Neun Sommer in Island: Wie Dr. Anne Glantz in der Stille die „erfüllte Leere“ entdeckte
Expertenprofil von Dr. Anne Glantz anzeigen
Stille wird schnell mit Abwesenheit verbunden. Keine Gespräche, keine Ablenkung, keine Termine, kein Lärm. Für Dr. Anne Glantz bedeutet Stille jedoch etwas vollkommen anderes. Sie beschreibt einen Zustand, den sie selbst als die „erfüllte Leere“ bezeichnet.
Neun Sommer lang verbrachte die ehemalige Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mehrere Monate in Island. Nicht in einem komfortablen Ferienhaus, sondern mit ihrem Zelt an einem Seeufer, auf einem sehr einfachen Campingplatz mit kaltem Wasser, ohne Dusche und ohne Elektrizität.
Als sie zum ersten Mal dorthin aufbrach, war sie bereits 71 Jahre alt.
Was zunächst wie eine außergewöhnliche Reise klingt, ist eng mit einer Frage verbunden, die Dr. Anne Glantz schon beinahe ihr gesamtes Leben begleitet: Was ist der Sinn – und was liegt hinter den Dingen, die Menschen unmittelbar wahrnehmen können?
Ihre Erfahrungen hat sie in ihrem Buch „Neun Sommer in Island“ verarbeitet, das im Herbst 2026 im Gold Verlag erscheinen soll.
Dr. Anne Glantz: Eine Suchende, die schon früh nach dem Sinn fragte
Die Suche nach Antworten begann bei Dr. Anne Glantz nicht erst in Island. Schon als Jugendliche beschäftigte sie sich intensiv mit existenziellen Fragen und philosophischen sowie psychologischen Werken. Karl Jaspers und Hermann Hesses „Das Glasperlenspiel“ gehörten zu den Werken, die sie auf diesem Weg begleiteten.
Später arbeitete sie lange als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Ihr Fachgebiet war die Psychoonkologie.
Doch parallel zu ihrem beruflichen Weg blieb die Suche bestehen. Die Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Zusammenhängen und danach, was möglicherweise hinter dem unmittelbar Sichtbaren liegt, ließen sie nicht los.
Ebenso wichtig war für sie die Verbindung zur Natur.
Und noch etwas zieht sich nach ihren eigenen Worten wie ein roter Faden durch ihr Leben: die Stille.
Wie elementar sie diese empfindet, bringt Dr. Anne Glantz mit einem bemerkenswerten Satz zum Ausdruck: Sie könne länger ohne Nahrung leben als ohne Stille.
Mit 71 Jahren beginnt die Reise nach Island
Viele Menschen verbinden längere Reisen mit dem Aufbruch junger Erwachsener. Dr. Anne Glantz begann ihre Island-Erfahrung dagegen mit 71 Jahren.
Sie beschreibt den Auslöser nicht als langfristig ausgearbeiteten Plan. Vielmehr habe sie einen intensiven inneren Ruf gespürt: Sie solle nach Island gehen.
Solche Impulse kannte sie bereits aus ihrem Leben – und sie hatte gelernt, ihnen zu folgen.
Also fuhr sie mit ihrem Auto von der Schweiz nach Island. Mit dabei: ihr Zelt.
Aus einer Reise wurde schließlich ein wiederkehrendes Ritual. Über neun Jahre verbrachte sie jeweils die Sommermonate in Island. Rund drei Monate hielt sie sich am selben Seeufer auf, einen weiteren Monat nutzte sie, um andere Teile des Landes zu erleben.
Gerade die Einfachheit dieser Monate spielte dabei eine wichtige Rolle.
Ein Leben ohne Dusche, Elektrizität und ständige Ablenkung
Der Ort, an den Dr. Anne Glantz immer wieder zurückkehrte, war zwar offiziell ein Campingplatz, entsprach jedoch kaum dem Bild eines modernen Campingareals.
Es gab kaltes Wasser, aber keine Dusche und keine Elektrizität.
Gekocht wurde auf einem Campingkocher. Einmal pro Woche ging sie einkaufen und versorgte sich unter anderem mit Gemüse. Da kein Kühlschrank vorhanden war, musste auch der Alltag entsprechend einfach organisiert werden.
Bei schlechtem Wetter war sie teilweise vollkommen allein.
Was für manche Menschen nach Verzicht oder sogar Langeweile klingt, entwickelte für Dr. Anne Glantz gerade dadurch seine besondere Qualität.
Denn die Abwesenheit permanenter äußerer Reize bedeutete für sie keineswegs, dass nichts geschah.
Im Gegenteil.
Was Dr. Anne Glantz mit der „erfüllten Leere“ meint
Stille kann zunächst unangenehm sein. Wer an permanente Beschäftigung, Nachrichten, Gespräche und äußere Reize gewöhnt ist, erlebt die Abwesenheit dieser Einflüsse möglicherweise tatsächlich als Leere.
Dr. Anne Glantz beschreibt ihre Erfahrung anders.
Für sie ist Stille erfüllt und intensiv, wenn ein Mensch gelernt hat, sie wahrzunehmen.
Eine besondere Begegnung in Island verdeutlicht, was sie damit meint.
Während eines ihrer Aufenthalte begegnete sie einem älteren isländischen Ehepaar. Die Frau wunderte sich darüber, dass Dr. Anne Glantz so lange an diesem Ort blieb. Ob das nicht langweilig sei, wollte sie wissen.
Dr. Anne Glantz antwortete sinngemäß, dass sie dort die „erfüllte Leere“ erlebe.
Darauf reagierte der Mann mit wenigen Worten: „Ich weiß, was du meinst.“
Mehr brauchte es offenbar nicht.
Es folgte keine lange philosophische Diskussion und keine gemeinsame Analyse dieses Begriffs. Das Ehepaar ging schließlich wieder. Trotzdem blieb die Begegnung Dr. Anne Glantz im Gedächtnis.
Sie beschreibt sie als einen seltenen Moment intensiven gegenseitigen Verstehens.
Gerade darin liegt eine interessante Erkenntnis ihrer Geschichte: Manche Erfahrungen müssen nicht ausführlich erklärt werden, damit zwei Menschen sich verstehen.
Stille bedeutet nicht automatisch Einsamkeit
Die Erfahrungen von Dr. Anne Glantz zeigen einen wichtigen Unterschied zwischen äußerer Ruhe und innerer Leere.
Ein Mensch kann von zahlreichen anderen Menschen umgeben und trotzdem innerlich abgeschnitten sein. Umgekehrt kann ein Mensch allein an einem Seeufer sitzen und eine intensive Form von Verbundenheit erleben.
Für Dr. Anne Glantz scheint Stille deshalb nicht primär mit Rückzug verbunden zu sein. Sie schafft vielmehr einen Raum, in dem Wahrnehmung, Naturverbundenheit und die eigenen Fragen deutlicher hervortreten können.
Genau dieser Gedanke macht ihre Formulierung von der „erfüllten Leere“ so spannend.
Denn sie widerspricht der Vorstellung, dass ein erfülltes Leben zwangsläufig immer mehr Reize, Aktivitäten oder äußere Ereignisse benötigt.
Natur als Raum für Wahrnehmung und Erkenntnis
Neben der Stille spielt die Natur in der Geschichte von Dr. Anne Glantz eine zentrale Rolle.
Ihre Monate in Island waren keine klassischen Campingferien mit dicht gefülltem Ausflugsprogramm. Das wiederholte Verweilen am selben Ort ermöglichte ihr vielmehr, sich über einen langen Zeitraum auf eine Landschaft und deren Veränderungen einzulassen.
Dabei trafen zwei Themen aufeinander, die sie schon lange begleiteten: ihre Naturverbundenheit und ihre Suche nach tieferen Zusammenhängen.
Das erklärt auch, weshalb der Aufenthalt für sie offenbar nicht langweilig wurde. Wer einen Ort nicht lediglich konsumiert, sondern beobachtet und erlebt, kann im scheinbar Gleichen immer wieder Neues entdecken.
Die äußere Reduktion schafft dabei Raum für eine intensivere innere Wahrnehmung.
Island wurde für Dr. Anne Glantz zu mehr als einem Reiseziel
Mit der Zeit entwickelte sich für Dr. Anne Glantz eine besondere Beziehung zu Island.
Sie berichtet von einer Begegnung mit einer medial arbeitenden Frau in Island, die ihr gesagt habe, sie gehöre zu den Isländern und habe mehr Leben dort als in der Schweiz verbracht. Dr. Anne Glantz erzählt außerdem, dass sie von Isländern wiederholt selbst für eine Isländerin gehalten worden sei.
Diese Aussagen sind Teil ihrer persönlichen und spirituellen Deutung ihrer Erfahrungen. Sie beschreiben, wie stark sie selbst ihre Verbindung zu Island empfindet.
Aus einem zunächst nicht vollständig erklärbaren inneren Impuls wurde damit eine Reise, in der sie für sich auch Fragen nach Herkunft und Zugehörigkeit berührte.
Island war für sie nicht einfach eine beeindruckende Landschaft.
Es wurde zu einem persönlichen Erfahrungsraum.
Was sich aus neun Sommern in Island mitnehmen lässt
Nicht jeder Mensch muss mehrere Monate im Zelt leben oder nach Island reisen, um Stille zu erfahren. Gerade darin liegt eine übertragbare Botschaft der Geschichte von Dr. Anne Glantz.
Die entscheidende Frage lautet weniger, wo Stille stattfindet, sondern ob ein Mensch bereit ist, sie tatsächlich zuzulassen.
In einem Alltag voller digitaler Reize, Nachrichten, Termine und permanenter Erreichbarkeit kann bereits das ungewohnte Nichtstun herausfordernd sein. Die Erfahrungen von Dr. Anne Glantz stellen diesem Lebensgefühl eine andere Perspektive gegenüber.
Stille muss nicht gefüllt werden.
Sie kann selbst Fülle sein.
Wer nicht unmittelbar vor ihr flüchtet, schafft möglicherweise Raum für Fragen, Gedanken und Wahrnehmungen, die im normalen Alltag kaum zu Wort kommen.
„Neun Sommer in Island“: Aus einer persönlichen Erfahrung wird ein Buch
Ihre Erfahrungen hat Dr. Anne Glantz schließlich in einem Buch festgehalten. „Neun Sommer in Island“ soll im Herbst 2026 im Gold Verlag erscheinen.
Das Buch verbindet dabei eine ungewöhnliche äußere Reise mit einer sehr persönlichen inneren Suche: Eine Frau bricht mit 71 Jahren nach Island auf, verbringt über Jahre hinweg ihre Sommer in großer Einfachheit am selben Seeufer und beschäftigt sich dort mit Fragen, die sie bereits seit ihrer Jugend begleiten.
Die vielleicht stärkste Idee daraus lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: erfüllte Leere.
In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit permanent umkämpft ist und freie Momente schnell mit neuen Reizen gefüllt werden, wirkt dieser Gedanke beinahe wie ein Gegenentwurf zum modernen Alltag.
Dr. Anne Glantz zeigt mit ihrer Geschichte, dass neue Erfahrungen nicht an ein bestimmtes Alter gebunden sind. Und dass Rückzug nicht bedeuten muss, sich vom Leben zu entfernen.
Manchmal kann gerade die Stille einen Menschen wieder näher an die Fragen führen, die ihm wirklich wichtig sind.