Führung im KI-Zeitalter: Warum künstliche Intelligenz allein nicht reicht

Bruno Weidl


Führung im KI-Zeitalter: Warum künstliche Intelligenz allein nicht reicht
Foto: Justin Bockey

Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt in einem Tempo, das Führungskräfte vor völlig neue Herausforderungen stellt. Wissen wird jederzeit verfügbar, Prozesse lassen sich automatisieren und Entscheidungen können durch intelligente Systeme vorbereitet werden. Doch bedeutet mehr künstliche Intelligenz automatisch bessere Führung?

Für Dr. Bruno Weidl, Personalberater, Headhunter und Unternehmer, lautet die Antwort klar: Nein. Gerade weil künstliche Intelligenz immer leistungsfähiger wird, gewinnen die Fähigkeiten an Bedeutung, die den Menschen auszeichnen. Führung im KI-Zeitalter braucht deshalb mehr als Technologie. Sie braucht Sinn, Menschlichkeit und ein Verständnis für den jeweiligen Kontext.

Dr. Bruno Weidl bringt diesen Ansatz auf eine Formel: Führungsintelligenz entsteht aus Purpose Intelligence, Natural Intelligence und Artificial Intelligence. Erst wenn diese drei Formen der Intelligenz miteinander verbunden werden, entsteht aus seiner Sicht eine Führung, die auch unter den Bedingungen einer sich rasant verändernden Arbeitswelt wirksam bleiben kann.

Führung im KI-Zeitalter braucht neue Erfolgsfaktoren

Wer auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblickt, erkennt relativ schnell, woran erfolgreiche Unternehmensführung häufig gemessen wurde. Effizienz, Output und Optimierung standen im Mittelpunkt. Prozesse sollten schneller, kostengünstiger und produktiver werden.

Diese Faktoren verschwinden im KI-Zeitalter nicht. Doch sie reichen nach Einschätzung von Dr. Bruno Weidl nicht mehr aus.

Künstliche Intelligenz verändert die Voraussetzungen, unter denen Unternehmen und Führungskräfte handeln. Aufgaben, die bislang Wissen, Erfahrung oder einen hohen zeitlichen Aufwand vorausgesetzt haben, können zunehmend technologisch unterstützt werden. Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt guter Führung.

Statt ausschließlich auf Effizienz und Leistung zu schauen, wird es wichtiger, fokussierter und menschlicher zu agieren.

Genau an diesem Punkt setzt das Konzept der Führungsintelligenz an.

Was bedeutet Führungsintelligenz?

Dr. Bruno Weidl versteht Führungsintelligenz nicht als einzelne Fähigkeit. Vielmehr entsteht sie durch das Zusammenspiel dreier unterschiedlicher Intelligenzen:

Purpose Intelligence × Natural Intelligence × Artificial Intelligence

Diese drei Faktoren werden miteinander multipliziert und anschließend in den jeweiligen Kontext eines Unternehmens und einer Führungssituation eingeordnet.

Das ist ein entscheidender Punkt. Denn dieselbe Art der Führung kann nicht automatisch in jedem Unternehmen funktionieren. Ein mittelständisches Unternehmen besitzt andere Strukturen, Herausforderungen und kulturelle Voraussetzungen als ein internationaler Konzern.

Führung muss deshalb immer berücksichtigen, in welchem Umfeld Entscheidungen getroffen werden.

Purpose Intelligence: Führung braucht einen Nordstern

Die erste Komponente der Führungsintelligenz ist die Purpose Intelligence.

Sie beschreibt das, was einem Menschen oder einem Unternehmen Sinn und Richtung gibt. Dr. Bruno Weidl spricht in diesem Zusammenhang vom „Nordstern“.

Gerade in einer schnelllebigen Arbeitswelt ist diese Orientierung von großer Bedeutung. Technologie kann enorme Mengen an Informationen bereitstellen und bei der Verarbeitung von Wissen unterstützen. Die Frage, wohin sich ein Unternehmen entwickeln möchte und wofür es steht, lässt sich dadurch jedoch nicht automatisch beantworten.

Purpose Intelligence schafft Orientierung.

Für Führungskräfte bedeutet das, nicht ausschließlich danach zu fragen, was technisch möglich oder kurzfristig effizient ist. Sie müssen ebenso verstehen, welches Ziel sie verfolgen und welche Bedeutung dieses Ziel für das Unternehmen und die beteiligten Menschen besitzt.

Natural Intelligence: Was den Menschen ausmacht

Der zweite Faktor ist die Natural Intelligence – die natürliche menschliche Intelligenz.

Je leistungsfähiger künstliche Intelligenz wird, desto relevanter wird die Frage, welche Rolle dem Menschen zukommt.

Dr. Bruno Weidl stellt den Menschen bewusst in den Mittelpunkt seines Führungsverständnisses. Die Fähigkeiten und Eigenschaften, die einen Menschen ausmachen, sollen durch KI nicht verdrängt, sondern wirksamer gemacht werden.

Damit verändert sich auch die Perspektive auf Technologie.

KI ist nicht das Ziel von Führung. Sie ist ein Werkzeug, das Menschen dabei unterstützen kann, ihre Fähigkeiten besser einzusetzen.

Diese Haltung findet sich auch im Titel seines Buches „Be Wonderful. Menschen großartig machen“ wieder. Der Anspruch dahinter besteht darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen ihr Potenzial entfalten und für sich selbst sowie für ihr Umfeld wirksam werden können.

Artificial Intelligence: KI als „Wissen aus der Steckdose“

Die dritte Komponente ist die Artificial Intelligence.

Dr. Bruno Weidl verwendet dafür ein besonders anschauliches Bild: Künstliche Intelligenz sei künftig vergleichbar mit „Wissen aus der Steckdose“.

Wissen, das früher schwer zugänglich oder bestimmten Personengruppen vorbehalten war, wird durch KI für sehr viele Menschen verfügbar. Für ihn entsteht dadurch eine weitreichende Demokratisierung des Wissens.

Ob ein 19-Jähriger in Mumbai oder ein 69-Jähriger in München darauf zugreift, spielt grundsätzlich keine Rolle mehr. Beide können intelligente Systeme nutzen, um Wissen zu erschließen und sich weiterzuentwickeln.

Damit verliert Wissen allein jedoch einen Teil seiner bisherigen Bedeutung als Engpassfaktor.

Die entscheidende Frage lautet zunehmend nicht mehr: Wer besitzt das Wissen?

Viel wichtiger wird: Wer kann es sinnvoll einsetzen?

Wenn Wissen kein Engpass mehr ist, verändert sich Führung

Die Demokratisierung von Wissen hat weitreichende Konsequenzen für Unternehmen.

Wenn Informationen und Wissen nahezu jederzeit verfügbar sind, verändert sich auch die Rolle einer Führungskraft. Führung kann sich weniger darüber definieren, mehr zu wissen als andere.

Stattdessen muss sie Orientierung schaffen, Zusammenhänge erkennen und Menschen dabei unterstützen, vorhandenes Wissen wirksam einzusetzen.

Für Dr. Bruno Weidl entsteht daraus zugleich eine neue Chance für das Individuum. Jeder Einzelne erhält einen wesentlich einfacheren Zugang zu Wissen und damit die Möglichkeit, die eigene Entwicklung stärker selbst in die Hand zu nehmen.

Er bezeichnet diese Entwicklung als eine Form der positiven Radikalität des Individuums.

Menschen können sich auf diejenigen Themen konzentrieren, die für sie persönlich relevant sind, ihre Fähigkeiten weiterentwickeln und daran arbeiten, ihr bestes Selbst wirksam werden zu lassen.

Warum der Kontext über gute Führung entscheidet

Purpose, menschliche Fähigkeiten und künstliche Intelligenz allein ergeben jedoch noch keine erfolgreiche Führung.

Dr. Bruno Weidl ergänzt seine Formel deshalb um einen weiteren entscheidenden Faktor: den Kontext.

Eine Führungskraft muss verstehen, in welchem Umfeld sie handelt. Dazu gehört beispielsweise, die Kultur und die DNA eines Unternehmens zu kennen.

Gleichzeitig muss sie sich fragen, ob die Stärken, die ein Unternehmen heute erfolgreich machen, auch morgen noch relevant sein werden.

Gerade angesichts der Geschwindigkeit technologischer Veränderungen ist diese Frage entscheidend. Erfolgsrezepte aus der Vergangenheit lassen sich nicht einfach fortschreiben.

Was gestern funktioniert hat, kann morgen bereits an Wirkung verlieren.

Führungsintelligenz bedeutet deshalb auch, Entwicklungen aufmerksam wahrzunehmen und das eigene Handeln kontinuierlich an den jeweiligen Kontext anzupassen.

KI in Unternehmen: Zwischen Buzzword und Unsicherheit

Obwohl künstliche Intelligenz inzwischen nahezu überall diskutiert wird, sieht Dr. Bruno Weidl im deutschsprachigen Raum weiterhin einen erheblichen Bedarf an Aufklärung.

KI ist zu einem Buzzword geworden. Gleichzeitig löst die Technologie bei vielen Menschen Ängste und Unsicherheit aus.

Genau deshalb braucht es eine klare und positive Aufklärungsarbeit.

Unternehmen sollten künstliche Intelligenz weder unkritisch glorifizieren noch ausschließlich als Bedrohung betrachten. Entscheidend ist vielmehr, zu verstehen, wie sie sinnvoll in bestehende Strukturen integriert werden kann.

Die Technologie zu „umarmen“ bedeutet dabei nicht, mögliche Risiken auszublenden. Es bedeutet, ihre Möglichkeiten zu erkennen und bewusst mit ihnen umzugehen.

Von „Be Good“ und „Be Great“ zu „Be Wonderful“

Dr. Bruno Weidl beschreibt die Entwicklung von Führung mit einem Dreiklang: Be Good, Be Great, Be Wonderful.

Während in der Vergangenheit insbesondere Leistung und Output im Mittelpunkt standen, eröffnet das KI-Zeitalter aus seiner Perspektive eine neue Möglichkeit.

Menschen können Technologie nutzen, um nicht weniger menschlich, sondern im besten Fall wirksamer menschlich zu werden.

Genau darin steckt der Gedanke von „Be Wonderful“.

Künstliche Intelligenz übernimmt nicht die gesamte Führung. Vielmehr wird sie zu einem Bestandteil eines größeren Systems. Purpose gibt die Richtung vor. Natural Intelligence bringt die menschlichen Fähigkeiten ein. Artificial Intelligence erweitert die verfügbaren Möglichkeiten.

Erst das Zusammenspiel dieser Elemente schafft eine Führungsintelligenz, die den Herausforderungen der kommenden Jahre gerecht werden kann.

Fazit: Die Zukunft der Führung ist menschlich und intelligent

Künstliche Intelligenz wird die Unternehmenswelt nachhaltig verändern. Sie macht Wissen leichter verfügbar, beschleunigt Prozesse und eröffnet Menschen neue Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu erweitern.

Doch genau diese Entwicklung macht menschliche Führung nicht überflüssig.

Im Gegenteil.

Wenn Wissen jederzeit verfügbar ist, werden Orientierung, Sinn und der richtige Umgang mit Menschen umso wichtiger. Erfolgreiche Führungskräfte müssen deshalb lernen, technologische Möglichkeiten mit menschlicher Intelligenz und einem klaren Purpose zu verbinden.

Die von Dr. Bruno Weidl formulierte Führungsintelligenz liefert dafür einen Ansatz: Purpose Intelligence × Natural Intelligence × Artificial Intelligence – eingebettet in den jeweiligen Kontext.

Die entscheidende Aufgabe der Führung im KI-Zeitalter besteht damit nicht darin, zwischen Mensch und Maschine zu wählen. Sie besteht darin, beides intelligent miteinander zu verbinden und Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen ihre Fähigkeiten bestmöglich entfalten können.

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