment aus der Situation nehmen. Statt unkontrolliert zu reagieren, könnte die Person offen sagen, dass sie gerade Abstand benötigt und das Gespräch einige Minuten später fortsetzen möchte.

Auch wenn eine emotionale Reaktion bereits stattgefunden hat, lässt sich die Situation anschließend wieder aufgreifen. Eine Person kann beispielsweise anerkennen, dass ihre Reaktion gerade zu intensiv gewesen ist.

Darin steckt ein wichtiger Gedanke: Emotionale Kompetenz bedeutet nicht, jederzeit perfekt mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Sie bedeutet auch, Verantwortung für den eigenen Ausdruck zu übernehmen.

Warum es im Unternehmen „menscheln“ darf

In einer Familie kann eine Tür zugeschlagen werden. Später wird vielleicht noch einmal das Gespräch gesucht. Linda Wolf sieht darin durchaus eine Parallele zur Arbeitswelt.

Denn auch dort verschwinden menschliche Reaktionen nicht einfach aufgrund einer Position oder Hierarchiestufe.

Ob Geschäftsführung, Führungskraft oder Mitarbeiter: Emotionen machen keinen Unterschied zwischen Organigrammen und Jobtiteln. Deshalb sollte aus ihrer Sicht auch die Möglichkeit zur ehrlichen Kommunikation nicht ausschließlich von oben nach unten funktionieren.

Vielmehr darf sich eine Unternehmenskultur entwickeln, in der Menschen aufeinander zugehen und Dinge ansprechen können.

Linda Wolf bringt diesen Gedanken auf einen einfachen Nenner: In Unternehmen darf es menscheln.

Das bedeutet nicht, dass sämtliche professionellen Grenzen verschwinden. Es bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass hinter Funktionen, Rollen und Verantwortlichkeiten immer Menschen stehen.

Unterdrückte Emotionen beginnen oft viel früher

Warum fällt es vielen Erwachsenen überhaupt schwer, ihre Gefühle offen wahrzunehmen und auszudrücken?

Linda Wolf sieht einen möglichen Ursprung bereits in der Kindheit. Ein Kind weint beispielsweise, weil ihm etwas weggenommen wurde. Erwachsene versuchen zu beruhigen und sagen sinngemäß: Das sei doch nicht schlimm, es bekomme etwas Neues.

Was gut gemeint ist, kann gleichzeitig eine andere Botschaft vermitteln: Dieses Gefühl ist gerade nicht notwendig oder sollte möglichst schnell verschwinden.

Solche Erfahrungen können nach Ansicht von Linda Wolf dazu beitragen, dass Menschen lernen, bestimmte Emotionen eher zurückzuhalten.

Aus Kindern werden Erwachsene – die erlernten Muster können jedoch bestehen bleiben. Im Berufsleben zeigt sich das möglicherweise darin, dass Ärger, Enttäuschung oder Überforderung lange unterdrückt werden, bis sich die angestaute Emotion irgendwann einen anderen Weg sucht.

Für emotionale Kommunikation ist es deshalb wichtig, nicht nur dem Gegenüber zuzuhören. Menschen dürfen auch sich selbst zuhören und die eigenen Geschichten und Überzeugungen hinterfragen.

Authentizität entsteht, wenn Ausdruck wieder erlaubt ist

Linda Wolf kennt das Thema des emotionalen Ausdrucks nicht nur aus ihrer Arbeit. Ihre Bühnen- und Schauspielerfahrung hat ihren eigenen Umgang damit geprägt.

Auch sie beschreibt, früher vieles unterdrückt zu haben. Die Bühne wurde für sie zu einem Raum, in dem Ausdruck möglich war. Dort musste sie nicht ständig darüber nachdenken, ob eine Bewegung richtig ist oder ob sie möglicherweise „zu viel“ ist.

Sie konnte einfach sein.

Genau daraus entsteht für Linda Wolf jene Echtheit, die häufig als Authentizität bezeichnet wird. Und diese Authentizität kann Verbindung schaffen.

Das ist gerade für Menschen relevant, die vor anderen sprechen – sei es auf einer Bühne, vor einer Kamera, in einem Meeting oder während einer Präsentation. Wer permanent darüber nachdenkt, wie er wirken sollte, verliert schnell den Kontakt zum eigentlichen Inhalt.

Wer hingegen aus dem eigenen Inneren spricht und hinter seiner Botschaft steht, kann natürlicher kommunizieren.

Wohin mit den Händen? Warum weniger Kontrolle helfen kann

Eine typische Frage vor Auftritten und Kameras lautet: Wohin mit den Händen?

Linda Wolfs Antwort darauf ist bemerkenswert unkompliziert: möglichst nicht darüber nachdenken.

Denn sobald Menschen beginnen, jede Bewegung bewusst kontrollieren zu wollen, kann genau diese Kontrolle sichtbar werden. Gesten wirken dann schnell konstruiert.

Spricht eine Person hingegen aus ihrem Inneren und konzentriert sich auf das, was sie tatsächlich sagen möchte, entstehen viele Bewegungen von selbst. Die Hände begleiten das Gesagte und passen sich dem Kontext an.

Dahinter steckt ein Grundprinzip, das weit über die Körpersprache hinausgeht: Authentische Kommunikation entsteht nicht dadurch, dass jeder Ausdruck perfektioniert wird.

Sie entsteht, wenn Inhalt, Emotion und Ausdruck zusammenpassen.

Emotionale Kommunikation ist keine Aufforderung zum Kontrollverlust

Der Begriff „emotionale Kommunikation“ kann leicht missverstanden werden. Er bedeutet nicht, dass Menschen am Arbeitsplatz jede Emotion ungefiltert ausleben sollten.

Vielmehr geht es darum, Gefühle wahrzunehmen, ihnen einen angemessenen Ausdruck zu geben und gegebenenfalls Verantwortung für eine Reaktion zu übernehmen.

Das kann ganz praktisch bedeuten, zu sagen:

  • „Ich merke, dass mich das gerade sehr ärgert.“
  • „Ich brauche kurz Abstand und würde das Gespräch danach gerne fortsetzen.“
  • „Ich weiß es gerade nicht.“
  • „Das funktioniert in dieser Form für mich nicht.“
  • „Meine Reaktion war gerade zu stark. Lass uns noch einmal darüber sprechen.“


Solche Aussagen machen sichtbar, was andernfalls unausgesprochen zwischen Menschen stehen würde.

Fazit: Unternehmen brauchen nicht weniger Emotionen, sondern einen bewussteren Umgang damit

Emotionen verschwinden nicht, sobald Menschen ein Büro betreten, an einem Meeting teilnehmen oder eine Führungsposition übernehmen.

Genau deshalb sieht Linda Wolf Echtheit als wesentlichen Bestandteil gelingender Kommunikation. Es geht nicht darum, im beruflichen Umfeld jede Emotion ungefiltert auszuleben. Ebenso wenig geht es darum, Gefühle dauerhaft zu unterdrücken, um einem vermeintlich professionellen Ideal zu entsprechen.

Emotionale Kommunikation schafft einen anderen Weg: wahrnehmen, was gerade da ist, ehrlich damit umgehen und einen Ausdruck finden, der Verbindung ermöglicht.

Darin ähnelt ein Unternehmen tatsächlich manchmal dem Familientisch. Menschen treffen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Erwartungen und Gefühlen aufeinander. Nicht jedes Gespräch läuft perfekt. Nicht jede Reaktion ist ideal.

Entscheidend ist, ob danach wieder miteinander gesprochen werden kann.

Linda Wolfs Perspektive zeigt damit, dass Authentizität nicht bedeutet, immer souverän und kontrolliert zu erscheinen. Manchmal zeigt sie sich gerade in einem einfachen Satz wie: „Ich merke, das war gerade zu viel.“

Denn dort, wo Menschen nicht nur funktionieren müssen, sondern auch menschlich sein dürfen, kann echte Kommunikation entstehen.

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