Gesund bauen: Worauf sollte ich beim Hausbau und Sanieren achten?

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Gesund bauen: Worauf sollte ich beim Hausbau und Sanieren achten?

Wir beschäftigen uns mit gesunder Ernährung, Bewegung, Schlaf und Stress. Wir achten darauf,  welche Kleidung wir tragen und womit wir unsere Haut pflegen. Aber ausgerechnet die Umgebung, in der wir einen sehr großen Teil unseres Lebens verbringen, hinterfragen wir selten: unsere Gebäude.

Dabei ist ein Haus niemals nur eine Hülle.

Wir atmen seine Raumluft. Wir berühren seine Oberflächen. Wir erleben seine Temperaturen, seine Akustik und sein Licht. Wir nehmen Gerüche wahr, spüren Feuchtigkeit und Zugluft und reagieren auf Räume, lange bevor wir bewusst benennen können, warum wir uns irgendwo wohl oder unwohl fühlen.

Deshalb beginnt gesundes Bauen mit einer anderen Frage als der nach Quadratmetern, Heiztechnik oder Bodenbelägen:

Was soll dieses Gebäude für die Menschen leisten, die darin leben?


Was bedeutet gesundes Bauen und welche Baustoffe sind wirklich gesund?

Gesundes Bauen bedeutet, Gebäude konsequent auch aus Sicht des Menschen zu betrachten.

Dabei geht es um schadstoffarme Materialien und eine gute Raumluft, aber eben nicht nur darum. Auch Feuchtigkeit, Oberflächentemperaturen, Licht, Akustik, Haptik, Gerüche und die Gestaltung der Räume beeinflussen, wie wir ein Gebäude erleben.

Ein ökologisches oder energieeffizientes Gebäude ist deshalb nicht automatisch ein gesundes Gebäude.

Ein Haus kann einen sehr niedrigen Energiebedarf haben und trotzdem aus Materialien und Konstruktionen bestehen, die für seine Bewohner nicht die bestmögliche Umgebung schaffen. Umgekehrt reicht es nicht aus, an einzelnen Stellen einen natürlichen Baustoff einzusetzen und das Gebäude deshalb als „gesund“ zu bezeichnen.

Gesundes Bauen ist kein einzelnes Produkt. Es ist das Ergebnis vieler Entscheidungen, die zusammenspielen.

Dazu gehören beispielsweise die Auswahl möglichst natürlicher und emissionsarmer Baustoffe, ein funktionierender Feuchtehaushalt, angenehme Oberflächen, ausreichend Tageslicht, gute Akustik und Konstruktionen, die möglichst einfach, nachvollziehbar, reparierbar und dauerhaft sind.

Holz, Lehm oder Kalk können dabei hervorragende Baustoffe sein. Entscheidend ist jedoch nicht das Etikett „ökologisch“, sondern ob Material, Konstruktion, Nutzung und Mensch zusammenpassen.

Kann ein Gebäude krank machen? So beeinflussen Raumluft, Baustoffe und Raumklima unsere Gesundheit

Die Wirkung eines Gebäudes beginnt oft dort, wo wir sie gar nicht bewusst wahrnehmen.

Warum schlafen wir in einem Zimmer wunderbar und in einem anderen schlecht? Warum empfinden wir manche Räume sofort als angenehm? Warum möchten wir ein bestimmtes Gebäude möglichst schnell wieder verlassen, obwohl wir auf den ersten Blick gar nicht erklären können, was uns stört?

Räume wirken auf unsere Sinne.

Das betrifft die Luft, die wir einatmen, genauso wie Licht, Temperatur, Geräusche, Gerüche und Oberflächen. Ein Raum mit natürlichen Materialien, angenehmer Akustik und ausgeglichenem Raumklima fühlt sich anders an als ein Raum mit vielen stark versiegelten oder künstlichen Oberflächen.

Dabei sollte gesundes Bauen nicht zu einer neuen Angst vor Gebäuden führen. Ganz im Gegenteil.

Es geht nicht darum, hinter jedem Baustoff ein Risiko zu vermuten. Es geht darum, bewusster hinzusehen und zu verstehen, dass wir bei Neubau und Sanierung sehr viele Faktoren selbst beeinflussen können.

Und manchmal sind die einfacheren Lösungen die besseren.

Ein nachvollziehbarer Wandaufbau, wenige gut ausgewählte Materialien, Holz, mineralische oder lehmgebundene Oberflächen und Konstruktionen, die Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben können, können langfristig sinnvoller sein als immer komplexere Materialschichten und technische Systeme.

Das Gebäude muss nicht möglichst viel können. Es sollte vor allem das Richtige können.

Gesund bauen: 5 Dinge, auf die ich bei der Planung achten sollte

1. Beginne nicht mit dem Grundriss, sondern mit deinem Leben.

 Bevor ein Haus geplant wird, sollte klar sein, wie die Menschen darin tatsächlich leben möchten. Wo findet Alltag statt? Wo braucht es Gemeinschaft und wo Rückzug? Wie wichtig sind Licht, Gartenbezug, Ruhe oder flexible Räume? Ein guter Grundriss entsteht aus dem Leben seiner Bewohner – nicht umgekehrt.

2. Hinterfrage Materialien, statt nur Produkte auszuwählen.

Bei einem Boden, einer Wandfarbe oder einem Dämmstoff lohnt es sich zu fragen: Woraus besteht das Material? Welche Zusatzstoffe enthält es? Wie wird es verarbeitet? Wie altert es? Kann es später repariert, getrennt oder zurückgebaut werden? Gesundes Bauen bedeutet auch, Materialentscheidungen verstehen zu wollen.

3. Denke in Konstruktionen statt in einzelnen „gesunden“ Baustoffen.

 Ein guter Baustoff macht noch kein gutes Gebäude. Entscheidend ist, wie Materialien miteinander kombiniert werden. Gerade Wärme, Feuchtigkeit und Luftdichtheit müssen als Gesamtsystem betrachtet werden.

4. Plane so einfach wie sinnvoll.

Jede zusätzliche Schicht, jedes komplizierte Detail und jede technische Abhängigkeit erhöht auch die Zahl möglicher Fehlerquellen. Gute Gebäude dürfen technisch anspruchsvoll sein – aber ihre Konstruktionen sollten verständlich bleiben. Was nachvollziehbar gebaut ist, lässt sich meist auch leichter warten, reparieren und verändern.

5. Denke über den Einzug hinaus.

 Ein Gebäude ist kein fertiges Produkt. Menschen verändern sich. Kinder werden größer, Arbeitsmodelle ändern sich, Bewohner werden älter. Ein gutes Haus sollte auf solche Veränderungen reagieren können, ohne dass bei jeder neuen Lebensphase ein grundlegender Umbau notwendig wird.

Hausbau richtig planen: Was sollte ich vor der ersten Planung klären?

Einer der häufigsten Fehler beim Bauen passiert erstaunlich früh: Menschen beginnen mit Lösungen, bevor sie ihre Bedürfnisse wirklich geklärt haben.

Dann werden Grundrisse gezeichnet, Wohnflächen festgelegt, Küchen geplant und Materialien ausgesucht. Erst später stellt sich heraus, dass Entscheidungen getroffen wurden, die eigentlich gar nicht zum eigenen Alltag passen.

Deshalb lohnt es sich, vor der Planung eine andere Art von Arbeit zu leisten.

Wie möchte ich morgens aufstehen? Wo möchte ich meinen ersten Kaffee trinken? Wie viel Gemeinschaft brauche ich? Wo brauche ich Ruhe? Welche Materialien berühre ich gerne? Welche Räume fehlen mir heute? Was stört mich an meiner jetzigen Wohnsituation? Und was möchte ich auf keinen Fall in mein neues Zuhause mitnehmen?

Genau an diesem Punkt setzt das Lebensraum-Paket „Mein idealer Lebensraum“ an. Es soll dabei helfen, Wünsche, Bedürfnisse und Prioritäten zu klären, bevor daraus Räume werden.

Der Bauherrenleitfaden „Der Leitfaden fürs Bauen“ setzt einen Schritt später an: Wenn aus den eigenen Vorstellungen ein reales Bauvorhaben wird, entstehen plötzlich Hunderte Entscheidungen. Kosten, Planung, Verträge, Materialien, Handwerker, Termine und technische Details greifen ineinander. Wer die Zusammenhänge versteht, kann bessere Fragen stellen und Entscheidungen bewusster treffen.

Denn Bauherren müssen keine Architekten oder Handwerker werden. Aber sie sollten verstehen, worüber entschieden wird.

Wie plane ich ein gesundes Zuhause, das wirklich zu mir passt?

Vielleicht liegt genau hier der wichtigste Unterschied: Wir sollten weniger darüber nachdenken, wie ein gesundes Haus aussieht – und mehr darüber, wie sich gesundes Leben in einem Gebäude anfühlen soll.

Es gibt deshalb auch nicht das eine perfekte gesunde Haus.

Eine Familie mit drei Kindern braucht andere Räume als ein Paar, dessen Kinder bereits ausgezogen sind. Ein Mensch, der zu Hause arbeitet, stellt andere Anforderungen an Akustik und Rückzug als jemand, der den ganzen Tag außer Haus ist. Und ein Gebäude, das bereits seit hundert Jahren existiert, verlangt andere Entscheidungen als ein Neubau.

Gesundes Bauen bedeutet deshalb nicht, eine fertige Checkliste abzuarbeiten.

Es bedeutet, den Menschen, das Gebäude, die Materialien und die Nutzung gemeinsam zu betrachten.

Bei einer Sanierung kann das sogar bedeuten, zunächst sehr genau zuzuhören – nicht nur den Bewohnern, sondern auch dem Gebäude selbst. Wo entsteht Feuchtigkeit? Welche Bauteile funktionieren seit Jahrzehnten problemlos? Wo wurden Materialien ergänzt, die nicht zum ursprünglichen Aufbau passen? Was sollte erhalten werden und wo ist eine Veränderung tatsächlich notwendig?

Nicht jedes alte Bauteil ist schlecht, nur weil es alt ist. Und nicht jede moderne Lösung ist automatisch besser, nur weil sie neu ist.

Gutes, gesundes Bauen braucht deshalb vor allem eines: bewusste Entscheidungen.

Wer baut oder saniert, gestaltet nicht einfach Quadratmeter. Er gestaltet die Umgebung, in der Menschen schlafen, essen, arbeiten, streiten, spielen, sich erholen, Kinder großziehen und älter werden.

Vielleicht sollten wir Gebäude deshalb weniger als Immobilien betrachten – und wieder stärker als das, was sie für uns eigentlich sind: Lebensräume.

Birke Thümer

Speakerin, Architektin, Baubiologin, Schreinermeisterin

Birke Thümer