Krisenvorsorge für Familien und Unternehmen: Wie Sie sich richtig vorbereiten, bevor etwas passiert
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Warum ich diesen Artikel schreibe
Wenn ich auf Bühnen stehe oder in Beratungsgesprächen sitze, höre ich fast immer denselben Satz: „Ich wollte mich schon lange um das Thema kümmern, aber irgendwie kam immer etwas dazwischen." Krisenvorsorge ist eines dieser Themen, die jeder für wichtig hält und die trotzdem kaum jemand anpackt. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil das Thema unangenehm ist, weil es groß wirkt und weil niemand gerne über Situationen nachdenkt, in denen das gewohnte Leben nicht mehr funktioniert.
Ich habe über zwanzig Jahre Erfahrung mit Lagen, in denen Vorbereitung über den Ausgang entschieden hat. Als ehemaliger Kommandosoldat des KSK habe ich gelernt, was es bedeutet, wenn Pläne unter Druck halten müssen. Später habe ich als Berater, Mediator und Autor erlebt, dass die Prinzipien professioneller Vorbereitung nicht nur für Spezialkräfte gelten. Sie gelten für jede Familie, für jeden Betrieb und für jeden Menschen, der Verantwortung für andere trägt. Mein Anspruch dabei ist klar: Vorsorge darf kein Privileg sein. Das Wissen, wie man sich und seine Angehörigen auf Ausnahmesituationen vorbereitet, gehört nicht hinter verschlossene Türen. Es gehört in jeden Haushalt und in jede Geschäftsführung. Dieser Artikel soll Ihnen einen ehrlichen, praxistauglichen Einstieg geben: ohne Panikmache, aber auch ohne Beschönigung.
Was Krisenvorsorge wirklich ist (und was nicht)
Das Bild, das viele Menschen von Krisenvorsorge im Kopf haben, ist von Klischees geprägt: Bunker, Tarnkleidung, Menschen, die sich aus der Gesellschaft zurückziehen. Mit seriöser Vorsorge hat das nichts zu tun. Ich formuliere es in meinen Vorträgen gerne so: Resilienz ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis strukturierter Analyse und konsequenter Vorbereitung. Krisenvorsorge bedeutet zunächst etwas sehr Nüchternes: sich ehrlich anzuschauen, wovon das eigene Leben täglich abhängt, und sich zu fragen, was passiert, wenn einer dieser Bausteine ausfällt. Strom, Wasser, Kommunikation, Lieferketten, Zahlungsverkehr, medizinische Versorgung: Unser Alltag ist ein fein abgestimmtes System, und die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass dieses System verwundbarer ist, als wir lange glauben wollten. Eine Pandemie, ein europäischer Krieg, Hochwasserkatastrophen, großflächige Stromausfälle in europäischen Nachbarländern: Nichts davon war Science-Fiction. Alles davon ist passiert. Ich sage das nicht, um Angst zu erzeugen. Angst ist ein schlechter Ratgeber, sie führt zu Panikkäufen oder zu Verdrängung, und beides hilft niemandem. Ich sage es, weil ehrliche Lagebeurteilung der erste Schritt jeder guten Vorbereitung ist. Wer die Risiken nüchtern kennt, kann gelassen handeln. Wer sie verdrängt, wird im Ernstfall von ihnen überrascht. Gute Krisenvorsorge macht das Leben nicht ängstlicher, sondern ruhiger: Sie wissen, dass Sie vorbereitet sind, und genau dieses Wissen gibt Ihnen die Freiheit, sich wieder auf Ihren Alltag zu konzentrieren.
Die fünf häufigsten Fehler, die ich in der Praxis sehe
In meiner Beratungsarbeit begegnen mir immer wieder dieselben Muster. Wenn Sie diese fünf Fehler vermeiden, sind Sie besser aufgestellt als die große Mehrheit.
Fehler 1: Alles auf einmal wollen. Viele Menschen starten hochmotiviert, wollen in einer Woche den perfekten Vorrat, den Notfallrucksack und den Familienplan aufbauen, und geben nach zehn Tagen überfordert auf. Vorsorge ist ein Prozess, kein Projekt für ein Wochenende. Kleine, konsequente Schritte schlagen den großen Wurf.
Fehler 2: Material kaufen statt Fähigkeiten aufbauen. Ein Notstromaggregat, das noch nie gestartet wurde, ist im Blackout wertlos. Ausrüstung ist nur so gut wie die Routine im Umgang mit ihr. Ich habe beim Militär gelernt: Nicht die Ausrüstung entscheidet, sondern das Training. Wer seinen Campingkocher einmal im Jahr beim Familienessen im Garten benutzt, ist im Ernstfall handlungsfähig. Wer ihn originalverpackt im Keller lagert, hat nur Geld ausgegeben.
Fehler 3: Die Familie nicht einbeziehen. Ein Plan, den nur eine Person im Haushalt kennt, ist kein Plan. Was passiert, wenn genau diese Person im entscheidenden Moment nicht zu Hause ist? Krisenvorsorge ist Teamarbeit. Kinder kann man altersgerecht einbinden, ohne sie zu ängstigen, etwa indem man Notfallübungen als gemeinsames Abenteuer gestaltet.
Fehler 4: Nur an Material denken, nicht an Information und Kommunikation. Wie erfahren Sie im Stromausfall, was los ist? Wie erreichen Sie Ihre Angehörigen, wenn das Mobilfunknetz überlastet ist? Ein batteriebetriebenes Radio, ausgedruckte Telefonnummern und ein vereinbarter Treffpunkt kosten fast nichts und gehören zum Wichtigsten überhaupt.
Fehler 5: Einmal vorsorgen und nie wieder prüfen. Lebensmittel laufen ab, Batterien entladen sich, Dokumente veralten, Lebenssituationen ändern sich. Vorsorge braucht einen festen Rhythmus der Überprüfung, mindestens zweimal im Jahr.
Die Basis: Was jeder Haushalt vorhalten sollte
Die gute Nachricht: Die Grundlagen sind weder teuer noch kompliziert. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt seit Jahren einen Vorrat für mindestens zehn Tage, und diese Empfehlung ist ein vernünftiger Ausgangspunkt. Aus meiner Erfahrung rate ich dazu, in folgenden Bereichen zu denken:
Wasser ist die Priorität Nummer eins. Rechnen Sie mit mindestens drei Litern pro Person und Tag, für Trinken und einfache Hygiene eher mehr. Wasser ist das Erste, was in einer Versorgungskrise knapp wird, und das Letzte, worauf der Mensch verzichten kann.
Lebensmittel, die ohne Kühlung lagerfähig sind und die Ihre Familie tatsächlich isst. Der häufigste Praxisfehler ist ein Vorrat aus Konserven, die niemand mag. Mein Rat: Bauen Sie einen rollierenden Vorrat auf. Kaufen Sie von haltbaren Lebensmitteln, die Sie ohnehin verwenden, einfach mehr, verbrauchen Sie das Älteste zuerst und füllen Sie laufend auf. So haben Sie nie abgelaufene Bestände und keine zusätzlichen Kosten.
Licht und Wärme unabhängig vom Stromnetz. Taschenlampen, Kerzen, warme Schlafsäcke, je nach Wohnsituation eine sichere Möglichkeit, Wasser zu erhitzen. Ein längerer Stromausfall im Winter ist eines der Szenarien, die ich in Beratungen am intensivsten durchspiele, weil er praktisch jeden Bereich des Alltags gleichzeitig trifft.
Gesundheit und Hygiene. Eine gut sortierte Hausapotheke, persönliche Dauermedikamente mit Reserve für mindestens zwei Wochen, Erste-Hilfe-Material und die Kenntnisse, es anzuwenden. Ein Erste-Hilfe-Kurs ist eine der besten Investitionen in die eigene Krisenfestigkeit, ganz unabhängig von jedem Krisenszenario.
Dokumente und Finanzen. Kopien wichtiger Dokumente an einem zweiten Ort oder verschlüsselt digital, dazu eine Bargeldreserve in kleinen Scheinen. Fällt der Zahlungsverkehr aus, und sei es nur regional für zwei Tage, werden Kartenzahlungen und Geldautomaten zum Problem.
Information und Kommunikation. Ein Radio mit Batterie- oder Kurbelbetrieb, Powerbanks, eine Liste wichtiger Nummern auf Papier und klare Absprachen in der Familie: Wer holt die Kinder ab? Wo treffen wir uns, wenn wir nicht nach Hause können? Wer ist die zentrale Kontaktperson außerhalb der Region?
Das alles klingt banal, und genau das ist der Punkt: Wirksame Krisenvorsorge besteht zu neunzig Prozent aus unspektakulären, soliden Grundlagen. Die verbleibenden zehn Prozent, die individuelle Feinabstimmung auf Wohnort, Familiensituation und persönliche Risiken, sind der Bereich, in dem eine professionelle Analyse ihren Wert entfaltet.
Krisenvorsorge für Familien: Der Plan ist wichtiger als der Vorrat
Material kann man kaufen, einen funktionierenden Familienplan nicht. Deshalb lege ich in Beratungen für Privatpersonen und Familien den Schwerpunkt auf drei Fragen, die vor jeder Einkaufsliste stehen.
Erstens: Welche Szenarien sind für uns realistisch? Wer in einem hochwassergefährdeten Tal wohnt, hat andere Prioritäten als eine Familie im städtischen Hochhaus, und wer beruflich pendelt, muss anders planen als jemand im Homeoffice. Pauschale Checklisten aus dem Internet sind ein Anfang, aber sie ersetzen nicht den Blick auf die eigene, konkrete Lage.
Zweitens: Wer macht was? In einer Ausnahmesituation ist keine Zeit für Grundsatzdiskussionen. Jedes Familienmitglied sollte seine Aufgaben kennen, vom Erwachsenen bis zum Schulkind. Diese Klarheit nimmt im Ernstfall enormen Druck aus der Situation.
Drittens: Wann entscheiden wir was? Die schwierigsten Entscheidungen in Krisen sind Zeitpunktentscheidungen. Bleiben wir zu Hause oder verlassen wir das Haus? Ab wann gilt unser Notfallplan? Wer solche Schwellen vorher definiert hat, entscheidet im Ernstfall schneller und besser. Beim Militär nennen wir das Entscheidungspunkte, und dieses Prinzip funktioniert in der Familie genauso wie im Einsatz.
Unternehmen: Resilienz ist Chefsache
Bei meiner Arbeit mit Unternehmen erlebe ich oft ein Paradox: Dieselben Geschäftsführer, die jedes Investitionsrisiko dreifach absichern, verlassen sich bei existenziellen Betriebsrisiken auf Hoffnung. Dabei stellen sich für einen Betrieb dieselben Fragen wie für eine Familie, nur mit größerer Tragweite: Was passiert bei einem mehrtägigen Stromausfall mit Produktion, Kühlketten, IT und Kommunikation? Welche Lieferanten sind unersetzbar, und was ist der Plan, wenn genau dort etwas ausfällt? Wie erreichen Sie Ihre Mitarbeiter, wenn die üblichen Kanäle nicht funktionieren?
Unternehmerische Resilienz beginnt mit einer ehrlichen Schwachstellenanalyse: Wo sind die einzelnen Ausfallpunkte, an denen das gesamte Unternehmen hängt? Darauf aufbauend entstehen gestaffelte Pläne: eine primäre Lösung, eine Ausweichlösung und eine Notlösung für die kritischen Funktionen. Auch hier gilt: Ein Plan, der nur im Ordner steht und nie geübt wurde, ist Papier. Ein Plan, den die Führungsmannschaft einmal im Jahr in einer Übung durchspielt, ist ein Wettbewerbsvorteil, und zwar auch dann, wenn die große Krise nie eintritt. Denn die gleiche Klarheit über Prozesse, Verantwortlichkeiten und Abhängigkeiten macht ein Unternehmen auch im Normalbetrieb besser.
Der Faktor Mensch: Warum mentale Resilienz den Unterschied macht
Es gibt eine Erkenntnis aus meiner Zeit bei den Spezialkräften, die ich für die wichtigste von allen halte: In der Krise entscheidet nicht primär die Ausrüstung, sondern der Zustand des Menschen, der sie benutzt. Stress verengt das Denken. Menschen, die nie über Ausnahmesituationen nachgedacht haben, verlieren im Ernstfall wertvolle Zeit durch Schock und Unentschlossenheit, während vorbereitete Menschen handlungsfähig bleiben. Mentale Resilienz ist trainierbar, und der wirksamste Weg ist erstaunlich einfach: das gedankliche Durchspielen von Szenarien. Wer sich in Ruhe überlegt hat, wie er auf einen Stromausfall, eine Evakuierung oder einen Notfall in der Familie reagieren würde, hat im Ernstfall ein Muster im Kopf, an dem er sich entlanghangeln kann. Die Psychologie nennt das mentale Simulation, beim Militär ist es fester Bestandteil jeder Einsatzvorbereitung. Dazu kommt der Umgang mit Information: In unübersichtlichen Lagen kursieren Gerüchte und Falschmeldungen. Wer vorher festgelegt hat, welchen Quellen er vertraut, bleibt auch informationell stabil.
Wo Krisenvorsorge auf meine anderen Arbeitsfelder trifft
Viele, die mich über das Thema Krisenvorsorge kennenlernen, sind überrascht, wie breit mein Arbeitsfeld tatsächlich ist. Dabei hängt alles zusammen. Als ausgebildeter Mediator und Verhandlungsführer beschäftige ich mich täglich damit, wie Menschen unter Druck kommunizieren und entscheiden, und genau diese Dynamik bestimmt auch das Verhalten in Krisenlagen. Wer schon einmal erlebt hat, wie eine Familie oder ein Führungsteam unter Stress in Konflikte gerät, versteht, warum Kommunikationsfähigkeit ein Kernbestandteil jeder Krisenfestigkeit ist. In der Arbeit für Unternehmen kommen Verhandlungsführung, Due-Diligence-Prüfungen und internationale Ermittlungen dazu: die Frage, mit wem man Geschäfte macht, welche Risiken hinter einer Geschäftsanbahnung stehen und wie man kritische Verhandlungen vorbereitet und führt. Auch das ist im Kern Vorsorge, nur eben im wirtschaftlichen Umfeld. Und als Autor und Speaker arbeite ich daran, dieses Wissen aus den Spezialbereichen herauszuholen und allgemein zugänglich zu machen, in Büchern, Keynotes und Workshops. Einen Überblick über all diese Bereiche finden Sie auf meiner Website andre-schmitt.com.
Ihre ersten drei Schritte
Wenn Sie aus diesem Artikel etwas mitnehmen, dann bitte diese drei konkreten Schritte. Erstens: Machen Sie in dieser Woche eine ehrliche Bestandsaufnahme. Was hätten Sie heute im Haus, wenn ab sofort für drei Tage Strom, Wasser oder Einkaufsmöglichkeiten ausfielen? Schreiben Sie es auf, ohne sich etwas schönzurechnen. Zweitens: Schließen Sie die größte Lücke zuerst. Meistens ist es Wasser oder die Kommunikationsfrage. Ein einziger gezielter Einkauf und ein Familiengespräch von einer halben Stunde bringen Sie weiter als wochenlanges Lesen. Drittens: Machen Sie Vorsorge zur Routine. Ein fester Termin im Kalender, zweimal im Jahr, an dem Sie Vorräte, Dokumente und Absprachen überprüfen. Und wenn Sie an den Punkt kommen, an dem Sie Ihre persönliche Situation, Ihre Familie oder Ihr Unternehmen strukturiert und professionell bewerten lassen möchten: Genau dafür gibt es die individuelle Beratung und Risikoanalyse. Eine Nachricht genügt, kein Druck. Manche Menschen brauchen nur einen Impuls und setzen alles selbst um, andere wollen einen erfahrenen Begleiter an ihrer Seite. Beides ist richtig. Krisenvorsorge ist am Ende nichts anderes als eine Form von Verantwortung: für sich selbst, für die Menschen, die man liebt, und für die Menschen, für die man beruflich Verantwortung trägt. Der beste Zeitpunkt anzufangen war gestern. Der zweitbeste ist heute.
Über den Autor
André Schmitt ist Krisenvorsorge-Experte, Bestseller-Autor und Speaker. Der ehemalige Kommandosoldat des Kommando Spezialkräfte (KSK), IHK-zertifizierte Kaufmann und ausgebildete Mediator berät Privatpersonen, Familien und Unternehmen in den Bereichen Krisenvorsorge, unternehmerische Resilienz, Verhandlungsführung und Due Diligence. Sein Leitsatz: Vorsorge darf kein Privileg sein.