Abnehmen in den Wechseljahren: Warum Mandy Siskas den Druck zu mehr Disziplin hinterfragt

Redaktion


Abnehmen in den Wechseljahren: Warum Mandy Siskas den Druck zu mehr Disziplin hinterfragt
Foto: Christina Poersch

Weniger essen, mehr bewegen, konsequenter sein: Diese Ratschläge hatte Mandy Siskas als Trainerin selbst lange weitergegeben. Bis sie sich im eigenen Körper nicht mehr wiedererkannte. In „Hilfe, wo ist die Schokolade?“ verbindet sie ihre persönliche Geschichte mit einem kritischen Blick auf Diätregeln und der Frage, wie Veränderungen im Alltag Platz finden, ohne zum nächsten Belastungsprogramm zu werden.

 

Ein grünes Kleid und eine unbequeme Frage

Eigentlich sollte es ein schöner Moment werden. In Griechenland findet Mandy Siskas ein grünes Kleid für die Hochzeit ihrer Nichte. Der Stoff gefällt ihr, die Farbe lässt ihre Augen leuchten, ihre Tochter ist begeistert. Doch ihr eigener Blick bleibt am Bauch hängen.

Sie kauft das Kleid mit einem stillen Vorhaben: Bis zur Hochzeit soll der Bauch verschwinden. Weniger Schokolade, mehr Bewegung, das vertraute Programm. Dann kommen volle Termine, Krankheit und der Alltag dazwischen. Auf der Hochzeit entsteht schließlich ein Foto, auf dem sie gerade nicht den Bauch einzieht. Eine abfällige Bemerkung darüber trifft sie.

Siskas erzählt diese Szene mit Selbstironie, aber auch mit spürbarer Verletzlichkeit. Gerade als langjährige Fitness- und Aerobictrainerin und Mental Coach glaubt sie, es besser wissen zu müssen. Sie kennt die Ratschläge, hat sie anderen Frauen selbst gegeben. Nun steht sie vor derselben Frage wie viele ihrer Kundinnen: Warum fühlt sich der eigene Körper plötzlich so fremd an?

Diese Erfahrung bildet den Ausgangspunkt ihres Buches. Das grüne Kleid wird darin zum wiederkehrenden Bild für den Versuch, den Körper zu kontrollieren und für die Suche nach einem anderen Umgang mit ihm.

 

Wenn aus einem Abnehmziel ein Urteil über die eigene Person wird

Beim Thema Abnehmen in den Wechseljahren interessiert Siskas besonders die Verbindung zwischen körperlicher Veränderung und Selbstvorwürfen. In den Gesprächen mit Frauen hatte sie nach eigener Darstellung immer wieder gehört: Sie achteten auf ihre Ernährung, bewegten sich und waren dennoch unzufrieden mit der Entwicklung ihres Bauches.

Früher, räumt sie ein, habe sie dabei auch an mangelnde Konsequenz gedacht. Ihre eigene Erfahrung brachte sie dazu, diese Einschätzung zu hinterfragen.

„Heute weiß ich: Das war zu kurz gedacht.“

Mit dieser Selbstkorrektur bekommt das Buch eine persönliche Richtung. Hier schreibt eine Trainerin, die auch ihre bisherigen Antworten überprüft. Sie beschreibt, wie schnell aus einem unerreichten Ziel eine Bewertung der eigenen Person wird: zu schwach, zu undiszipliniert, wieder nicht durchgehalten.

Genau diesen Schluss stellt sie infrage. Ihr Anliegen ist, genauer auf die Lebensumstände und Gewohnheiten einer Frau zu schauen, bevor aus einer Veränderung des Körpers ein persönliches Versagen gemacht wird.

 

Die alte Landkarte passt nicht mehr

Siskas verwendet dafür das Bild einer falschen Landkarte. Wer sich an vertrauten Regeln orientiert und trotzdem nicht dort ankommt, wo er hinmöchte, kann die eigene Anstrengung immer weiter erhöhen. Oder prüfen, ob die Orientierung noch passt.

In ihrer Darstellung gehören zum Verständnis des sogenannten Meno-Bauchs mehrere Themen: hormonelle Veränderungen, Blutzucker und Insulin, Muskelmasse, Stress, Schlaf und Essgewohnheiten. Sie erläutert ihre Sicht auf diese Zusammenhänge mit alltagsnahen Bildern. Insulin tritt als Hausmeister mit Schlüsselbund auf, Cortisol als festhängender Alarmknopf, der Schlaf als Nachtcrew.

Diese Sprache prägt das Buch. Siskas erzählt körperliche Vorgänge wie ein Geschehen mit unterschiedlichen Beteiligten. Ihre Botschaft dabei: Wer über das eigene Gewicht nachdenkt, sollte aus ihrer Sicht mehr betrachten als einzelne Lebensmittel oder die Zahl der Trainingseinheiten.

Für den redaktionellen Kern ihrer Geschichte ist vor allem der Perspektivwechsel entscheidend: vom pauschalen Vorwurf mangelnder Disziplin hin zur neugierigen Frage, was im eigenen Alltag tatsächlich passiert.

 

Gewohnheiten müssen einen normalen Dienstag überstehen

Besonders konkret wird dieser Gedanke bei der Planung neuer Gewohnheiten. Siskas beschreibt die Frau, für die viele Vorsätze gemacht werden: ausgeschlafen, entspannt, mit Zeit zum Kochen und Energie für Sport. Im echten Alltag ist diese Version allerdings oft nicht anzutreffen.

„Ich kenne diese Frau. Sie existiert meistens sonntags beim Planen. Montags um 18:43 Uhr ist sie verschwunden.“

Dieser Humor hat einen ernsten Kern. Ein Vorhaben kann auf dem Papier vernünftig aussehen und dennoch an einem gewöhnlichen Arbeitstag scheitern. Die Autorin schlägt deshalb vor, Veränderungen an der tatsächlichen Lebenssituation auszurichten.

Zu ihren Beispielen gehören kurze Bewegungseinheiten nach dem Essen, langsameres Essen und ein vorbereitetes Frühstück. Sie stellt solche kleinen Routinen umfassenden Neustarts gegenüber, bei denen gleichzeitig Ernährung, Sport und Schlaf perfekt werden sollen.

Der Maßstab ist für sie die Wiederholbarkeit. Passt eine Gewohnheit auch in einen Tag mit Termindruck, Müdigkeit und wenig Entscheidungskraft? Oder funktioniert sie nur unter Bedingungen, die selten eintreten?

So rückt das Buch eine praktische Frage in den Vordergrund: Wie lässt sich ein Vorhaben so gestalten, dass es im eigenen Leben überhaupt eine Chance bekommt?

 

Die Schokolade ist nicht der einzige Punkt

Der Buchtitel greift einen weiteren Konflikt auf: den zwischen Genuss und schlechtem Gewissen. Schokolade soll in Siskas’ Ansatz keinen verbotenen Sonderstatus bekommen. Sie interessiert sich vielmehr dafür, was dem Griff in die Schublade vorausgeht.

War der Tag anstrengend? Wurde das Essen lange aufgeschoben? Gab es kaum Ruhe? Solche Fragen schlägt sie als Ausgangspunkt für die Selbstbeobachtung vor. Ein Abend, der anders verläuft als geplant, soll Anlass zum Hinschauen sein, statt sofort den nächsten strengen Neustart auszulösen.

„Dann brauchst du keinen Neustart am Montag. Dann brauchst du Neugier.“

Das ist eine der tragenden Haltungen des Buches. Siskas möchte den Wunsch nach Veränderung ernst nehmen und zugleich den Umgang mit Rückschritten verändern. Der Körper soll dabei nicht fortwährend zum Gegenstand von Kontrolle und Abwertung werden.

 

Sich im eigenen Körper wiedererkennen

„Hilfe, wo ist die Schokolade?“ beginnt mit einem Bauch, einem Kleid und einem verletzenden Foto. Die Frage dahinter reicht jedoch weiter: Wie lässt sich etwas verändern, ohne sich währenddessen ständig abzulehnen?

Siskas’ persönliche Antwort verbindet alltagstaugliche Gewohnheiten mit einem freundlicheren Blick auf sich selbst. Der Wunsch, sich in Kleidung wieder wohlzufühlen, darf bleiben. Ebenso der Genuss. Entscheidend ist für sie, ob der Weg dorthin das wirkliche Leben berücksichtigt.

Das grüne Kleid steht deshalb am Ende für mehr als eine passende Größe. Es erinnert daran, wie viel Raum ein vermeintlicher Makel einnehmen kann – und wie viel Aufmerksamkeit wieder für das eigene Leben frei werden könnte, wenn nicht jeder Blick in den Spiegel zur Prüfung wird.