„Wem nichts mehr auffällt, dem fällt auch nichts mehr ein“ – Dr. Wolfgang Frick über starke Marken und modernes Marketing

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„Wem nichts mehr auffällt, dem fällt auch nichts mehr ein“ – Dr. Wolfgang Frick über starke Marken und modernes Marketing
Foto: Justin Bockey

Manchmal braucht es Abstand, um wieder klar zu sehen. Gerade im Marketing kann es passieren, dass Unternehmen so tief in ihrer eigenen Marke, ihren Prozessen und ihrer Geschichte stecken, dass der Blick für das Wesentliche verloren geht. Oder, um es mit einem bekannten Bild zu sagen: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Genau an diesem Punkt setzt Dr. Wolfgang Frick an. Der Betriebswirt und Kommunikationswissenschaftler bezeichnet sich selbst als Marketing-Sommelier. Mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung und Erfahrungen mit über 50 Marken betrachtet er Unternehmen und Marken bewusst aus einer anderen Perspektive.

Dabei ist die Vogelperspektive bei ihm durchaus wörtlich zu verstehen. In seinem „Raum für Weitblick“ auf 1.036 Metern Höhe verbindet er Marketing, Positionierung und Markenführung mit Abstand, Natur und neuen Perspektiven.

Doch warum brauchen selbst erfahrene Unternehmen einen externen Blick? Wie lässt sich die eigene Positionierung schärfen? Und was haben Achtsamkeit, Bauchgefühl und eine Wanderung in den Bergen mit erfolgreichem Marketing zu tun?

Was ist ein Marketing-Sommelier?

Der Begriff Marketing-Sommelier entstand im Zusammenhang mit Fricks erstem Buch „Patient Marke“. Darin unterscheidet er unterschiedliche Rollen im Marketing – vom Marketingleiter bis zu jenem Marketing-Sommelier, der die Marke konsequent ins Zentrum stellt.

Die Bezeichnung ist dabei mehr als ein originelles Wortspiel. Sie beschreibt seine Art, auf Marken zu schauen: nicht ausschließlich aus der operativen Innensicht, sondern mit Abstand und einem geschärften Blick für das, was eine Marke tatsächlich ausmacht.

Dieser Perspektivwechsel ist für ihn entscheidend. Denn wer permanent mit einer Marke arbeitet, kennt zwar jedes Detail, erkennt aber möglicherweise gerade deshalb bestimmte Zusammenhänge oder Schwachstellen nicht mehr.

Der externe Blick kommt ohne den sprichwörtlichen „Rucksack der Vergangenheit“ aus. Er bewertet zunächst das, was tatsächlich sichtbar ist und auf dem Tisch liegt.

Warum Marken manchmal die Vogelperspektive brauchen

Ein Gedanke zieht sich durch Fricks Ansatz: Einblick, Durchblick und Weitblick sind nicht dasselbe.

Wer Einblick hat, kann verstehen. Wer Durchblick besitzt, kann entscheiden. Wer jedoch Weitblick entwickelt, kann lenken.

Gerade für die strategische Markenführung ist diese Unterscheidung relevant. Denn Marketing bedeutet nicht nur, einzelne Maßnahmen umzusetzen oder eine Kampagne zu planen. Eine starke Marke braucht eine klare Richtung.

Frick nutzt dafür ganz bewusst die Distanz zum Unternehmensalltag. Sein „Raum für Weitblick“ liegt auf 1.036 Metern Höhe mit Blick auf den Bodensee. Dort arbeitet er mit maximal sechs Personen in Kleingruppen oder im persönlichen One-to-One-Coaching.

Die räumliche Distanz wird so zum Ausgangspunkt für gedankliche Distanz.

Warum Natur und Marketing besser zusammenpassen, als man denkt

Marketing wird schnell mit Werbung, Inszenierung oder sogar einer künstlichen Scheinwelt verbunden. Fricks Verständnis geht in eine andere Richtung.

Für ihn spielen Herkunft und Authentizität eine zentrale Rolle. Eine Marke sollte nicht versuchen, etwas darzustellen, was sie nicht ist. Vielmehr geht es darum, wahrzunehmen, wofür sie tatsächlich steht, und daraus eine glaubwürdige Geschichte zu entwickeln.

Sein Grundgedanke dazu lässt sich auf eine kurze Formel bringen:

„The story you tell, the product you sell.“

Die Bergwelt schafft dafür eine Umgebung, die entschleunigt. Beim Gehen, bewussten Atmen und Wahrnehmen der Natur entstehen Gedanken, die im üblichen Unternehmensalltag häufig keinen Platz finden.

Aus einem Wanderweg kann dabei sogar ein strategisches Bild für die eigene Marke entstehen: Auf welchem Weg befindet sie sich eigentlich? Ist die Richtung klar? Kennt der Kunde den Weg zur Marke? Und versteht er, wofür sie steht?

Damit wird aus der Naturbeobachtung eine Übung für Positionierung und Markenführung.

„Wem nichts mehr auffällt, dem fällt auch nichts mehr ein“

Einer der zentralen Gedanken von Dr. Wolfgang Frick lautet:

„Wem nichts mehr auffällt, dem fällt auch nichts mehr ein.“

Dahinter steht die Bedeutung von Achtsamkeit und Wahrnehmung für kreatives und strategisches Denken.

Wer seine Umgebung nur noch routiniert wahrnimmt, läuft Gefahr, auch im Unternehmen entscheidende Signale zu übersehen. Das kann Veränderungen im Kundenverhalten ebenso betreffen wie die eigene Kommunikation oder eine Positionierung, die über die Jahre an Schärfe verloren hat.

Neue Ideen beginnen deshalb nicht zwangsläufig mit einem Brainstorming. Sie können damit beginnen, wieder genauer hinzusehen.

Gerade für Marken ist das entscheidend. Denn eine gute Positionierung entsteht nicht dadurch, möglichst viel über sich selbst zu erzählen. Sie entsteht durch Klarheit darüber, wofür eine Marke steht und ob Kunden genau das erkennen können.

Warum selbst Marketingexperten einen externen Blick brauchen

Die Frage liegt nahe: Sollten die Menschen innerhalb eines Unternehmens nicht selbst am besten wissen, wer sie sind und wofür ihre Marke steht?

In der Theorie vielleicht. In der Praxis kann gerade die große Nähe zum eigenen Unternehmen zum Problem werden.

Frick greift dafür das bekannte Bild vom Propheten im eigenen Land auf. Ein externer Coach bringt einen unverbrauchten Blick mit. Er kennt nicht jede interne Geschichte und ist nicht automatisch Teil gewachsener Denkweisen.

Das kann dabei helfen, blinde Flecken zu erkennen.

Auch große Marketingagenturen oder erfahrene Unternehmen können deshalb von einer Außenperspektive profitieren. Nicht weil ihnen Fachwissen fehlt, sondern weil Distanz eine andere Art der Wahrnehmung ermöglicht.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur: Was möchte das Unternehmen über sich sagen?

Sondern auch: Was davon ist von außen tatsächlich erkennbar?

Positionierung schärfen: Drei Gedanken von Dr. Wolfgang Frick

Wer die eigene Positionierung erkennen und sichtbar machen möchte, sollte laut Frick zunächst nicht nach außen, sondern nach innen schauen.

Der erste Schritt ist, auf die eigene innere Stimme zu hören. Sie ist für ihn einer der unmittelbarsten Berater überhaupt. Eng damit verbunden ist das Vertrauen in das eigene Bauchgefühl.

Ebenso wichtig ist es, den eigenen Stärken zu vertrauen. Eine Positionierung verliert an Klarheit, wenn sie permanent danach ausgerichtet wird, was andere möglicherweise erwarten oder denken könnten.

Der dritte Punkt ist deshalb der Mut, eine klare Haltung zu zeigen.

Frick selbst demonstrierte das bereits mit seinem ersten Buch und einer bewusst provokanten Aussage über Marketing: Viele Menschen verstehen etwas darunter, aber nur wenige wirklich etwas davon.

Eine solche Positionierung wird nicht jedem gefallen. Genau darin liegt jedoch ein wesentlicher Punkt: Eine klare Marke muss erkennbar sein. Wer versucht, jede mögliche Reaktion vorwegzunehmen und niemanden anzuecken, läuft Gefahr, am Ende kaum noch Profil zu besitzen.

Von Niederlagen, Reframing und neuen Wegen

Im „Raum für Weitblick“ geht es deshalb nicht ausschließlich um klassische Marketingfragen. Die angebotenen Module beschäftigen sich auch mit persönlichen und beruflichen Veränderungsprozessen.

Wie lässt sich aus einer Niederlage etwas Neues entwickeln? Wie kann ein Mensch lernen, sprichwörtlich aus dem Rahmen zu fallen? Und wie lässt sich mit einer beruflichen Trennung umgehen?

Gerade beim Thema Outplacement vertritt Frick eine klare Haltung: Unternehmen dürfen sich von Mitarbeitern trennen und Mitarbeiter dürfen Unternehmen verlassen – entscheidend ist, dass dies mit Anstand und Würde geschieht.

Auch hier zeigt sich, dass sein Verständnis von Marketing und Führung stark mit Haltung verbunden ist.

Führung bedeutet Verbindung

Diese Perspektive führt unmittelbar zu seinem neuen Buch „Sixty Shades of Führungsalltag“, das im Herbst 2026 erscheinen soll.

Darin verarbeitet Dr. Wolfgang Frick Erfahrungen aus mehr als 40 Berufsjahren und der Arbeit mit über 50 Marken. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie zeitgemäße Führung funktionieren kann.

Seine bildhafte Beschreibung dafür: Mitarbeiter sollten „gerührt und nicht geschüttelt“ werden.

Entscheidend ist für ihn vor allem die Verbindung zu Menschen. Führung beschränkt sich damit nicht auf Hierarchien, Prozesse oder Anweisungen. Sie lebt davon, Beziehungen aufzubauen und Menschen mitzunehmen.

Diese Gedanken schließen den Kreis zu seinem Verständnis von Markenführung. Denn sowohl bei Mitarbeitern als auch bei Kunden entsteht langfristige Wirkung nicht allein durch einzelne Maßnahmen. Entscheidend sind Glaubwürdigkeit, Verbindung und eine klare Haltung.

Fazit: Starke Marken brauchen Klarheit und Weitblick

Gutes Marketing beginnt nicht zwangsläufig mit der nächsten Kampagne. Manchmal beginnt es damit, Abstand zu gewinnen.

Dr. Wolfgang Frick zeigt mit seinem Ansatz als Marketing-Sommelier, warum gerade dieser Perspektivwechsel für Unternehmen wertvoll sein kann. Wer seine Marke permanent aus derselben Richtung betrachtet, übersieht möglicherweise längst das, was Außenstehenden sofort auffällt.

Die Vogelperspektive hilft dabei, grundlegende Fragen neu zu stellen: Wofür steht die Marke wirklich? Ist ihre Positionierung für Kunden verständlich? Welche eigenen Stärken werden bislang unterschätzt? Und folgt die Marke noch ihrem eigenen Weg – oder längst den Erwartungen anderer?

Der „Raum für Weitblick“ macht diese Idee greifbar. Die Höhe, die Natur und das bewusste Verlassen des gewohnten Umfelds schaffen Abstand zum Tagesgeschäft und damit Raum für andere Gedanken.

Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Erkenntnisse für modernes Marketing: Sichtbarkeit entsteht nicht dadurch, immer lauter zu werden. Sie entsteht, wenn eine Marke weiß, wer sie ist, wofür sie steht und welchen Weg sie gehen möchte.

Oder, wie Dr. Wolfgang Frick es treffend formuliert: „Wem nichts mehr auffällt, dem fällt auch nichts mehr ein.“

Dr. Wolfgang Frick

Interim Management, Kommunikation, Führen, Verhandeln

Dr. Wolfgang Frick