Lampenfieber verstehen statt bekämpfen
Foto: Justin Bockey

Lampenfieber verstehen statt bekämpfen

Herzklopfen. Trockener Mund. Zittrige Hände.

 

Der Gedanke: „Hoffentlich geht alles gut.“

 

Die meisten Menschen kennen diese körperlichen Reaktionen vor einer wichtigen Situation. Wir bezeichnen diese Zustände als Lampenfieber. Ein Gefühl, das möglichst schnell verschwinden soll.

 

Dabei erfüllt Lampenfieber eine wichtige Aufgabe.

 

Wer Lampenfieber ausschließlich als Problem betrachtet, gerät schnell in einen Kampf gegen die eigenen Gefühle. Wer versteht, was im Körper geschieht, kann einen anderen Umgang damit finden.

 

Deshalb lohnt es sich, Lampenfieber zunächst einmal zu verstehen.

 

Der Begriff - Was wir Lampenfieber nennen

Lampenfieber zeigt sich von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

 

Während die eine Person von Herzklopfen berichtet, hat die andere einen trockenen Mund, feuchte Hände oder einen Knoten im Magen. Manche Menschen werden sehr still. Andere reden plötzlich schneller als sonst.

 

Auch die Gedanken verändern sich. Aus einer gut vorbereiteten Präsentation wird plötzlich die Frage: „Was passiert, wenn ich den Faden verliere?“

 

Lampenfieber kann vor einer Theateraufführung, vor einem Vortrag, einem Bewerbungsgespräch oder sogar vor einem wichtigen Telefonat auftreten.

 

Allen Situationen gemeinsam ist, dass wir gesehen, gehört oder bewertet werden.

Deswegen neigen wir dazu, Lampenfieber als Angst zu bezeichnen. Doch Lampenfieber ist weitaus mehr als das.

 

Verstehen - Warum unser Körper vor einem Auftritt Alarm schlägt

Unser Gehirn kann nicht unterscheiden, ob wir vor einer tatsächlichen Gefahr stehen oder vor einer für uns wichtigen Situation.

 

Ein Auftritt, eine Präsentation oder ein wichtiges Gespräch können deshalb ähnliche Reaktionen auslösen wie im Wald plötzlich vor einem Bären zu stehen. Das Nervensystem schaltet in erhöhte Aufmerksamkeit. Herzschlag und Atmung verändern sich, die Muskulatur spannt sich an und die Sinne werden wacher.

 

Aus Sicht unseres Körpers ergibt das Sinn. Er stellt Energie bereit, damit wir schnell reagieren können: Unser Bestes geben oder wegrennen.

 

Es gibt Menschen, die vor lauter Lampenfieber, das sie ausschließlich für Angst halten, den Entschluss fassen, tatsächlich weg zu rennen. Das Wegrennen fällt allerdings weg, wenn wir uns entschieden haben, die Sache durchzuziehen.

 

Dadurch steigt aber das Lampenfieber. Je mehr Bedeutung wir einer Situation beimessen, desto stärker wird diese Reaktion.

 

Verbindung zum Erleben - Präsenz beginnt im Körper

Viele Menschen versuchen, Lampenfieber mit Gedanken zu kontrollieren.

 

Sie reden sich gut zu, denken positiv oder wiederholen ihren Text immer wieder. Dabei geschieht folgendes:

 

Sie ignorieren die Tausenden von Molekülen, die durch die Körperreaktion ausgeschüttet wurden. Was tut etwas, das ignoriert wird? Es versucht, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Es breitet sich aus.

 

Das Adrenalin vernebelt uns dann das Gedächtnis, lässt unsere Hände zittern, schraubt die Stimmlage nach oben und die Sprachgeschwindigkeit ins Unverständliche.

 

Wir spüren es im Körper, denn der verhält sich weiter so, als wäre ein Bär im Raum, obwohl die Augen und Ohren wahrnehmen: Ein Gespräch, ein Auftritt. Kein Bär.

 

Trotzdem ist da das Herzrasen, die flache Atmung, eine zu hohe Stimme, eine verkrampfte Haltung. Darunter leidet unsere Präsenz.

 

Je weniger Präsenz wir haben, desto weniger Überzeugungskraft strahlen wir aus. Und umgekehrt. Je mehr Präsenz wir haben, desto authentischer und überzeugender können wir sein.

 

Um letzteres zu erreichen, schenken wir den Molekülen im Körper einfach unsere Aufmerksamkeit.

 

Deshalb beginnt Präsenz im Körper.

 

Wer lernt, den eigenen Atem wahrzunehmen, festen Boden unter den Füßen zu spüren und den Körper bewusst einzusetzen, erlebt etwas Überraschendes: Die Energie des Lampenfiebers bleibt vorhanden, fühlt sich aber anders an.

 

Aus innerer Anspannung entsteht so Präsenz.

 

Perspektivwechsel - Wenn Aufregung zu Lebendigkeit wird

Wer einmal erlebt hat, wie sich Lampenfieber in Präsenz verwandelt, erkennt einen spannenden Zusammenhang:

 

Die körperliche Energie verschwindet nicht. Das Herz schlägt weiterhin schneller. Die Sinne bleiben wach. Der Unterschied besteht darin, dass wir diese Energie nicht mehr bekämpfen.

 

Wir nutzen sie.

 

Genau diese Energie sorgt dafür, dass wir präsent sind und wirken. Sie macht unsere Stimme lebendiger. Unsere Ausstrahlung klarer. Unsere Wahrnehmung wacher.

 

Deshalb geht es nicht darum, Lampenfieber loszuwerden. Es geht darum, ihm eine Aufgabe zu geben. Das zu tun ist erstaunlich einfach.

 

Konkrete Umsetzung – Wie wir dem Lampenfieber eine Aufgabe geben

Die gute Nachricht lautet: Wir müssen das Lampenfieber nicht loswerden. Wir können ihm eine Aufgabe geben.

 

Der einfachste Weg dorthin führt über unsere Aufmerksamkeit.

 

Solange wir mit den Gedanken beschäftigt sind: „Wie wirke ich? Merken die anderen, dass ich nervös bin? Wann hört das auf?“, erhält das Lampenfieber immer neue Nahrung. Wir hängen fest im Gedankenkarussell.

 

Stattdessen erlauben wir dem Adrenalin das, wofür es da ist. Wir lassen es den Körper benutzen.

 

Also:

 

  1. Bewegung

    Leichtes auf- und abspringen, eine einfache Tai-Chi oder Yoga - Figur

  2. In die Gegenwart kommen (nennt sich auch Achtsamkeit)

    Eine vorher gut bekannte Atemübung, eine Vagusnerv - Aktivierung

  3. Fokus verlagern

    Den „Bär“ genauer betrachten: Sich einen Menschen im Publikum vorstellen. Einen einzigen. Sich vorstellen: Nur demjenigen erzähle ich das, was ich vorbereitet habe, wie einer Freundin.

  4. Rituale

    Einen Talisman bei sich tragen, ein Stoßgebet sprechen.

  5. Den Körper ausrichten

    Den Kopf an den Sternen aufhängen. Den Hals entspannen und damit die Stimmbänder. Das Brustbein ein paar Zentimeter aufrichten. Das Zwerchfell mit tiefem Atem aktivieren. Den kleinen Zeh spüren.

 

Sobald wir unsere Aufmerksamkeit so ausrichten, verändert sich etwas. Wir beginnen, den Kontakt zu spüren. Mit dem Publikum. Mit unserem Gesprächspartner. Mit der Botschaft, die uns wichtig ist.

 

Denn es ist ja alles da. Du bist gut vorbereitet. Und so verwandelt sich der Bär. Die Energie bekommt eine Richtung.

 

Deshalb arbeite ich auf der Bühne gerne mit einer einfachen Frage:

 

„Wo ist dein kleiner Zeh?“

 

Genau dort beginnt Präsenz.

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