Alleinreisen als Frau: Wie Yvonne Frei im Iran und in Zentralasien ihre Vorurteile hinterfragt

Yvonne Frei


Alleinreisen als Frau: Wie Yvonne Frei im Iran und in Zentralasien ihre Vorurteile hinterfragt
Foto: Justin Bockey

Ein VW-Camper, das Ziel Kirgisistan und viele Fragen an das Unbekannte: Im April 2019 bricht Yvonne Frei Richtung Osten auf. In „REISEN WACHSEN LEBEN“ erzählt sie von ihrer Fahrt durch den Iran und Zentralasien, von unerwarteter Gastfreundschaft und Momenten großer Einsamkeit. Ihr Reisebericht zeigt, wie persönliche Begegnungen vertraute Vorstellungen erschüttern können auch die Vorstellung davon, was Reisen mit einem selbst macht.

Die erste Überraschung wartet an der Grenze

Im Touristenbüro an der iranischen Grenze soll Yvonne Frei ihre Route aufzeichnen. Dann fragt der Beamte, ob sie das Land allein als Frau bereisen wolle. Sie hält den Atem an. Beginnen jetzt die Schwierigkeiten?

Seine Reaktion überrascht sie: Er freut sich über ihr Interesse, spricht offen über das schlechte Bild seines Landes und bittet sie, nach ihrer Rückkehr von den Menschen zu erzählen. Draußen verabschieden Männer sie lachend und winkend. „Welcome to Iran!“ wird sie auf ihrer Reise noch oft hören.

Frei beschreibt diese Einreise als einen Moment, in dem ihre Erwartungen ins Wanken geraten. Sie hatte mit Problemen gerechnet und erlebt zunächst ein Willkommen. Noch bevor sie die erste Strecke im Land zurückgelegt hat, passt ihre Vorstellung nicht mehr recht zu dem, was ihr begegnet.

Dieser Abstand zwischen Erwartung und Erfahrung zieht sich durch „REISEN WACHSEN LEBEN“. Die Autorin betrachtet dabei auch ihre eigenen Urteile: 

  • Was weiß sie tatsächlich über einen Ort?
  • Was hat sie übernommen?
  • Und was verändert sich, wenn aus einer Vorstellung ein Gespräch wird?


Alleinreisen beginnt mit einem schweren Abschied

Der Aufbruch fällt Frei keineswegs leicht. Als sie im April 2019 mit ihrem Camper losfährt, schmerzt die Trennung von ihrem Mann Marcel. Schon auf den ersten Etappen begleiten sie Regen, Müdigkeit und Zweifel.

Hinter der Fahrt steht ein konkretes Ziel: Kirgisistan. Dort hatte sie bereits 2016 gemeinsam mit lokalen Ärzten am Aufbau eines Zentrums für Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten mitgewirkt. Nun führt sie der Weg mit dem eigenen Fahrzeug durch die Türkei, den Iran, Turkmenistan und Usbekistan.

Das Buch erzählt also von einer Reise mit Anlass und Richtung, aber viel Raum für Ungeplantes. Frei nennt ihren VW-Bus „Milvus“. Er ist Transportmittel, Schlafplatz und vertrauter Rückzugsort. Die Handlung entsteht häufig dort, wo sie ihn verlässt und mit Menschen in Kontakt kommt.

Dabei bleibt die Nähe zu den Daheimgebliebenen wichtig. Als Telefon und Internet im Iran zunächst nicht funktionieren, fehlt ihr die Möglichkeit, Erlebnisse zu teilen und vertraute Stimmen zu hören. Selbstbestimmtes Unterwegssein und das Bedürfnis nach Verbindung bestehen für sie nebeneinander.

Gastfreundschaft wird konkret, wenn die Orientierung fehlt

In Täbris sucht Frei ein Hotel, um wieder ins Internet zu gelangen. Ohne funktionierende Navigation und ohne die persische Schrift lesen zu können, steht sie ratlos an einer Tankstelle.

Ein Mann versucht, ihr den Weg zu erklären. Als deutlich wird, dass sie ihn nicht versteht, fordert er sie auf, ihm zu folgen. Aus einer abstrakten Hoffnung auf Hilfsbereitschaft wird eine konkrete Erfahrung.

Solche Begegnungen verändern ihren Blick. Frei fragt sich, wie selbstverständlich einem gestrandeten iranischen Reisenden in der Schweiz geholfen würde. Die Szene lenkt ihre Aufmerksamkeit damit auch auf die eigene Herkunft und auf die Gewohnheit, andere Lebensweisen vom vertrauten Standpunkt aus zu beurteilen.

Der Bericht bleibt zugleich widersprüchlich. Auf die Freude über die Einreise folgen anstrengender Verkehr, Erschöpfung und Unsicherheit beim Übernachten. Nach einem Geldwechsel ärgert sie sich über sich selbst. Offenheit bewahrt sie weder vor Missverständnissen noch vor verletztem Stolz.

Gerade dieses Nebeneinander macht ihre Perspektive nachvollziehbar: Begeisterung kann innerhalb weniger Stunden in Überforderung umschlagen. Ein herzlicher Empfang beantwortet nicht jede weitere Frage.

Als Besucherin frei und wie ist es für die Frauen vor Ort?

Eine besonders aufschlussreiche Szene spielt in einer Waschanlage. Frei wird von Sayra begleitet, die ihr beim Übersetzen helfen soll. Die beiden Frauen fallen auf. Während Frei inzwischen selbstbewusst auf die Männer zugeht, fühlt ihre Begleiterin sich unter den Blicken und Kommentaren unwohl und verabschiedet sich.

Frei bleibt. Im Gespräch erfährt sie Anerkennung für ihre weite Fahrt mit dem Schweizer Auto. Als sie fragt, ob die Männer ihren eigenen Frauen eine solche Reise ebenfalls zutrauen oder erlauben würden, fallen die Antworten anders aus.

Die Szene zeigt eine Grenze ihrer persönlichen Freiheit: Die Aufmerksamkeit, die sie als ausländische Reisende erhält, sagt wenig darüber aus, welche Möglichkeiten ihre Begleiterin im Alltag hat. Frei nimmt diesen Unterschied wahr und setzt sich mit ihm auseinander.

Ihre Begegnungen fügen sich deshalb nicht zu einem einheitlichen Bild zusammen. Gastfreundschaft, Neugier und Einschränkungen stehen nebeneinander. Der Reisebericht gewinnt dort an Tiefe, wo diese Spannungen sichtbar bleiben.

Wenn selbst die Seidenstraße nicht mehr berührt

Später, in der usbekischen Stadt Chiwa, kippt die Stimmung. Historische Gassen, Mauern und Kuppeln liegen vor ihr. Eigentlich müsste sie beeindruckt sein. Doch Frei empfindet Leere.

Grenzübertritte, lange Fahrten und immer neue Eindrücke haben sie erschöpft. Sie fährt weiter, besichtigt weiter und merkt, dass sie kaum noch Anteil nimmt. Abends sitzt sie allein zwischen Paaren und Reisegruppen. Jetzt sehnt sie sich nach Menschen, die sie kennen.

„Nicht jeder Sonnenuntergang verändert das Leben. Nicht jede Freiheit macht glücklich. Und nicht jede Reise führt automatisch zu sich selbst.“

Diese Passage stellt auch eine Erwartung an das Alleinreisen infrage: dass die Entfernung vom Alltag zwangsläufig Nähe zu sich selbst schafft. Frei beschreibt das Gegenteil. Unterwegs verliert sie zeitweise den Zugang zu dem, was sie gesucht hat.

Erst allmählich fragt sie sich, welchen Anteil sie selbst daran hat, ob Begegnungen entstehen. Die Offenheit, die sie im Iran erlebt hatte, lässt sich anderswo nicht einfach voraussetzen.

Ein anderer Blick reist mit zurück

„REISEN WACHSEN LEBEN“ erzählt von eindrucksvollen Landschaften und ungewöhnlichen Situationen. Seine zentrale Frage entsteht jedoch zwischen den Stationen: Was geschieht, wenn die Wirklichkeit die eigene Erwartung nicht bestätigt?

Für Yvonne Frei betrifft das die Menschen, denen sie begegnet, ebenso wie ihre Vorstellung von Freiheit. Sie erlebt Hilfe, wo sie Schwierigkeiten erwartet hatte, und Einsamkeit an Orten, die sie begeistern sollten. Beides verlangt, genauer hinzusehen.

Persönliches Wachstum bekommt in diesem Reisebericht dadurch eine unbequeme Seite. Es bedeutet auch, einen Irrtum zu bemerken, die eigene Müdigkeit ernst zu nehmen und anzuerkennen, wie sehr selbst eine selbstständige Reisende auf andere Menschen angewiesen bleibt.

 

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