Selbstführung unter Stress: Wie Führungskräfte ihr Nervensystem regulieren und souverän bleiben
Expertenprofil von Dr. Anja Ozik-Scharf anzeigen
Führung ist weit mehr als die Anwendung erlernter Methoden und Management-Tools. Wer Verantwortung für Mitarbeiter trägt, bringt immer auch die eigene Persönlichkeit, biografische Erfahrungen, erlernte Verhaltensmuster und den aktuellen inneren Zustand mit in den Führungsalltag.
Genau hier setzt Dr. Anja Ozik-Scharf an. Die Wirtschaftspsychologin, Unternehmerin und Führungskräftetrainerin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Führungskräfte auch unter hoher Belastung handlungsfähig und souverän bleiben können. In ihrem Buch „Nervensache Führung“ rückt sie dabei einen Aspekt in den Mittelpunkt, der im klassischen Führungstraining häufig zu kurz kommt: das Nervensystem.
Denn Stress bleibt nicht zwangsläufig bei der Führungskraft. Er verändert Stimme, Körpersprache und Verhalten und kann dadurch auch die Zusammenarbeit im Team beeinflussen. Selbstführung bedeutet deshalb auch, den eigenen Zustand wahrzunehmen und regulieren zu können.
Warum Führung tatsächlich Nervensache ist
Führung findet nicht im luftleeren Raum statt. Organisatorische Rahmenbedingungen verändern sich, Mitarbeiter entwickeln sich weiter und auch Führungskräfte selbst befinden sich in einem permanenten Veränderungsprozess.
Hinzu kommen Konflikte, schwierige Telefonate, Entscheidungen unter Zeitdruck und unterschiedliche Perspektiven innerhalb eines Unternehmens. Führung wird dadurch zu einer komplexen Aufgabe, bei der Methodenwissen allein an Grenzen stoßen kann.
Dr. Anja Ozik-Scharf macht deshalb deutlich, dass Führungskräfte mit ihrer gesamten Persönlichkeit führen. Entscheidend ist für sie die Fähigkeit, „situationselastisch“ zu bleiben.
Das Nervensystem spielt dabei eine zentrale Rolle.
Befindet sich eine Führungskraft dauerhaft unter Stress, beschreibt Ozik-Scharf diesen Zustand als Aktivität des Sympathikus – vereinfacht gesprochen als Kampf- oder Fluchtmodus. Das kann sich unmittelbar im Verhalten zeigen: Die Stimme wird beispielsweise fester, die Reizschwelle sinkt oder die Person reagiert impulsiver.
Die Herausforderung besteht dabei nicht darin, solche Zustände grundsätzlich zu vermeiden. Vielmehr geht es darum, sie wahrzunehmen und anschließend wieder in einen ruhigeren Zustand zurückfinden zu können.
Selbstführung beginnt mit Selbstwahrnehmung
Wer den eigenen Zustand verändern möchte, muss ihn zunächst erkennen.
Genau deshalb ist Selbstreflexion für eine souveräne Führung so entscheidend. Nach Ozik-Scharf können Führungskräfte anhand verschiedener körperlicher und kommunikativer Signale feststellen, wie angespannt sie gerade sind.
Dazu gehören unter anderem die eigene Stimme, Haltung, Mimik und Gestik sowie die Atmung. Auch die Art, wie eine Person mit anderen Menschen in Kontakt tritt, liefert Hinweise.
Wie begrüßt die Führungskraft ihre Mitarbeiter? Wie reagiert sie in Konflikten? Wie bindet sie Kollegen in Entscheidungen oder Lösungsprozesse ein?
Solche scheinbar kleinen Situationen können viel darüber verraten, in welchem inneren Zustand sich eine Person gerade befindet.
Ozik-Scharf bringt den entscheidenden Zusammenhang auf einen einfachen Punkt: Nur das, was einem bewusst ist, lässt sich auch verändern.
Das Ampelprinzip: Den eigenen Zustand besser verstehen
Um unterschiedliche Zustände leichter wahrnehmen zu können, arbeitet Dr. Anja Ozik-Scharf mit einem Ampelprinzip.
Besonders wichtig ist dabei die Fähigkeit, wieder in den „grünen Modus“ zurückzukehren. Es geht ausdrücklich nicht darum, jederzeit perfekt ausgeglichen zu sein.
Kampf- und Fluchtreaktionen gehören zum menschlichen Verhalten und können in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll sein. Problematisch wird es vielmehr dann, wenn eine Führungskraft dauerhaft in einem angespannten Zustand bleibt.
Selbstführung bedeutet in diesem Zusammenhang, zwischen unterschiedlichen Zuständen wechseln zu können.
Eine Führungskraft entwickelt damit nicht nur ein besseres Verständnis für die eigenen Reaktionen. Sie kann zugleich bewusster beeinflussen, wie sie anderen Menschen begegnet.
Warum der Stress einer Führungskraft beim Team ankommen kann
Führung ist immer auch Beziehung.
Eine Führungskraft kann deshalb nicht davon ausgehen, dass ihr innerer Zustand ausschließlich ihre eigene Angelegenheit bleibt. Anspannung kann sich beispielsweise in der Stimme, der Mimik, der Gestik oder im Kommunikationsverhalten zeigen.
Mitarbeiter nehmen diese Signale wahr.
Ozik-Scharf beschreibt in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung von Spiegelneuronen. Anspannung kann sich demnach auf andere Menschen übertragen. Das gilt nicht nur innerhalb eines Unternehmens, sondern ebenso im privaten Umfeld.
Ein Unternehmer kann sich beispielsweise den gesamten Tag intensiv für sein Unternehmen und sein Team einsetzen, Entscheidungen treffen, Ziele verfolgen und Verantwortung übernehmen. Kommt er anschließend nach Hause, befindet er sich jedoch plötzlich in einer anderen Rolle – etwa als Partner oder Vater.
Der innere Zustand wechselt dabei nicht automatisch mit dem Betreten der Haustür.
Bleibt die Anspannung bestehen, können Partner oder Kinder diese ebenfalls wahrnehmen. Für Ozik-Scharf ist es deshalb wesentlich, unterschiedliche Rollen und Zustände bewusst wahrzunehmen und regulieren zu lernen.
Vertrauen ist mehr als eine Führungsmethode
Eine besondere Bedeutung hat dabei Vertrauen.
Ozik-Scharf versteht Vertrauen nicht ausschließlich als abstrakten Wert oder Führungsgrundsatz, sondern auch als einen Zustand, den Menschen ausstrahlen und den andere wahrnehmen können.
Das beginnt beim Selbstvertrauen.
Eine Führungskraft, die darauf vertraut, mit unterschiedlichen Situationen und eigenen emotionalen Zuständen umgehen zu können, schafft andere Voraussetzungen für Begegnungen mit Mitarbeitern als jemand, der dauerhaft unter hoher innerer Anspannung steht.
Das kann gerade in Konflikten entscheidend sein.
Denn sinkt unter Stress die Reizschwelle, können bereits kleine Ereignisse eine stärkere Reaktion auslösen. Die Fähigkeit zur Selbstregulation kann Führungskräften deshalb dabei helfen, nicht ausschließlich aus einem spontanen Stresszustand heraus zu reagieren.
Selbstregulation: Warum Denken allein nicht immer ausreicht
Stress ausschließlich durch positives Denken bewältigen zu wollen, greift nach dem Ansatz von Dr. Anja Ozik-Scharf zu kurz.
Sie betont, dass dabei auch neurobiologische Prozesse eine Rolle spielen. Entsprechend gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, das eigene Nervensystem anzusprechen.
Eine davon sind Imaginationstechniken. Dabei werden innere Vorstellungsbilder genutzt, um einen ruhigeren Zustand zu unterstützen.
Daneben nennt Ozik-Scharf körperliche Techniken. Entscheidend ist dabei der Gedanke, Selbstregulation nicht ausschließlich als kognitive Aufgabe zu betrachten.
Auch zwischenmenschlicher Kontakt spielt eine Rolle. Im Gespräch verweist Ozik-Scharf beispielsweise auf das Bindungshormon Oxytocin und verbindet einen freundlichen, zugewandten Austausch mit einem anderen inneren Zustand als permanente Stressreaktionen.
Für Führungskräfte bedeutet das: Die eigene innere Verfassung und die Art, wie sie anderen Menschen begegnen, gehören zusammen.
Eine praktische Technik für akute Stresssituationen
Wie kann Selbstregulation konkret aussehen?
Dr. Anja Ozik-Scharf nennt dafür eine einfache Klopftechnik. Dabei wird im Bereich der Hand zwischen Ringfinger und kleinem Finger geklopft.
Die Technik lässt sich mit einer zusätzlichen mentalen Aufgabe verbinden. Beispielsweise kann sich die Person vorstellen, ein vertrautes Lied im Kopf zu singen. Eine weitere im Gespräch genannte Möglichkeit besteht darin, gedanklich mit Zahlen zu arbeiten und herunterzuzählen.
Ozik-Scharf erklärt dies mit der Aktivierung unterschiedlicher Bereiche des Gehirns. Während Emotionen mit dem limbischen System verbunden sind, wird beim bewussten Nachdenken etwa über Zahlen der Frontalkortex angesprochen.
Das Ziel besteht darin, sich in einer angespannten Situation wieder zu regulieren.
Gerade vor einem wichtigen Termin, Gespräch oder Ereignis können solche kleinen Routinen eine Möglichkeit sein, den eigenen Zustand bewusst wahrzunehmen und zu beeinflussen.
Gute Führung beginnt vor der Führung anderer
Die zentrale Erkenntnis hinter dem Ansatz von Dr. Anja Ozik-Scharf ist einfach und gleichzeitig weitreichend: Wer andere Menschen führen möchte, sollte zunächst lernen, sich selbst zu führen.
Das bedeutet nicht, dass eine Führungskraft niemals gestresst, gereizt oder angespannt sein darf.
Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, den eigenen Zustand zu erkennen. Wie verändert sich gerade die Stimme? Wie ist die Atmung? Wie reagiert der Körper? Wie wird mit Mitarbeitern gesprochen? Wie hoch ist die eigene Reizschwelle?
Diese Form der Selbstbeobachtung schafft die Voraussetzung dafür, bewusst reagieren zu können, anstatt lediglich einem Stressimpuls zu folgen.
Führung endet nicht an der Bürotür
Besonders interessant ist der Ansatz von Ozik-Scharf, weil Selbstführung nicht ausschließlich als berufliche Kompetenz betrachtet wird.
Stress aus dem Unternehmen kann mit nach Hause genommen werden. Umgekehrt begleitet die gesamte Persönlichkeit einen Menschen auch an den Arbeitsplatz.
Eine klare Trennung zwischen beruflichem und privatem Nervensystem gibt es nicht.
Deshalb kann es hilfreich sein, Übergänge bewusster zu gestalten. Wer nach einem belastenden Arbeitstag nach Hause kommt, übernimmt dort möglicherweise innerhalb weniger Minuten eine vollkommen andere Rolle. Aus der Führungskraft wird der Partner, die Partnerin, der Vater oder die Mutter.
Sich dieses Rollenwechsels bewusst zu werden, kann bereits ein wichtiger Bestandteil von Selbstführung sein.
Fazit: Souveräne Führung braucht die Fähigkeit zur Selbstregulation
Führungskräfte benötigen Fachwissen, Methoden und Werkzeuge. Doch Führung entscheidet sich nicht allein daran, welche Managementtechnik jemand kennt.
Die eigene Persönlichkeit und der innere Zustand sitzen gewissermaßen immer mit am Tisch.
Genau deshalb rückt Dr. Anja Ozik-Scharf mit „Nervensache Führung“ das Nervensystem in den Mittelpunkt. Führungskräfte sollten lernen, ihre eigenen Stresszustände wahrzunehmen, körperliche und kommunikative Signale zu erkennen und bewusst wieder in einen regulierteren Zustand zurückzufinden.
Das Ziel ist dabei nicht Perfektion.
Es geht um die Fähigkeit, flexibel zwischen unterschiedlichen Zuständen wechseln zu können und auch unter Belastung wieder Zugang zu Vertrauen, Kontakt und souveränem Handeln zu finden.
Denn wer sich selbst besser führen kann, schafft auch bessere Voraussetzungen dafür, andere Menschen zu führen.