Lebensübergänge bewusst gestalten: Dirk Hollstein über afrikanische Weisheit und den Weg zu sich selbst

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Lebensübergänge bewusst gestalten: Dirk Hollstein über afrikanische Weisheit und den Weg zu sich selbst
Foto: Justin Bockey

Es gibt Phasen im Leben, in denen das bisherige Erfolgsrezept plötzlich nicht mehr funktioniert. Die Karriere ist gelungen, Ziele wurden erreicht, vielleicht wurde sogar ein Unternehmen aufgebaut oder verkauft – und trotzdem taucht die Frage auf: Was kommt jetzt?

Genau mit solchen Lebensübergängen beschäftigt sich Dirk Hollstein. Nach seiner eigenen Karriere als CEO entschied er sich bewusst dagegen, unmittelbar in die nächste berufliche Aufgabe zu springen. Stattdessen begann eine persönliche Suche, die ihn schließlich nach Afrika führte. Dort fand er nicht nur seine heutige Frau, sondern auch einen anderen Blick auf Veränderung, Gemeinschaft und persönliche Entwicklung.

Aus westlichem Systemdenken und afrikanischen Weisheitstraditionen entstand ein Ansatz, mit dem Dirk Hollstein heute Menschen in Umbruchphasen begleitet. Im Mittelpunkt steht eine ungewöhnliche These: Eine Krise muss nicht möglichst schnell überwunden werden. Sie kann zu einer der wertvollsten Schwellen im eigenen Leben werden.

Was sind Lebensübergänge?

Lebensübergänge sind jene Phasen, in denen das Alte bereits zu Ende geht, während das Neue noch keine klare Form angenommen hat.

Ein bisheriges Selbstverständnis funktioniert nicht mehr. Gleichzeitig fehlt die Gewissheit darüber, wie die nächste Lebensphase aussehen soll. Genau dieses Dazwischen kann Unsicherheit auslösen.

Dirk Hollstein beschreibt Menschen, die nachts wach liegen und spüren, dass es so nicht weitergehen kann – ohne bereits zu wissen, wohin der neue Weg führen wird. Auslöser dafür können berufliche Veränderungen, Sinnkrisen, ein Unternehmensverkauf oder private Umbrüche sein.

Gerade im westlichen Denken fällt der Umgang mit solchen Phasen häufig schwer. Lebensläufe sollen möglichst geradlinig verlaufen. Nach einem Rückschlag soll der Mensch schnell wieder funktionieren. Eine Pause wird dadurch leicht als Stillstand wahrgenommen.

Für Dirk Hollstein liegt genau darin ein Problem. Denn wer einen Übergang ausschließlich überwinden möchte, nutzt möglicherweise nicht das Potenzial, das in ihm steckt.

Warum Lebenskrisen eine Chance sein können

Der entscheidende erste Schritt ist deshalb ein Perspektivwechsel.

Statt einen Umbruch ausschließlich als Krise zu betrachten, versteht Dirk Hollstein ihn als Schlüsselmoment. Denn ein Übergang entscheidet nicht nur darüber, was ein Mensch als Nächstes tut, sondern kann auch beeinflussen, wer dieser Mensch anschließend ist.

Damit verändert sich die zentrale Frage.

Nicht mehr ausschließlich: Wie kommt man möglichst schnell aus dieser Situation heraus?

Sondern: Wie lässt sich diese Phase so gestalten, dass daraus eine Entwicklung hin zum eigenen Selbst entsteht?

Dieser Gedanke zieht sich durch Dirk Hollsteins Arbeit. Übergänge sollen nicht lediglich „überstanden“ werden. Sie bieten die Möglichkeit, bisherige Rollen, Ziele und Vorstellungen zu hinterfragen und sich dem anzunähern, was für die eigene nächste Lebensphase tatsächlich wichtig ist.

Was westliches Denken von afrikanischen Weisheiten lernen kann

Auf seiner Suche nach einem bewussteren Umgang mit Lebensübergängen beschäftigte sich Dirk Hollstein zunächst mit europäischen und asiatischen Traditionen. Sein Weg führte ihn unter anderem zu Meditation und unterschiedlichen Weisheitstraditionen, bevor er schließlich in Afrika das fand, wonach er gesucht hatte.

Dabei geht es ihm nicht darum, westliches Denken durch afrikanische Traditionen zu ersetzen. Vielmehr verbindet sein Ansatz unterschiedliche Perspektiven miteinander.

Besonders vier Dimensionen spielen dabei eine wichtige Rolle: Körper, Wurzeln, Gemeinschaft und Rituale.

1. Körper statt ausschließlich Kopf

Viele Menschen versuchen Veränderungen vor allem denkend zu lösen. Sie analysieren, wägen Möglichkeiten ab und suchen gedanklich nach der richtigen Entscheidung.

Dirk Hollstein stellt diesem stark kopflastigen Vorgehen die Bedeutung des Körpers gegenüber.

Identität und Bewusstsein werden nach seinem Ansatz nicht ausschließlich über Gedanken erlebt. Deshalb kann persönliche Veränderung auch bedeuten, den eigenen Körper wieder stärker wahrzunehmen und einzubeziehen.

Wie ungewohnt das sein kann, erlebte Hollstein selbst während einer Trommelzeremonie in Afrika. Während solche Zeremonien Menschen in einen veränderten Zustand führen können, stellte er bei sich zunächst fest, wie schwer es ihm fiel, die gewohnte westliche Kontrolle loszulassen.

Diese Erfahrung zeigt gleichzeitig: Ein solcher Prozess funktioniert nicht auf Knopfdruck. Veränderung braucht Übung und die Bereitschaft, sich auf neue Erfahrungen einzulassen.

2. Die eigenen Wurzeln wieder wahrnehmen

Eine weitere Dimension ist die Verbindung zur eigenen Herkunft.

Das westliche Ideal von Autonomie vermittelt schnell die Vorstellung, ein Mensch müsse seinen Weg vollständig alleine gehen. Dabei können Familie, Herkunft und vorherige Generationen Teil der eigenen Identität sein.

Die Beschäftigung mit diesen Wurzeln kann deshalb gerade in Übergangsphasen Orientierung geben.

Es geht nicht darum, in der Vergangenheit zu verharren. Vielmehr entsteht die Frage, aus welchem Fundament heraus die nächste Lebensphase gestaltet werden soll.

3. Gemeinschaft statt Einzelkämpfertum

Ein zentraler Gedanke, den Dirk Hollstein aus afrikanischen Traditionen aufgreift, lautet sinngemäß: „Ich bin, weil wir sind.“

Damit steht ein Menschenbild im Mittelpunkt, das persönliche Entwicklung nicht isoliert betrachtet.

Während Krisen im westlichen Kontext häufig als individuelle Aufgabe verstanden werden, kann Gemeinschaft einen Übergang tragen. Andere Menschen werden damit nicht nur zu Beobachtern oder Ratgebern. Sie können Bestandteil des Veränderungsprozesses sein.

Gerade für Menschen, die beruflich lange Verantwortung getragen und gelernt haben, Probleme selbst zu lösen, kann diese Perspektive eine grundlegende Veränderung bedeuten.

4. Rituale markieren den Übergang

Die vierte Dimension sind Rituale.

Dirk Hollstein beschreibt sie als Möglichkeit, unterschiedliche Lebensphasen bewusst voneinander zu trennen: Das alte Leben endet, eine Übergangsphase beginnt und schließlich wird auch der Eintritt in etwas Neues sichtbar markiert.

Im modernen Berufsleben fehlen solche bewussten Übergänge häufig.

Ein Job endet am Freitag und der nächste beginnt am Montag. Ein Unternehmen wird verkauft und kurz darauf wird nach dem nächsten Projekt gesucht. Kaum ist ein Ziel erreicht, wartet bereits das nächste.

Ein Ritual schafft dagegen einen bewussten Moment des Abschlusses und des Neubeginns.

Wenn beruflicher Erfolg plötzlich nicht mehr genügt

Besonders relevant wird dieser Ansatz für Menschen in der zweiten Lebenshälfte.

Dirk Hollstein begegnet Menschen, die beruflich vieles erreicht haben und trotzdem feststellen, dass äußerer Erfolg allein keine zufriedenstellende Antwort mehr liefert.

Karriere, Status oder finanzieller Erfolg können lange starke Orientierungspunkte sein. Werden diese Ziele erreicht oder verlieren sie ihre Bedeutung, entsteht manchmal eine Leerstelle.

Die Frage lautet dann nicht mehr: Wie kann noch mehr erreicht werden?

Sie verändert sich zu: Was ist tatsächlich wichtig?

Dirk Hollstein kennt diese Situation aus seinem eigenen Leben. Nach dem Ende seines letzten CEO-Jobs spürte er, dass der direkte Wechsel in die nächste Position für ihn nicht die richtige Antwort war. Stattdessen nahm er die entstandene Schwelle ernst und begann, sich mit Übergängen und unterschiedlichen kulturellen Traditionen auseinanderzusetzen.

Aus dem nach außen gerichteten Weg wurde zunehmend ein Weg nach innen.

Warum eine Pause kein Stillstand sein muss

Gerade im beruflichen Kontext wird eine Pause schnell kritisch betrachtet. Die berühmte „Lücke im Lebenslauf“ soll erklärt werden. Kontinuität gilt als Stärke, Unterbrechung dagegen häufig als Problem.

Die Perspektive von Dirk Hollstein dreht dieses Verständnis um.

Eine Pause kann ein Raum sein, in dem eine alte Identität abgelegt wird, bevor eine neue entsteht. Wer diesen Raum sofort wieder füllt, nimmt sich möglicherweise die Gelegenheit, grundsätzliche Fragen zu stellen.

Was soll bleiben?

Was darf enden?

Welche Vorstellungen vom eigenen Leben wurden übernommen, ohne jemals wirklich hinterfragt worden zu sein?

Und wie soll die nächste Lebensphase aussehen?

Damit wird die Übergangsphase selbst zu einem Teil der Entwicklung und nicht lediglich zu einem störenden Zwischenzustand.

Umoya: Westliches Systemdenken trifft afrikanische Weisheit

Diese Erfahrungen bringt Dirk Hollstein heute gemeinsam mit seiner Frau in seine Arbeit ein.

Der Ansatz verbindet die Struktur westlichen Denkens mit Perspektiven aus afrikanischen Weisheitstraditionen. Körperliche Erfahrung, Herkunft, Gemeinschaft und Rituale ergänzen dabei die rationale Reflexion.

Entscheidend ist, dass daraus kein Versprechen auf eine schnelle Transformation entsteht. Hollsteins eigene Erfahrung mit afrikanischen Zeremonien verdeutlicht vielmehr, dass Menschen ihre gewohnten Denk- und Verhaltensweisen nicht einfach innerhalb weniger Minuten ablegen.

Persönliche Entwicklung bleibt ein Prozess.

Doch gerade darin liegt ein wesentlicher Unterschied zum Wunsch, eine Krise möglichst effizient zu „lösen“. Der Übergang bekommt Zeit und Bedeutung.

Der Weg nach innen als nächste Form des Erfolgs

Dirk Hollsteins Geschichte zeigt eine Perspektive auf Erfolg, die über Karriere und Status hinausgeht.

In der ersten Lebenshälfte geht es für viele Menschen darum, etwas aufzubauen. Ausbildung, Beruf, Unternehmen, Familie, finanzielle Sicherheit oder gesellschaftliche Position bestimmen einen großen Teil der Aufmerksamkeit.

Irgendwann kann jedoch die Frage entstehen, ob das Erreichte noch mit dem Menschen übereinstimmt, der man inzwischen geworden ist.

Dann beginnt möglicherweise eine andere Form der Entwicklung.

Nicht höher, schneller und weiter – sondern näher zu sich selbst.

Lebensübergänge werden aus dieser Perspektive zu Schwellen, an denen eine bewusste Entscheidung möglich wird: Soll das bisherige Muster einfach fortgesetzt werden oder darf tatsächlich etwas Neues entstehen?

Fazit: Lebensübergänge müssen nicht möglichst schnell vorbei sein

Ein Umbruch fühlt sich selten angenehm an. Das Alte trägt nicht mehr und das Neue ist noch nicht sichtbar. Gerade deshalb entsteht der verständliche Wunsch, möglichst schnell wieder Klarheit und Sicherheit zu gewinnen.

Dirk Hollstein setzt diesem Impuls einen anderen Gedanken entgegen: Vielleicht ist gerade diese unsichere Zwischenphase besonders wertvoll.

Wer einen Lebensübergang nicht ausschließlich als Krise betrachtet, sondern bewusst gestaltet, kann ihn nutzen, um die eigene Identität, Herkunft, Beziehungen und zukünftige Ausrichtung neu zu betrachten.

Körper statt nur Kopf. Wurzeln statt Entwurzelung. Gemeinschaft statt Einzelkämpfertum. Rituale statt eines unbemerkten Wechsels von einer Lebensphase in die nächste.

Damit verbindet Dirk Hollstein afrikanische Weisheit mit westlichem Systemdenken und stellt eine Frage in den Mittelpunkt, die besonders nach Jahren beruflichen Erfolgs immer wichtiger werden kann:

Nicht nur: Was kommt als Nächstes? Sondern: Wer möchte der Mensch in dieser nächsten Lebensphase sein?